Geschichtspolitik

Pommerland ist abgebrannt

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Der Schleswig-Holsteinische Landtag in Kiel Foto: Wikimedia/UphoffHe

Am vergangenen Sonntag hatte die Pommersche Landsmannschaft ihre Mitglieder und Freunde zur Eröffnung einer Ausstellung im Schleswig-Holsteinischen Landtag in Kiel eingeladen. Unter dem Titel „Vertrieben – und vergessen?“ sollte am „Tag der Heimat“ an dem prominenten Ort an der Kieler Förde an die reiche Geschichte Pommerns und an die Vertreibung der deutschen Bevölkerung am Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert werden. Doch es kam anders. Wer am Sonntag das Landeshaus betreten wollte, stand vor verschlossenen Türen. Die Ausstellung wurde abgesagt.

Was ist passiert? Im April 2012 hatte die Landtagsverwaltung in Gestalt ihres damaligen Landtagspräsidenten Torsten Geerdts (CDU) einen Nutzungsvertrag an die in Lübeck-Travemünde beheimatete Landsmannschaft geschickt. Fünf Tage sollte die Ausstellung im Landeshaus zu sehen sein. Alles schien in trockenen Tüchern.

Doch kurz vor der geplanten Eröffnung begann dann der Eiertanz. Eine Mitarbeiterin der Landtagsverwaltung – Landtagspräsident Klaus Schlie (CDU), der während der ganzen Verhandlung abgetaucht war, hatte offenbar entsprechende Weisungen hinterlassen – verlangte plötzlich die Vorlage des Flugblattes, mit dem die Landsmannschaft zum Besuch der Ausstellung einladen wollte, und eine Inhaltsangabe der Ausstellung.

Keine Gnade vor den Augen der Zensoren

Dem zweiten Wunsch konnte nicht sofort entsprochen werden, da der Ausstellungskatalog noch nicht fertiggestellt war. Doch das Flugblatt konnte vorgelegt werden – und prompt untersagte die Landtagsverwaltung, es zu verteilen. Die Gründe erfuhr die Landsmannschaft zunächst nicht. Schnell entwarfen die Verantwortlichen aber eine neue Fassung, doch auch sie fand keine Gnade vor den Augen der Zensoren.

Darüber hinaus verlangte die Landtagsverwaltung nun ultimativ, daß ihr alle Texte, die auf den Ausstellungstafeln zu sehen seien, vorher zur Prüfung vorgelegt werden müßten. Auch behielt sich die Verwaltung vor, Tafeln ganz aus dem Verkehr zu ziehen. Auf bestimmte Themen müsse man eben notfalls verzichten, hieß es aus dem Landeshaus.

Nach Informationen der JUNGEN FREIHEIT erregte in Kiel vor allem Anstoß, wie auf den Tafeln der Ausstellung auch die Vorgeschichte der Vertreibung, dargestellt werden sollte. „Deutsche Ambitionen vom neuen Siedlungsraum im Osten und der Unterdrückung slawischer Völker gehören ebenso in diese Darstellung wie polnische Träume von einem großpolnischen Reich bis zur Elbe. Die Eskalation der deutsch-polnischen Rivalitäten im Zweiten Weltkrieg mit den beiden divergierenden Zielen der Vernichtung des Polentums durch die Nationalsozialisten und die Verdrängung des deutschen Elements bis mindestens hinter die Oder durch die Polen stehen im Mittelpunkt dieser Vorgeschichte der Vertreibung“, heißt es in dem beanstandeten Flugblatt. Eine solche Darstellung war offenbar in den Augen der Landtagsverwaltung nicht erwünscht.

Finanzielle Unterstützung für Wehrmachtsausstellung

Als die Landtagsverwaltung auf den Streichungen beharrte, widersetzte sich der Vertriebenenverband. „Die Ausstellung kann nur komplett mit allen Tafeln ausgestellt werden, eine Herausnahme von einzelnen oder mehreren Tafeln würde die Geschichte des Landes Pommern und die Vertreibung der Pommern nur verfälscht wiedergeben“, ließ sie die Verantwortlichen wissen.

Die Landtagsverwaltung teilte im Auftrag des Präsidenten mit, daß das Parlament auf seinem Recht bestehe, die Ausstellung auf ihre Inhalte zu prüfen und gegebenenfalls Teile aus der Ausstellung auszuschließen. Die Pommern aber blieben hart und verzichteten schließlich auf die Ausstellung.

Der Versuch des Landtags, auf den Inhalt der Ausstellung Einfluß zu nehmen, verwundert um so mehr, als er in der Vergangenheit großzügig seine Räume auch für heftig umstrittene Ausstellungen zur Verfügung stellte. So etwa 1998, als Jan Philipp Reemtsma und Hannes Heer ihre Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944“ im Kieler Landtag zeigten und hierfür 100.000 D-Mark Unterstützung erhielten. Ein Jahr später mußte die Ausstellung zurückgezogen werden, nachdem Historiker zahlreiche Fälschungen aufgedeckt hatten.

JF 33/13

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