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Gedenkfeier
 

Zentralrat protestiert gegen Festredner

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Der Politikwissenschaftler Alfred Grosser: Beim Zentralrat nicht erwünscht Foto: Wikipedia/Holger Noß

FRANKFURT. Die Gedenkfeier zur Reichskristallnacht am 9. November droht von einem Skandal überschattet zu werden. Die Jüdische Gemeinde in Frankfurt kündigte an, den Festakt in der Paulskirche zu boykottieren, sollte der diesjährige Festredner Alfred Grosser den Staat Israel verunglimpfen. Um die Wahl Grossers, der als scharfer Kritiker der israelischen Besatzungspolitik gilt, war bereits im Vorfeld heftiger Streit entbrannt.

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden (ZdJ), Stephan Kramer, hatte in einem Brief an Frankfurts Bürgermeisterin Petra Roth (CDU) sogar die Ausladung des 85jährigen Politikwissenschaftlers gefordert. Dieser habe „seit Jahren den Holocaust mit der heutigen Situation der palästinensischen Bevölkerung“ verglichen, hieß es zur Begründung.

Solidarität mit Martin Walser als Kritikpunkt

Auch habe sich Grosser ausdrücklich mit Martin Walser und dessen Rede in der Paulskirche vor zwölf Jahren solidarisiert. Walser hatte sich damals gegen eine hypertrophe Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus gewandt und von Auschwitz als einer „moralischen Keule“ gesprochen. Darüber hatten sich Walser und der damalige ZdJ-Vorsitzende Ignaz Bubis zerstritten.

„Ich halte es von einer Stadt, die Bubis angeblich in ihr Herz geschlossen hat, für pietätlos, Alfred Grosser an diesem Datum und an diesem Ort sprechen zu lassen“, bekräftigte Kramer seine Forderung gegenüber dem Focus. Michael Brumlik, Mitglied der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, nannte Grossers Israelkritik gegenüber der Welt „abstrakt und hypermoralisch“.

„Stephan Kramer ist nicht der Zentralrat der Juden“

Auf der anderen Seite wies der Publizist Rafael Seligmann die Stellungnahme Kramers als Einmischung zurück. „Stephan Kramer ist nicht der Zentralrat der Juden. Er ist lediglich dessen Angestellter. Kramer ist auch keine moralische Instanz. Weder für die Juden, noch für die Stadt Frankfurt“, sagte er der Frankfurter Neuen Presse.

Grosser wurde 1925 in Frankfurt geboren und flüchtete 1933 mit seiner Familie nach Frankreich. Dort erwarb sich der Politikwissenschaftler und Publizist Verdienste um die deutsch-französische Aussöhnung. (FA)

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