Es war eine Aktion, wie wir sie bestenfalls aus der Phantasiewelt des Filmes kennen. 150 US-Flugzeuge knipsten in der Nacht auf Samstag die gesamte Luftabwehr über Venezuela aus, danach landeten ein Dutzend Helikopter auf dem weitläufigen Gelände des „Forte Tiuna“, dem Armee- Hauptquartier in der Hauptstadt Caracas, wo Nicolas Maduro nächtigte. US-Spezialeinheiten schalteten die Leibwache des Diktators aus und überwältigten diesen, bevor er sich in einem Bunker verschanzen konnte. Danach flogen sie Maduro zusammen mit seiner Frau Cilia Flores in Handschellen aus. Nach zwei Stunden war der Spuk vorbei. Kein einziger US-Soldat wurde getötet oder ernsthaft verletzt, alle Flieger kehrten weitgehend unversehrt auf ihre Basen zurück, mit den beiden Inhaftierten an Bord, die nun ein Prozeß wegen Drogenschiebereien in New York erwartet.
Welch ein Coup! Wir wissen zwar nicht, wie viele Tote und Verletzte es auf der venezolanischen Seite gab. Viele dürften es nicht gewesen sein. Sonst hätte das Regime die Opfer wohl propagandistisch verwertet. Bislang ist von einem zivilen Opfer die Rede. Die Leibgarden von Maduro und Konsorten bestehen fast ausschließlich aus kubanischen Söldnern, die in Venezuela so wenig verloren haben wie die US-Marines. Zweifellos haben die US-Nachrichtendienste das Regime bis in seine Innereien unterwandert. Sie wußten genau, wo sie Maduro suchen mußten und welche Hürden dabei zu überwinden waren. Ohne Hilfe von Insidern wäre eine derartige Operation unvorstellbar gewesen.
Der Coup wirkt als psychologische Kriegsführung
Und genau darauf scheint die Regierung Trump zu setzen: Die Diktatur soll von ihren eigenen Militärs gestürzt werden. Trump denkt nicht daran, Venezuela militärisch zu besetzten. Er will kein zweites Vietnam oder Afghanistan. Nach dem Coup zogen sich die US-Kommandos sofort aus dem Land zurück. Trump und sein Außenminister Marco Rubio haben an einer Pressekonferenz am Samstag eine klare Message nach Caracas gesendet: Mit uns könnt ihr verhandeln; wir haben auch mit Maduro verhandelt; entweder unterstellt ihr euch unserem Kommando, oder ihr endet wie euer Ex-Chef.
Seit einem Jahr führt die Trump-Administration einen Zermürbungskrieg gegen das Regime in Caracas. Zug um Zug wurde der Druck erhöht: Beschlagnahmung von Vermögenswerten, Unterbindung des milliardenschweren Schlepper-Geschäftes, Abschuß von Drogenbooten, Schließung des Luftraums, Beschlagnahmung von Tankern der Schattenflotte, eine militärische Drohkulisse der Superlative. Die Strategie ist offenkundig: Die Diktatur in Caracas und ihre Schergen sollen eingeschüchtert und von ihren korrupten und kriminellen Einnahmequellen abgeschnitten werden. Was weniger bekannt ist: Der amerikanische Ölriese Chevron ist nach wie vor in Venezuela tätig und kontrolliert bis zu einem Viertel der Ölförderung. Die Erträge fließen kontrolliert nach Venezuela zurück und kommen so der Bevölkerung zugute.
Deal mit dem imperialistischen Klassenfeind?
Nach dem Coup ließ Trump durchblicken – beiläufig, aber unmißverständlich: Er denkt auch nicht daran, die Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado oder den im letzten August gewählten Präsidenten Edmundo González im Miraflores-Palast in Caracas zu installieren. Beiden fehle es, so erklärte Trump unverblümt, an „Leadership“. Das amtierende Regime muß die Rückkehr zur Demokratie selbst organisieren, unter US-Anleitung.
US-Außenminister Marco Rubio hat bereits am Samstag mit Delcy Rodríguez telefoniert, Maduros Vizepräsidentin, welche dessen Amt am Samstag morgen übernommen hatte. Offiziell verurteilte Delcy Rodríguez den „imperialistischen“ US-Coup und beschwor die nationale Einheit. Zugleich rief sie zur Besonnenheit und zum Dialog auf. Wäre sie in Kampfstimmung, hätte sie Rubios Anruf gar nicht angenommen.
Delcy Rodríguez, die Venezuelas berüchtigte Geheimdienste befehligt, ist eine in der Wolle gefärbte Sozialistin marxistischer Prägung. Das ist für Trump kein Problem. Er hat schon mit ganz anderen Kalibern ihrer Währung Deals gemacht. Die einzige Ideologie, an die er glaubt, ist das Geld. Dafür sind auch Sozialisten empfänglich. Trump will Venezuelas Ölgeschäft durch private US-Investitionen wieder zum Erblühen bringen. Ein Win-Win-Deal, unter Trumps Kommando, von dem alle profitieren würden. Die Demokratie muß warten. Zuerst kommt die Wirtschaft.
Doch dafür muß Venezuela vorweg wieder vom eigenen Militär kontrolliert werden. Noch wird das Land von kriminellen Banden, Narco-Guerillas und kubanischen Milizionären beherrscht, die mit dem Regime heillos verstrickt sind. Und sie alle wissen: Mit dem Regime werden auch sie untergehen. Hier liegt die größte Ungewißheit von Trumps Strategie. Neben Nicolas Maduro sind ein Dutzend ranghohe Beamte und Militärs, allen voran Diosdado Cabello und Vladimir Padrino, in New York wegen Drogengeschäften zu Verhaftung ausgeschrieben. Delcy Rodríguez gilt in dieser Hinsicht als sauber. Geht sie auf den Trump-Deal ein, müßte sie gegen ihre eigenen Leute vorgehen.
Widersprüchliche Signale aus Lateinamerika
Die offiziellen Reaktionen aus der Nachbarschaft waren absehbar. Maduros wichtigste strategische Verbündete, die linken Regierungen von Brasilien (Lula), Mexiko (Sheinbaum) und Kolumbien (Petro), verurteilten die US-Intervention scharf, im Chor mit den Regierungen von Rußland, China, Südafrika und dem Iran (BRICS). Argentiniens Javier Milei jubelte und gratulierte Trump zum Coup, positiv äußerten sich auch die Staatschefs von Ecuador (Noboa), Peru (Jerí), Bolivien (Paz), Paraguay (Peña) und José Antonio Kast, dem gewählten Präsidenten von Chile. In ganz Südamerika kam es zu kleineren Protestaktionen von linken Gruppierungen, die vom venezolanischen Staatssender Telesur eifrig übertragen wurden, ansonsten aber kaum Beachtung fanden. Vom antiamerikanischen Reflex, den mediale Auguren heraufbeschworen hatten, ist hier wenig zu spüren.
In Venezuela selber blieb die Stimmung erstaunlich gelassen. Wie Freunde des Schreibenden aus Caracas berichteten, gingen die meisten Menschen ihrem gewohnten Alltag nach. Der öffentliche Verkehr, die Strom- und Wasserversorgung funktionierten normal. In den Einkaufsläden kam es da und dort zu Schlangen. Armee und Polizei patrouillierten etwas mehr als üblich. Seit über einem Jahrzehnt warten Millionen von Venezolanern auf bessere Zeiten. Sie werden sich wohl noch eine Weile gedulden müssen. Aber immerhin besteht Hoffnung, daß der Albtraum irgendwann enden wird.





