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Lagebericht Ukraine: Rußland opfert Blut für Boden

Lagebericht Ukraine: Rußland opfert Blut für Boden

Lagebericht Ukraine: Rußland opfert Blut für Boden

Ukrainische Soldaten blicken aus der Ferne auf das Schlachtfeld von Soledar – hat sich Rußland mit der Eroberung des Ortes die Kriegende erkämpft?
Ukrainische Soldaten blicken aus der Ferne auf das Schlachtfeld von Soledar – hat sich Rußland mit der Eroberung des Ortes die Kriegende erkämpft?
Ukrainische Soldaten blicken aus der Ferne auf das Schlachtfeld von Soledar – hat sich Rußland mit der Eroberung des Ortes die Kriegende erkämpft? Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Libkos
Lagebericht Ukraine
 

Rußland opfert Blut für Boden

Die Nachrichten von der Eroberung der ukrainischen Stadt Soledar durch russische Truppen werfen viele Fragen auf. Ist damit ein Wendepunkt im Kriegsgeschehen erreicht? Zumindest eines ist sicher: Der russische Erfolg wurde mit hohen Verlusten erkämpft. Eine Analyse von Ferdinand Vogel.
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Der seit Monaten tobende Kampf um die Stadt Bachmut in der Ostukraine hat auf beiden Seiten des Ukrainekrieges einen hohen Blutzoll gefordert. Während Präsident Selensky erst kürzlich die Ruinenstadt besuchte und den Verteidigern Mut zusprach, rückten russische Soldaten weiter auf die durch den Salzhandel geprägte Stadt Soledar im Donbass vor, die inzwischen zum Massengrab für womöglich zehntausende Menschen geworden ist.

Die pockennarbigen Felder vor der Stadtgrenze erinnern an Flandern und von der städtischen Infrastruktur steht kein Gebäude mehr, das nicht von Splittertreffern zersiebt oder von Bränden angesengt wurde. Im Internet kursieren die grausigsten Videoaufnahmen und Fotos von mit Leichen übersäten Schlammfeldern.

Wagner-Gruppe schickt Sträflinge ins Gefecht

In der „Todeszone“ zwischen den Kontaktlinien der beiden Kriegsparteien verwesen Hunderte, wenn nicht gar viel mehr, weil die Bergung von Leichen im Artilleriehagel und unter ständiger Bedrohung durch Scharfschützen keine Priorität genießt. Seit Monaten verkündet der Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin – „Putins Koch“ und selbst Oligarch – daß seine Söldnertruppe Bachmut einnehmen werde.

Zuletzt hatte es einen verlustreichen Angriff mit HIMARS auf einen der von ihm betriebenen Söldner-Stützpunkte hinter der Front gegeben. Hunderte Wagner-Söldner sollen Kiew zufolge dabei ums Leben gekommen sein. Bei einem Frontbesuch kommentiert Prigoschin die Leichenberge, die sich in kalten Abstellkammern türmten, trocken und zynisch: „Ihr Vertrag ist beendet.“

Die für Rußland in der Wagner-Truppe kämpfenden Männer sind immer häufiger Sträflinge, die in der Hoffnung auf Begnadigung nach ihrem Dienst an der Front oft in die schwersten Gefechte geschickt werden.

Das Leben ihrer Soldaten gilt den Russen wenig

Und obwohl Rußland aufgrund der demographischen Realität von etwa 1,4 bis 1,5 Kindern pro Frau eigentlich nicht so verschwenderisch mit den Leben seiner Soldaten umgehen dürfte, scheint die russische Militärführung die Leben der eigenen Soldaten nur wenig zu beachten.

Welle für Welle befehlen Prigoschin und die russische Militärführung ihren Einheiten einen selbstmörderischen Angriff nach dem anderen – für die Ukrainer vollkommen unverständlich. Nun, nach gut fünf Monaten des Blutopfers, scheint sich der Verschleiß an Menschen und Material ausgezahlt zu haben.

Ukrainer müssen sich aus Soledar zurückziehen 

Die nur wenige Kilometer nördlich von Bachmut liegende Kleinstadt Soledar fiel laut beiden Seiten nach erbitterten Kämpfen zumindest teilweise an die russischen Streitkräfte und die Soldatend er „Wagner“-Gruppe. Die dortige Salzmine gleicht einem Friedhof, wenngleich nun dort die Flagge der Russischen Föderation weht.

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Damit rückt die Eroberung von Bachmut für Moskau in greifbare Nähe. Denn ein Zurücknehmen der gesamten Verteidigungslinie wird nun für die Ukraine wahrscheinlicher, wenn sie nicht riskieren will, in Bachmut eingekesselt zu werden. Sofern kein Gegenstoß die Geländegewinne rund um Soledar wieder nichtig macht.

Selbst kleinste Fortschritte werden in Rußland gefeiert

Russische Kriegsblogger preisen die Einnahme von Soledar bereits als großen Wendepunkt in der Schlacht um den Donbass, wo Rußland augenscheinlich seinen Schwerpunkt legt. Während es anderswo im Nordosten und im Süden nahezu keine Bewegung mehr gibt, bejubelt man die kleinen Geländegewinne rund um Bachmut.

Wie teuer diese erkauft wurden, erfährt die Öffentlichkeit in Rußland offensichtlich nicht. Im russischen Staatsfernsehen wurde das neue Jahr mit einer Propagandashow eingeleitet, die surreal anmutet und wenig mit dem grässlichen Sterben in der Ukraine zu tun hat.

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Neue Männer, neue Waffen

Längst kursieren Gerüchte rund um neue Einberufungsschreiben, die bereits eine neue Mobilisierungswelle einleiten sollen. Der Kreml hungert nach Männern, um im Frühjahr und Sommer erneut in die Offensive gehen zu können. Ein Plan, den auch Kiew verfolgt.

Während der Iran weiter Shahed-Drohnen an Rußland abgibt und Weißrußland einen großen Teil seines militärischen Materials an den großen Bruder „verschenkt“, darf sich die Ukraine der anhaltenden und intensivierten Unterstützung des Westens, also vor allem Washingtons sicher sein.

Schweres Gerät aus dem Westen

Nachdem Frankreich mit der angekündigten Lieferung des Radpanzers AMX-10RC das Eis rund um das Thema Panzerlieferungen gebrochen hatte, genügte ein Telefonat zwischen Biden und Scholz, um auch Berlin nachziehen zu lassen. So soll die Bundesregierung laut Medienberichten etwa 40-bis 50 Schützenpanzer Marder abgeben.

Auch die USA haben in ihrem neuesten Unterstützungspaket jetzt ausreichend Schützenpanzer vom Typ M2 Bradley versprochen. Weitere Länder wie Slowenien, aber auch Polen und Tschechien verkündeten ebenfalls weitere Waffenlieferungen. Aus den USA kommen neben Munition auch 18 Panzerhaubitzen vom Typ M109A6 Paladin. Ein System, von dem die USA sehr viel nachschieben können, ohne daß es ihren eigenen Waffenreserven wehtut.

Der erste gerechte Krieg der Nato?

Hinzu kommt, daß bereits andere Länder die Ukraine mit dem M109 ausgerüstet haben und die notwendige Munition und die Ersatzteile bei vielen NATO-Staaten noch zur Verfügung stehen. Moskau kann im Moment nicht davon ausgehen, daß ein die Länge ziehen des Krieges zu einer wesentlichen Ermüdung bei den westlichen Partnern der Ukraine führen wird.

Im Gegenteil scheint es so zu sein, daß der russische Angriff auf die Ukraine der NATO ihren ersten gerechten Krieg gegeben hat, obwohl sie gleichwohl jede direkte Beteiligung am Krieg abstreitet. Nach der jahrzehntelangen Sinnsuche in Afghanistan, dem Kosovo und anderswo auf der Welt, hat der Atlantikpakt im Zuge des Ukrainekrieges wieder an Vitalität gewonnen.

Kiew hofft auf Rückeroberung des Landes

Kiew wird, obwohl es bisher weniger Männer eingezogen hat, als es könnte, in den nächsten Wochen nicht drumherum kommen, weitere Wehrpflichtige einzuberufen und an den neuen westlichen Waffen auszubilden. Der ehemalige US-General Frederick Benjamin Hodges, der in seiner letzten Verwendung bis 2017 die US-Armee in Europa befehligte, glaubt an ein Ende des Krieges bis zum Jahresende.

Die Ukraine, so Hodges, werde die Krim noch im Sommer befreien und Rußland diesen Krieg verlieren. Seine optimistischen Einschätzungen erwiesen sich im Falle Chersons und Charkiws bisher als korrekt. Der bisher milde Winter und die relative Geschlossenheit der EU und NATO spielen Kiew in die Hände.

Es hofft nun, mit geballter Feuerkraft der neuen Waffen, einer erprobten Armee, dem Patriotismus seiner Bevölkerung und nicht zuletzt dem Geld der westlichen Verbündeten sein Staatsgebiet zurückzuerobern. Moskau hingegen pocht darauf, daß es seine geraubten Gebiete behalten darf und stellt zur Bedingung von Friedensverhandlungen, daß die Ukraine akzeptiert, daß sein „Bruderland“ und Nachbar etwa noch ein Viertel des ukrainischen Staatsgebietes annektiert hält und sich vorbehält, sich in Zukunft noch mehr zu nehmen.

Ukrainische Soldaten blicken aus der Ferne auf das Schlachtfeld von Soledar – hat sich Rußland mit der Eroberung des Ortes die Kriegende erkämpft? Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Libkos
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