Joachim Kuhs
Drei Personen und nur zwei Stühle: EU-Ratspräsident Charles Michel, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (v. l. n. r.) in Ankara
Drei Personen und nur zwei Stühle: EU-Ratspräsident Charles Michel, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (v. l. n. r.) in Ankara Foto: picture alliance / ROPI | Pignatelli/EUC

„Sofagate“
 

Von der Leyens Leiden am diplomatischen Protokoll

Auch drei Wochen nach dem Vorfall beim Besuch einer EU-Delegation in der Türkei beschäftigt das sogenannte Sofagate noch höchste diplomatische Kreise. In der grotesk anmutenden Auseinandersetzung um die Sitzordnung bei einem Pressefoto, fühlte sich nun die türkische Seite erneut bemüßigt, Stellung zu beziehen.

Zur Erinnerung: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) hatte am 6. April nicht neben dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan Platz nehmen können, sondern mußte auf das Sofa ausweichen. Den Platz neben Erdogan nahm EU-Ratspräsident Charles Michel ein.

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Entgegen des Aufschreis europäischer Medien und Politiker, die darin eine frauenfeindliche Geste der Gastgeber erkennen wollten, habe nämlich die EU zu dieser Situation beigetragen, äußerte laut Nachrichtenagentur dpa nun ein Sprecher des türkischen Außenministeriums. Wegen der „Planlosigkeit und Nachläßigkeit“ der EU sei es zu der letztlich praktizierten Sitzordnung gekommen. „Wir hoffen, daß die EU-Körperschaften untereinander einen Konsens finden und in dieser Sache andernorts keine ähnlichen Probleme verursachen“, so der süffisante Kommentar vom Bosporus.

Ratspräsident rangiert vor Kommissionspräsident

Am Montag, rund zwei Wochen nach dem als „Sofagate“ bekannt gewordenen Vorkommnissen, hatte von der Leyen ihrem Ärger darüber auf der Bühne des EU-Parlaments Luft gemacht. Sie sei so behandelt worden, weil sie eine Frau sei, so ihre Überzeugung. „Ich fühlte mich verletzt und allein gelassen, als Frau und als Europäerin, lautete ihr bitteres Fazit, mit dem sie auch Ratspräsident Michel eine Mitschuld gab.

Was bei der ganzen Affäre internationalen Ausmaßes ein wenig unter den Tisch fällt: Bei Auslandsreisen gilt nicht unbedingt die EU-Kommissionspräsidentin als Nummer eins der EU. Laut der Protokollarischen Rangordnung der EU gilt der Präsident des Europäischen Rates quasi als Staatsoberhaupt und der EU-Kommissionspräsident als Regierungschef.

Was ist da schon der Flüchtlingsdeal?

Der für seine mitunter kuriosen öffentlichen Auftritte berüchtigte Ex-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker nahm von der Leyen ebenfalls den Wind aus den Segeln. „Für jeden war klar, daß aus protokollarischer Sicht der Präsident des Rates die Nummer eins ist“, äußerte er gegenüber dem Online-Magazin Politico. „Normalerweise hatte ich einen Stuhl neben dem Stuhl des Ratspräsidenten, aber manchmal passierte es, daß ich auf einem Sofa saß.“

Unterdessen ist das „Sofagate“ in die Diplomatiegeschichte eingegangen und hat einen eigenen Wikipedia-Artikel. Man möchte meinen, dabei handele es sich um ein wahrlich bedeutendes Problem, daß die EU mit der Türkei habe. Was sind da schon der Flüchtlingsdeal, der Grenzkonflikt des islamischen Landes mit Griechenland oder die türkische Rolle in der Krisenregion des Nahen Ostens?

Drei Personen und nur zwei Stühle: EU-Ratspräsident Charles Michel, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (v. l. n. r.) in Ankara Foto: picture alliance / ROPI | Pignatelli/EUC
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