US-Präsident Donald Trump
US-Präsident Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung Foto: picture alliance / NurPhoto
Trump gegen Biden

US-Präsidentschaftswahl: Warum die Umfragen auch diesmal täuschen könnten

Auf den letzten Metern des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA fahren nicht nur die beiden Kontrahenten Donald Trump und Joe Biden schwere Geschütze auf. Auch unter den Demoskopen herrscht eine Stimmung, die kaum giftiger sein könnte als die zwischen dem notorisch auf Krawall gebürsteten Amtsinhaber und seinem zur Schroffheit neigenden Kontrahenten. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Susquehanna, Jim Lee, erhob schwere Vorwürfe gegen seine Kollegen. Bei so manchen Umfragen handele es sich um „gezielte Wählerbeeinflussung“. Lee sprach von „Müllumfragen“, die etwa Biden in Pennsylvania mit einem zweistelligen Vorsprung ausweisen. 

In eine ähnliche Kerbe schlug der Gründer des konservativen Instituts Trafalgar Group, Robert Cahaly. Er hielt seinen Kollegen vor, aus den Fehlern von 2016 nichts gelernt zu haben und erneut dramatisch die Anzahl „schüchterner Trump-Wähler“, die entweder nicht mit den Demoskopen reden oder falsche Angaben machen, zu unterschätzen. Cahaly geht davon aus, daß die Wahrscheinlichkeit, daß ein Biden-Wähler gegenüber den Meinungsforschern Angaben macht, fünfmal größer sei als bei einem Trump-Wähler.

Glaubt man den Durchschnittswerten aller Umfragen steht einem Einzug Bidens ins Weiße Haus nichts mehr im Weg. Rund sieben Prozentpunkte sieht der „Real Clear Politics“-Durchschnittswert Biden landesweit vorne. In Swing States wie Wisconsin führt Biden demnach mit rund sechs, in Michigan mit 6,5 und in Pennsylvania immer noch mit vier Prozentpunkten.

Demoskopen glauben nicht an Blamage wie 2016

An eine Blamage wie 2016, als vor allem Erhebungen in den genannten Staaten, die am Ende alle von Trump gewonnen wurden, Clinton deutlich vorne sahen, glaubt die Mehrheit der Meinungsforscher nicht. Man habe aus den Fehlern von vor vier Jahren die richtigen Lehren gezogen, lautet der Tenor. Vor allem Wähler ohne Universitätsabschluß, die weniger dazu neigen, mit Umfrageinstituten zu sprechen, seien diesmal stärker gewichtet worden. 

Politische Analysten weisen zudem darauf hin, daß Bidens Führung über das ganze Jahr 2020 wesentlich stabiler war als die Clintons 2016, und daß Drittparteienkandidaten diesmal weniger ins Gewicht fallen. Klingt soweit erstmal nachvollziehbar. Doch einige Erhebungen werfen für den aufmerksamen Beobachter schon beim bloßen Hinsehen Fragen auf. Etwa die neueste Umfrage von ABC und der Washington Post, die Biden mit 17 Prozentpunkten in Wisconsin vorne sieht.

Eine aktuelle CNN-Umfrage ermittelte einen landesweiten Biden-Vorsprung von zwölf Prozentpunkten; Anfang Oktober ging CNN sogar von einem Vorsprung von 16 Prozentpunkten aus. Das wäre etwa in der Dimension des Erdrutschsiegs von Ronald Reagan 1984, als dieser 49 Bundesstaaten gewann. Zur Glaubwürdigkeit trägt auch nicht bei, daß zahlreiche Institute den Amerikanern noch bis zuletzt weismachen wollten, Biden könne Trump nicht nur in Arizona (wo der Republikaner wie schon vor vier Jahren erneut echte Probleme hat) gefährden, sondern auch in Texas.

Unwägbarkeit Briefwähler

Bei der Einschätzung der Werte von 2020 liegt es nahe, zunächst mal den Instituten einen Vertrauensvorschuß zu geben, die 2016 richtig oder zumindest am wenigsten falsch lagen. Neben Cahalys Trafalgar Group, die akkurat und gegen den Trend einen Trump-Sieg 2016 vorhergesagt hat, kann man auch dem Rasmussen-Institut gute Arbeit bescheinigen. Deren letzte Umfrage vor der Wahl 2016 wies einen Vorsprung von Hillary Clinton von 1,7 Prozentpunkten aus. Am Ende gewann Clinton das „popular vote“ mit 2,1 Prozentpunkten.

Laut der jüngsten Rasmussen-Erhebung liegt Trump nun landesweit mit einem Prozentpunkt hinten. Die vorangegangene Umfrage sah ihn mit einem Prozentpunkt vorne. In Florida, ein Staat, den Trump gewinnen muß, um wiedergewählt zu werden, führt er demnach mit vier Prozentpunkten. Laut Trafalgar liegt Trump in Wisconsin mit einem Prozentpunkt zurück, aber in Pennsylvania gleichauf mit Biden.

Eine Unwägbarkeit könnten dieses Mal die Briefwähler sein. Wegen Corona haben viele Staaten die Möglichkeit, per Brief zu wählen, liberalisiert. Manche Staaten wie etwa Nevada, New Jersey oder Vermont verschickten gleich mal Briefwahlunterlagen an alle registrierten Wähler. In den meisten Staaten hatte es bislang immer einen Grund gebraucht, um per Briefwahl abzustimmen. Werden sie pauschal allen zugeschickt, könnte sich die Zusammensetzung des Wahlvolks auf eine Art erweitern, die für Trump nicht unbedingt vorteilhaft sein dürfte. Zudem wird auch in den Staaten, in denen die Briefwahl beantragt werden muß, der Anteil an Briefwählern um ein Vielfaches steigen.

Bekanntgabe von Wahlergebnis könnte sich verzögern

In Wisconsin etwa wählten 2016 rund 146.000 Wähler per Brief. Dieses Mal haben etwa 1,8 Millionen Menschen in dem Staat Briefwahl beantragt – fast 1,5 Millionen davon haben bereits abgestimmt, die Mehrzahl davon in eher demokratisch dominierten Wahlbezirken. In anderen Bundesstaaten ergibt sich ein ähnliches Bild.

Trump hat sich wiederholt gegen die Briefwahl ausgesprochen und auf die Manipulationsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben, hingewiesen. Nicht nur deswegen kann man erwarten, daß viele Republikaner erst am Wahltag ihre Stimme abgeben werden. Ein weiterer Grund ist, daß unter den Demokraten-Anhängern in der Regel auch die Angst, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, größer als unter Republikanern ist.

Das zeigte sich bereits im Wahlkampf bei den Veranstaltungen beider Kandidaten. Während die Teilnehmerzahl bei Biden-Auftritten überschaubar blieb, kamen trotz Virus Tausende zu Trump-Rallies. Selbst eine CNN-Umfrage glaubt an einen deutlichen Vorsprung für Trump unter den Wählern, die am 3. November ihre Stimme abgeben wollen von 59 zu 36 Prozent. Wegen des gestiegenen Briefwähleranteils könnte sich eine Bekanntgabe des Ergebnisses noch am Wahlabend bei einem knappen Ausgang als schwierig erweisen. Einige Staaten dürfen laut Gesetz erst sehr spät mit der Auszählung der Briefwahlstimmen beginnen. Wisconsin beispielsweise erst am Wahltag. 

Trump könnte ein starkes Finish hinlegen

Nicht nur in den Umfragen manifestiert sich der Eindruck, daß Trump wie 2016 auch in diesem Wahlkampf ein starkes Finish hinlegen könnte. Bidens Äußerungen im letzten TV-Duell, die Ölindustrie abwickeln zu wollen, könnte sich noch als desaströs für ihn erweisen. Fast zehn Millionen Jobs wären direkt davon betroffen. Bidens geplantes teilweises Fracking-Verbot würde alleine im Swing State Pennsylvania 600.000 Arbeitsplätze kosten.

Auch scheint es Trump immer mehr zu gelingen, sich als den Anti-Lockdown-Kandidaten zu präsentieren, unter dem eine noch nie dagewesene wirtschaftliche Erholung einsetzen wird. Mit Blick auf die seit dem Frühling deutlich entspanntere Situation am Arbeitsmarkt will Trump die Wahl zu einer Entscheidung zwischen einer „Supererholung“ der Wirtschaft unter ihm oder einer „wirtschaftlichen Depression“ unter Biden machen.

Die Zahlen begünstigen das. Nach der höchsten Arbeitslosenquote seit der Weltwirtschaftskrise im April mit 14,7 Prozent hat sich die Wirtschaft – auch dank der Öffnung wichtiger Staaten wie Florida – teilweise erholt. Die Arbeitslosenquote liegt nur noch bei 7,9 Prozent (was zwar über der Quote liegt, mit der Jimmy Carter und George H.W. Bush abgewählt wurden, aber unter der, mit der sich Barack Obama 2012 die Wiederwahl sicherte).

Trumps Botschaft: „Lockdowns zerstören Länder auf der ganzen Welt. Die Therapie darf nicht schlimmer sein als die Krankheit.“ Glaubwürdig ist das nicht unbedingt. Ende April kritisierte Trump Georgias Gouverneur Brian Kemp noch scharf dafür, den Lockdown im Peach State zu beenden. Der schwedischen Regierung warf er damals via Twitter vor, für ihre liberale Corona-Strategie noch einen „hohen Preis zahlen“ zu werden. Neben dem Öl-Streit und der Corona-Debatte hat sich kurz vor Ende des Wahlkampfs mit den Auslandsgeschäften der Familie Biden ein weiteres Thema für Trump herauskristallisiert, das aber wohl nicht die gleiche Durchschlagskraft entfalten wird, wie seinerzeit Clintons E-Mails.

Trumps Weg zum Sieg führt über Florida, Ohio und Pennsylvania

Trotz vier Jahren Präsidentschaft versucht sich Trump weiterhin als Washington-Outsider zu inszenieren, der den Sumpf im amerikanischen Politikbetrieb austrocknen möchte. Biden hingegen will – ähnlich wie Clinton – die Wahl zu einer Abstimmung über Trumps Charakter machen. Inhaltlich bleibt er vage. Etwa bei der Frage, ob er nach der Wahl gedenkt, die Zahl der Richter am Supreme Court aufzustocken und so eine linksliberale Mehrheit an Amerikas höchstem Gericht zu sichern.

Trumps Weg zum Sieg am Wahltag führt über Florida, Ohio und Pennsylvania. Sollten sich für Trump am Wahlabend in Florida oder Ohio Probleme abzeichnen, wird es schwierig. Noch nie wurde ein Republikaner Präsident, ohne Ohio zu gewinnen. Die 29 Wahlmänner aus dem Sunshine-State wiederum sind kaum durch Gewinne anderswo wiedergutzumachen.

Beim TV-Duell 1980 forderte der damalige republikanische Herausforderer von Präsident Jimmy Carter, Ronald Reagan, die Amerikaner auf, sich vor der Abstimmung die Frage zu stellen: Seid ihr besser dran, als noch vor vier Jahren?“ Seitdem gilt diese Frage als Standard, an dem sich Amtsinhaber messen lassen müssen. Geht es danach, deutet zumindest nichts darauf hin, daß Trump eine ähnlich deutliche Niederlage wie einst Carter erleben könnte wie es derzeit von manchen prophezeit wird.

Heute sagen 56 Prozent der Amerikaner laut einer Gallup-Umfrage, daß sie trotz Corona besser dastünden als noch vor vier Jahren.

US-Präsident Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung Foto: picture alliance / NurPhoto

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