Markus Krall Freiheit oder Untergang
Xuan Trinh-Prozeß
Long N.H. beim Prozeßauftakt in Berlin Foto: picture alliance/dpa

Prozeß um Entführung in Berlin
 

Vietnamesischer Geheimdienst vor Gericht

Mit weißen Stöpseln in den Ohren sitzt Long N.H. (47) im Glaskasten, der die Anklagebank im Saal 700 im Landgericht Berlin-Moabit von den sonst Anwesenden abschirmt. Aufmerksam, manchmal wie in sich gekehrt, scheint er in sich hineinzuhorchen.

Der Mann soll vietnamesischer Geheimagent sein. Kein großes Tier, aber immerhin wenigstens einer, den die deutschen Staatsorgane schnappen konnten. Vor ihm sitzen sein Verteidiger Stephan Bonell und die beiden Dolmetscher, die ihm jedes Wort, das im Saal gesprochen wird, via Mikro in die Ohrstöpsel flüstern.

Seit Dienstag muß er sich wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit und Beihilfe zur Freiheitsberaubung vor dem 3. Strafsenat des Berliner Kammergerichts verantworten. Der Prozeß droht ein Versagen der Bundesregierung aber auch der deutschen Geheimdienste zu offenbaren.

Vorwurf der Veruntreuung

Dreh und Angelpunkt in der Geschichte ist eine schillernde Persönlichkeit: Xuan Thank Trinh. Der kommunistische Funktionär war Chef einer Tochter des Staatskonzerns PetroVietnam Construction. In dieser Funktion soll er über 142 Millionen US-Dollar unterschlagen haben. Trinh galt als einer der Reformer der Kommunistischen Partei Vietnams und war für weitere Führungspositionen vorgesehen. Später wurde er aus der Partei ausgeschlossen. Könnten die Vorwürfe der Veruntreuung also vorgeschobene Gründe sein?

Trinh wollte die Klärung dieser Frage offensichtlich nicht abwarten und setzte sich wohl vorsichtshalber aus Vietnam ab. Seit Sommer 2016 lebte er sehr zurückgezogen in Berlin. Der vietnamesische Staat hingegen war überaus interessiert an der Heimkehr seines verloren gegangenen Managers, erließ einen internationalen Haftbefehl.

Parallel versuchte Vietnam auch auf diplomatischem Weg seines Ex-Funktionärs habhaft zu werden. Das Interesse an seiner Person blieb Trinh nicht verborgen – er beantragte Asyl in Deutschland, schließlich drohte ihm in Vietnam die Todesspritze.

Die Falle schnappte zu

Xuan Thank Trinh wird von Polizisten zum Gericht in Hanoi gebracht Foto: picture alliance/AP Photo

Da ließ der vietnamesische Staat den diplomatischen Worten geheimdienstliche Taten folgen. Laut Bernd Steudl von der Bundesanwaltschaft wurde das Opfer ausgespäht. Eine Chance ergab sich für die vietnamesischen Schlapphüte, als am 19. Juli 2017 eine enge Vertraute von Trinh aus Vietnam nach Berlin reiste. Nun wurde von vietnamesischen Agenten, teilweise auch Botschaftsangehörigen, der gesamte Tagesablauf des Pärchens ausgespäht.

Parallel dazu soll schon am 18. Juli der jetzt angeklagte Long N.H. aktiviert worden sein. Der Mann, er ist vietnamesisch-tschechischer Staatsangehöriger, hat eine Geldwechselstube in Prag, so sein Anwalt, mietet zwei Fahrzeuge an. Erst einen BMW X5, dem er einen weiteren Tatbeteiligten übergibt und zwei Tage später einen VW Multivan T5, das spätere Entführungsfahrzeug. Den VW fährt er dann, so die Anklage, noch am selben Tag persönlich nach Berlin.

Am Sonntag drauf schnappt die Falle zu. Gemeinsam mit weiteren Agenten soll das Opfer Xuan Thank Trinh mit seiner Begleiterin am 23. Juli 2017 mitten in Berlin von den Agenten des vietnamesischen Geheimdienstes in den Multivan gezerrt und dann in die vietnamesische Botschaft nach Köpenick gefahren worden sein.

Lebenslängliche Freiheitsstrafe

Wie das Entführungsopfer Trinh nach Vietnam gelangt, ist laut Anklage unklar. Die Frau fliegt ab Tegel. Medien, darunter die taz, berichten nach der Tat, Trinh sei erst in einem Krankentransporter vermutlich nach Bratislava gekutscht, dann in einer Sondermaschine, die von Diplomaten gechartert worden sein soll, nach Vietnam geflogen worden.

Sicher ist, daß Trinh in Vietnam vor Gericht gestellt und wegen Korruption zu einer lebenslänglich Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Petra Schlagenhauf vertritt die Belange des Entführungsopfers Xuan Thank Trinh, der in Vietnam im Gefängnis sitzt. Sie selbst bekam während der Prozesse gegen Trinh in Vietnam keinen Zugang zu ihrem Mandanten. „Es geht ihm den Umständen entsprechend gut“, sagt sie gegenüber JUNGEN FREIHEIT.

„Die Haftbedingungen sind für vietnamesische Verhältnisse normal.“ Trinh soll sie mandatiert haben, weil sie schon mehrfach Auslieferungsverfahren anwaltlich begleitet hat. „Und mein Mandant rechnete natürlich mit seinem Auslieferungsverfahren.“

Kritik an Bundesregierung

Ob der in Berlin zur Zeit angeklagte Long N.H. an der Entführung direkt beteiligt war, ist nicht klar. Sicher ist für die Anklage, daß er noch am selben Tag den VW zurück nach Prag fuhr. Er wurde rund einen Monat später in der Tschechischen Republik festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert.

Stephan Bonell, der Verteidiger des Angeklagten, schildert seinen Mandanten als „völlig arg und wehrlos“. Im Grunde sei er von der vietnamesischen Landsleuten nur gebeten worden, ein Auto zu mieten und zu fahren. „Mein Mandant wußte von nichts“, sagte Bonell am Rand des Prozesses gegenüber JF.

Kritisch sieht er hingegen die Rolle der deutschen Regierung. Der Entführung ging monatelanger diplomatischer Schriftverkehr und ein Gespräch am Rande des G20 Gipfels in Hamburg zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem vietnamesischen Premierminister Nguyen Xuan Phuc voraus, so der Rechtsanwalt. „Er bat mehrfach die Kanzlerin um Hilfe“, sagt Bonell. „Es gab Warnungen, die politische Brisanz des Falles wurde offensichtlich unterschätzt.“

Doppelter Vertrauensbruch

Petra Schlagenhauf bestätigt zwar die Schilderungen ihres Kollegen, interpretiert sie aber anders. „Ja, der Fall meines Mandanten war Thema zwischen der Bundekanzlerin und dem Vietnamesischen Premierminister. Da soll die Kanzlerin gesagt haben, daß die deutschen Behörden den Vorgang prüfen würden.

Die große Verärgerung auf deutscher Seite gab es dann nach der Entführung. Das war ein doppelter Vertrauensbruch. Weil die Vietnamesen die Prüfungen nicht abgewartet haben und dann diese Kommandoaktion gestartet worden ist.“

Der Prozeß ist bis Ende August terminiert.

Long N.H. beim Prozeßauftakt in Berlin Foto: picture alliance/dpa
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