Migranten in Bihać: Einige kommen sogar aus Bangladesch Foto: Hinrich Rohbohm
Bosnien und Herzegowina

Die neue Balkanroute: Auf dem Weg nach Deutschland

Viereinhalb Stunden dauert die Autofahrt von Sarajevo nach Bihać. Durch wunderschöne menschenleere Berglandschaften mit sattgrünen Wiesen und Nadelwäldern. Und dennoch sieht man auch die Narben, die der Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995 der Region zugefügt hat. Bombentrichter, die das Gras inzwischen zugedeckt hat. Ausgebrannte Häuser, die einsam und verlassen in der Gegend herumstehen, nachdem ihre zumeist serbischen Besitzer die Gegend aufgrund der Kriegswirren verlassen hatten.

In der kleinen Grenzstadt Bihać sind diese Narben besonders deutlich sichtbar. Hauswände, die von unzähligen Einschußlöchern durchsiebt sind. Manche davon notdürftig zugemörtelt. Abseits der Wege liegen noch heute nicht entschärfte Landminen. Nur selten gibt es Hinweisschilder auf die lebensbedrohliche Gefahr.

Einer Gefahr, der sich auch die Einwanderer auf der neuen Balkanroute aussetzen, nachdem sie sich von der Türkei über Griechenland, Albanien, Montenegro sowie die bosnische Hauptstadt Sarajevo nach Bihać aufgemacht haben. Sie wollen über die grüne Grenze nach Kroatien in die EU, von dort weiter nach Slowenien in den Schengen-Raum. Einige Politiker behaupten, die neue Balkanroute gebe es gar nicht. Sie dürften nicht in Bihać gewesen sein.

„Es ist schwer über die Grenze zu kommen“

Einwanderer finden Unterschlupf in einem verlassenen Haus Foto: Hinrich Rohbohm

Schon am Ortsschild widerlegt sich ihre These. Hunderte wenn nicht tausende von Asylsuchende sind zu sehen. Auf den Straßen. In den Parks. In der Fußgängerzone. Am Fluß, dem Ufer der Una, die sich durch den Ort schlängelt. In den Cafés, den Bäckereien, den Supermärkten. Im Stadtpark gibt es kaum eine Bank, auf der nicht eine Gruppe von Afghanen, Iranern, Syrern, Irakern oder Pakistanis sitzt. Einige kommen sogar aus Bangladesch.

„Es ist schwer über die Grenze zu kommen“, sagt Rashid. Der 27jährige sitzt auf einer dieser Bänke zusammen mit vier weiteren Migranten. Er ist vor einem Monat von Pakistan aus aufgebrochen, um nach Deutschland zu gelangen. „Mein Bruder lebt in Köln. Er ist vor drei Jahren über die Balkanroute gekommen.“ Rashid ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Deutschlands Politik der offenen Grenzen auswirkt und welche Signale sie gegenüber den Angehörigen der bereits in das Land gereisten Menschen senden.

„Seit mein Bruder in Köln lebt, schickt er unserer Familie jeden Monat über Western Union Geld nach Pakistan.“ Eine Botschaft mit Nachahmungseffekt. Über die neuen sozialen Medien mit ihren Messenger-Diensten sind Verwandte und Bekannte in der Heimat genau über das Leben in Deutschland und anderen EU-Ländern informiert. Über den Wohlstand, die Sozialhilfesätze, die Wohnraumzuweisungen. Die Familie möchte nun, daß auch Rashid nach Deutschland geht. Denn die Familie ist groß. Und wer Geld hat, lockt auch entfernteste Verwandte mit dem neuen Geldsegen an, um neue Begehrlichkeiten anzumelden.

Plötzlich Geld von den Verwandten

„Mein Cousin muß operiert werden, meine Schwester möchte studieren, mein Vater hat keine Arbeit mehr.“ So oder so ähnlich wie bei Rashid klingen auch bei anderen Reisenden die Gründe dafür, warum sie sich auf den Weg in die EU machen. Sie alle haben in den eigenen Familien mitbekommen, wie plötzlich Geld von ihren Verwandten ankam. In einer Höhe, die bei manchem den Monatslohn im Heimatland um einiges übersteigt. Über die sozialen Medien stehen sie in Verbindung miteinander.

Kaum eine Bank im Park ohne Einwanderer Foto: Hinrich Rohbohm

„Deutschland wird schwieriger“, weiß Rashid bereits. Über die Medien sie auch über aktuellste Debatten genau informiert, lassen sich über Bekannte und Verwandte darüber unterrichten, inwiefern sich ihre Chancen für einen Aufenthalt in den jeweiligen EU-Ländern verbessern oder verschlechtern.

Gegen Abend treffen sich mehrere Gruppen am Rand der Fußgängerzone. Sie haben vollgepackte Rucksäcke dabei, beratschlagen sich. Dann verlassen sie die Stadt, gehen hinaus in die Wildnis, in Richting der bis zu 1.500 Meter aufragenden Berge, hinter denen sich die Grenze nach Kroatien befindet.

„Das geht jeden Abend so“, erzählt eine Anwohnerin. Einzelne Gruppen würden versuchen, über die Berge die Grenze zu passieren. Das Gelände ist unwegsam, gefährlich. Landminen lauern den Gruppen ebenso auf wie steile Hänge, auf denen die Absturzgefahr groß ist. „Im Winter haben sie keine Chance, da rüberzukommen“, meint die Anwohnerin. Deshalb sind die Migranten erst jetzt nach Bihać gekommen. „Vor einem Monat ist das hier losgegangen“, erzählt sie. Innerhalb weniger Wochen kamen immer mehr, ein Ende scheint noch nicht in Sicht.

Gegenüber eines Fußballstadions haben sich hunderte von Migranten in einer ehemaligen Kaserne zwischen Müll und zerborstenen Glasflaschen eingerichtet. Einige haben drum herum im Gras unter Bäumen Zelte aufgeschlagen. Helfer kommen täglich hierher, versorgen die Angekommenen mit Essen, Getränken und Kleidung. Wie viele Einwanderer sich aktuell tatsächlich in Bihać aufhalten, kann niemand genau sagen. Nach einem Rundgang durch die Stadt kann jedoch kein Zweifel darüber bestehen, daß es tausende sein müssen. Denn auch in den umliegenden zahlreichen verlassenen Häusern haben sich Migranten einquartiert.

Bekanntschaft mit dem Grenzschutz

Auf der Durchreise: Männer aus Afghanistan, Iran oder Syrien Foto: Hinrich Rohbohm

Die tür-und fensterlosen Gebäude legen den Blick in gähnende schwarze Löcher frei, aus denen gelegentlich Stimmengemurmel dringt. Manchmal ist zersplitterndes Glas zu hören. Cola-Plastikflaschen stehen auf den Fenstersimsen. Nur langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Aufgetürmte Rucksäcke und Matratzen kommen zum Vorschein. Es dürften an die 50 sein. Die neuen Bewohner sind nicht erfreut über den unangekündigten Besuch, bleiben aber friedlich.

„Ja, einige sind in Richtung der Berge über die Grenze“, erzählen sie. Ein paar von ihnen hätten sich später aus Italien gemeldet. Andere seien wieder zurückgekommen, weil ihnen der Weg zu gefährlich war. Wieder andere hätten Bekanntschaft mit kroatischen Grenzschützern gemacht. „Sie haben mich geschlagen und mein Mobiltelefon zerstört. Das machen sie bei vielen von uns“, schildert einer aus der Gruppe.

Doch Bihać ist nicht der einzige Ort an der bosnisch-kroatischen Grenze, den die Migranten ansteuern. Vierzig Kilometer weiter nordwestlich befindet sich eine kleine Grenzstadt, von der aus die Entfernung nach Slowenien weniger als 80 Kilometer beträgt. Ein Ort namens Velika Kladuša.

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Wie die Situation in Velika Kladuša ist, lesen Sie in den kommenden Tagen auf JUNGEFREIHEIT.de

Eine Reportage aus Sarajevo finden Sie hier.

Migranten in Bihać: Einige kommen sogar aus Bangladesch Foto: Hinrich Rohbohm

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