Markus Krall Freiheit oder Untergang
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Syrisches Kriegstagebuch
 

„Das ist ein Religionskrieg“

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Gesprächspartner Achmed Suleimani
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Jede Hilfe kam zu spät – Freiwillige am OP-Tisch in Maarat an-Numan
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Jetzt wird es Ernst: Rebell auf einem eroberten BMP-Schützenpanzer Fotos (3): Billy Six

Ahmed Suleimani*, Arzt aus dem umkämpften Maarat an-Numan. Früher hat er Geld verdient. Jetzt versorgt er ehrenamtlich die Verletzten der schier endlosen Auseinandersetzungen. Im Interview mit der JF schildert er die Situation im Bürgerkrieg:

JF: Wie geht das Krankenhaus mit der aktuellen Kriegssituation um?

Suleimani: Die Lage ist schlecht. Das eigentliche Krankenhaus der Stadt war bis Montag von der Armee besetzt, sodaß wir in den vergangenen Monaten eine Schule für die Behandlung der Verletzten genutzt haben. Viele wollen Blut spenden – aber wir haben nicht genügend Blutsäcke. Ebenfalls fehlt es an chirurgischem Besteck, Antibiotika, Schmerzmitteln und Sterilisationsmaterial.

Ist bisher noch keine Hilfe aus dem Ausland eingetroffen?

Suleimani: Doch. Aus Saudi-Arabien und den USA. Außerdem kaufen Syrer auf eigene Rechnung Material in der Türkei ein. Aber es reicht alles eben nicht aus.

In Ihrem Warenbestand befindet sich auch das Blutgerinnungs-Granulat „Quik Clot“ aus Israel, das vom US-Militär genutzt wird.

Suleimani: Wir können nichts dafür, was uns die Amerikaner schenken. Für mich als Arzt zählt es nur, Leben zu retten.

Maarat an-Numan ist derzeit von der Stromversorgung abgeschnitten. Wie hat Ihr Freiwilligen-Spital auf das Problem reagiert?

Suleimani: Uns war bereits seit Tagen bekannt, daß die Rebellen eine Offensive planen. Wir haben uns mit Diesel eingedeckt und betreiben einen Generator.

Wie viele freiwillige Helfer sind vor Ort im Einsatz?

Suleimani: Insgesamt 44. Davon 12 Mediziner, 10 Krankenpfleger und 22 Unterstützer.

Humanität oder Revolution – welches ist das Kernmotiv Ihrer Freiwilligen?

Suleimani: Es geht allen darum, daß Baschar al-Assad und seine Leute das Land verlassen.

Ist es dieses Blutbad um uns herum wert?

Suleimani: Das entscheidet am Ende nur Allah. Was mir im Moment nur auffällt, ist, daß viele unserer Leute nicht nachdenken. Das Problem ist nicht Präsident Assad als Person. Das Problem ist die alte Garde aus der Zeit seines Vaters. Wir nennen sie auf Arabisch „al harris al kadim“, ein Verbund aus Geheimdienst und Mafia.

Das hieße aber, daß die so genannte „jemenitische Lösung“ nicht zum Wohle Syriens wäre.

Suleimani: Ziehe du deine Schlußfolgerungen. Baschar al-Assad hat vieles versucht. In der Frage des Schleiers für Schülerinnen ist er der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung schon vor dem Aufstand entgegengekommen. Unter Präsident Hafis al-Assad war die Kopfbedeckung verboten. Sein Sohn hat ihn wieder zugelassen, um mäßigend auf seine Gegner einzuwirken.  

Wo also liegt das Problem?

Suleimani: Unsere Sunniten hier sind extrem intolerant. Ich zum Beispiel bin Linkshänder und habe deshalb stets Probleme mit meinem Umfeld. Gemäß der islamischen Tradition soll unser Prophet Mohamed, mögen Allahs Segen und Frieden auf ihm sein, stets mit der rechten Hand gegessen haben. Daraus leiten Muslime ab, daß man auch mit der rechten Hand zu schreiben hätte. Die Geschichte ist eine der vielen Überlieferungen, die 30 bis 120 Jahre nach dem Tod des Propheten, mögen Allahs Segen und Frieden auf ihm sein, aufgeschrieben worden sind. Ich bin da vorsichtig, aber kann natürlich nicht offen darüber sprechen, ohne mich der Gefahr auszusetzen, als Ungläubiger zu gelten.

Ist diese Problematik mit der aktuellen Situation zu erklären?

Suleimani: Nein. Alle reden über das Massaker von Hama, das Hafis 1982 im Kampf gegen die Moslembrüder angerichtet hat. Aber wer spricht über die Tat von Ibrahim Yussuf? Das war einer unserer Leute, der 1980 aus Haß gegen die Alawiten eine Kadettenkompanie in der Militärschule von Aleppo zusammengeschossen hat.  

Wie kommt es, daß Sie anders denken?

Suleimani: In Damaskus hatte ich mit Christen, Alawiten und Drusen zu tun – das hat mich nachdenklich gemacht. Beim weiteren Studium in Frankreich habe ich zwei Erfahrungen gemacht: Einmal respektieren die Muslime dort weder ihr Gastland, noch ihre eigene Religion. Zum anderen konnte ich in Europa meinen Islam freier leben als in Syrien, wo sich jeder Gläubige bei der Staatssicherheit verdächtig macht. 

Kann die Revolution die Situation in Syrien verbessern?

Suleimani: Mache Dir keine Illusionen – in Syrien haben wir es mit einem religiösen Krieg zu tun. Es stehen sich Sunniten und Schiiten gegenüber. Und eine einvernehmliche Lösung wird es nicht geben.

Es fällt auf, daß die hiesigen Leute als Muslime stark von sich selbst überzeugt sind. Werden sie allerdings nach den konkreten Koran-Suren gefragt, von denen sie ihre Kraftsprüche abzuleiten glauben, müssen die meisten passen.

Suleimani: Es gibt viele Unterschiede zwischen dem Islam und den Muslimen. Ich glaube, es war Benazir Bhutto, die mal folgenden Satz gesagt hat: Im Westen gibt es Islam ohne Muslime – und bei uns Muslime ohne Islam.

*Der Name wurde auf ausdrücklichen Wunsch des Betreffenden verändert.

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