Markus Krall Freiheit oder Untergang

Syrisches Bürgerkriegstagebuch
 

„Assad ist ein Ungläubiger“

Was kann man überhaupt glauben? „In der Stadt sind die Truppen von Assad“, sagten die Rebellen von Telmenes. Per Luftlinie sind es nur fünf Kilometer nach Maarat an-Numan (91.000-Einwohner) an der Nord-Süd-Magistrale zwischen Aleppo und Damaskus. Im Moment ist der Weg doppelt so lang. Über Umwege findet sich auf einem Motorrad schließlich doch ein Weg in einen jener sunnitisch-arabischen Orte, die von Beginn an gegen die Assad-Regierung opponieren. Und siehe da: Es gibt keine Einheiten der Armee mehr in der Stadt – sie haben sich jenseits des nördlichen Stadtrands postiert und warten.

Im Juli hat die Zentralgewalt von Damaskus endgültig die Kontrolle über Maarat verloren. Die letzte Schlacht tobte damals im Zentrum. Die lokalen Aufständischen, per Selbsterklärung Mitglieder der „Freien Syrischen Armee“, griffen den letzten Stützpunkt ihrer Gegner auf dem Dach des Rathauses an. Eine Vielzahl an Einschußlöchern dient dafür als Beleg. Und die zahlreichen Armee-Utensilien zwischen den Sandsäcken.

Wie die Rebellen stolz erläutern, hätten sie ihren Vorstoß vom hiesigen Mosaikenmuseum aus vorgenommen – also direkt nebenan. Im Ausstellungsgelände befinden sich Bildnisse und Steinsäulen aus der Römerzeit. Das historische Gut ist jedoch erhalten geblieben. Nun sehen sich die FSA-Männer als Beschützer des syrischen Kulturerbes.

Eine Gruppe junger Männer verweist auf Einbruchspuren an der schweren Holztür zur Antikenkammer, die nun versiegelt ist. „Räuber haben versucht, die Schätze zu stehlen“, berichten sie. Damit dies nicht wieder geschehe, haben sie gleich ihr Hauptquartier in die alten Gebäude verlegt. Hinter einer Tür: Ein gutes Dutzend Kalaschnikows und Maschinengewehre. Alles uralt.

Schwer zu glauben, daß die Einnahme dieses Gebiets keine Todesopfer auf der Seite der Oppositionellen gefordert haben soll – und gleichwohl 15 von der Gegenseite. Videos sollen als Beleg dienen, doch außer Gefechtslärm und „Allahu Akhbar“-Rufen ist nicht viel zu vernehmen.

Pistole am Kopf

„Guck mal, wir wollen Dir ehrlich sagen, was hier passiert.“ Überraschung, eine deutsche Stimme. 18 Jahre hat Saer Mandil in Hamburg als Angestellter gelebt und gearbeitet. Vor zwei Jahren dann ging es mit den Kindern zurück – in die alte, neue Heimat. „Es hat ja niemand mit einer Revolution gerechnet. Die Leute hatten ja praktisch immer die Pistole am Kopf.“ Sein Vater sei in den 60er Jahren selbst Mitglied der staatlichen Baath-Partei gewesen – und habe schließlich als Abtrünniger untertauchen müssen. Für seine Regierung hat er wie alle Gesprächspartner nur Verachtung übrig. Es fallen meistens Wörter, die sich nicht niederschreiben lassen. Doch Saer argumentiert auch ruhig und gesetzt: „Es gab hier überall Korruption. Wer zum Beispiel einen Laden eröffnen wollte, mußte ein Staatsbüro nach dem anderen besuchen – und überall Geld bezahlen. Und oft haben sie einem alles verboten ohne Grund. Wir hatten kein Recht und Gesetz wie in Deutschland. Im Gegenteil: Die Polizei schlug sich auf die Seite von Kriminellen, wenn es ihnen Vorteile brachte. Durchs Leben kam man nur mit Hilfe von Lügen.“ Natürlich freut sich der stämmige Mann über den „Bildersturm“ – die niedergerissenen Statuen und Plakate von Ex-Langzeitspräsident Hafis al-Assad und seinem Nachfolger, dem eigenen Sohn. Regimetreue Aussagen sind in Maarat an-Numan nicht zu hören. Eher nur noch radikalere Ansichten. Daß Assad ein „Kaffir“ sei – ein Ungläubiger. Und daß Allah gegen einen solchen jedes Mittel erlaube.

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