Magdeburger feiern die Zerstörung ihrer Stadt

In Magdeburg, der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, ist der 16. Januar alljährlicher Gedenktag. 1945, vor fünfundsechzig Jahren, war die Innenstadt durch einen alliierten Luftangriff fast vollständig zerstört worden – nicht zum ersten Mal in der über 1.200 Jahre alten Geschichte, war der Ort doch im Dreißigjährigen Krieg im Mai 1631 bereits den Truppen des kaiserlichen Feldherren Tilly zum Opfer gefallen. Damals waren rund 20.000 Einwohner getötet worden. Die Erstürmung gilt als das größte und schlimmste Massaker jener Epoche. Einzig der Dom war von der Zerstörung verschont worden.

So war es auch bei dem Bombardement durch die Alliierten im Januar 1945 gewesen, das zu den fürchterlichsten des Zweiten Weltkriegs zählt. Damals war die Innenstadt zu neunzig Prozent zerstört worden, schätzungsweise 16.000 Menschen verloren dabei  ihr Leben. Der durch die Brandbomben entfachte Feuersturm ließ den Asphalt auf den Straßen schmelzen. Eine etwa acht Quadratkilometer große Fläche brannte tagelang. Unter anderem fielen dem Angriff 15 Kirchen zum Opfer und der Breite Weg, eine der schönsten Barockstraßen Deutschlands.

An dieses Inferno erinnert seit dem Jahr 1999 auch die „Initiative gegen das Vergessen“ aus dem Umfeld von NPD und sogenannten „freien Kameradschaften“. Die Initiative, die in diesem Jahr ihren Gedenkmarsch unter dem Motto „Ehrenhaftes Gedenken statt Anpassung an den Zeitgeist“ angemeldet hat, wendet sich nach eigenen Angaben gegen die These der „Kollektivschuld“ und gegen die verkürzte Klassifizierung der Deutschen als ein „Tätervolk“. Dieser Vorwurf, so die Forderung, sollten „zum Straftatbestand der Volksverhetzung“ erklärt und die flächendeckenden Bombardements auf Flüchtlingstrecks, Wohnviertel und kulturhistorische Innenstädte zu Kriegsverbrechen deklariert werden.

Daß dies den Unmut der „Zivilgesellschaft“ in Gestalt von Parteien und Verbänden hervorruft, verwundert nicht – ist es doch ein Angriff auf das vorherrschende Geschichtsbild und die damit verbundene Gedenkkultur. Hatte das Bündnis im Jahr 2006 noch zum Gedenken an die Opfer des 16. Januar 1945 auf dem Westfriedhof  Kränze niederlegen können, war dies im Folgejahr durch eine Änderung der Friedhofssatzung verhindert worden.

Doch es ist nicht nur die Landeshauptstadt, die sich über Gesetzesnovellen des vermeintlichen Gegners zu erwehren versucht. Auf Initiative des Landesinneministers Holger Hövelmann (SPD), eines ehemaligen SED-Mitglieds und angehenden NVA-Polit­offiziers, wurde am 3. Dezember 2009 ein Landesversammlungsgesetz erlassen, welches nach Ansicht von Kritikern das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit deutlich einschränkt. Im Paragraph 14 sind „Erinnerungsorte und Erinnerungstage“ festgelegt, an denen rechtsextreme Gruppierungen kein Demonstrationsrecht besitzen. Dies betrifft neben diversen Gedenkstätten auch bestimmte Kalendertage, so den 27. und 30. Januar (Holocaust-Gedenktag und Tag der „Machtergreifung“ 1933), den 20. April (Geburtstag Hitlers), den 8. Mai (Kriegsende 1945), den 20. Juli (Attentat auf Hitler 1944), den 1. September (Kriegsausbruch 1939) sowie den 9. November („Reichskristallnacht“ 1938).

Da der 16. Januar noch nicht entsprechend kodifiziert wurde, hat man sich ein anderes Mittel überlegt, um öffentlich gegen das vermeintlich „falsche“ Gedenken vorzugehen. Vor diesem Hintergrund haben die Landeshauptstadt Magdeburg und das „Bündnis gegen Rechts“ für den 16. Januar zur zweiten „Meile der Demokratie“ aufgerufen.

Diese soll nach den Willen der Veranstalter ein „großes Fest“ werden. Auf der Bühne vor dem Hundertwasserhaus präsentieren sich die beiden großen Kirchen. Neben Superintendent Michael Seils, Regionalbischof Christof Hackbeil und Bischöfin Ilse Junkermann  wird hier auch Kabarett und Musik von der Gruppe Gospelexpreß geboten. Auf der Goldschmiedebrücke, wo die „Meile der Demokratie“ von Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) und Innenminister Hövelmann eröffnet wird, spielt derweil das Landes-Polizeiorchester, und auf dem Alten Markt präsentiert sich die Gruppe „Juri Gargarin“, gefolgt von den Musikern von „Jeans Team“.

Am Nachmittag sind die Magdeburger  dann aufgerufen, ein „Band der Demokratie“ zu knüpfen, weshalb jeder Besucher ein etwa ein bis zwei Meter langes Stück Stoffband mitbringen soll. Mit diesem soll das Rathaus „symbolisch gegen Nazis“ verschlossen werden, „auch wenn es einer leider schon geschafft hat“, so der Ordnungsbeigeordnete Holger Platz. Gemeint ist Stadtrat Matthias Gärtner (NPD). Dabei verdankt die Stadt es ausgerechnet dessen Ja-Stimme, daß im Oktober 2009 der Bau des Magdeburger Innenstadttunnels, eines Großprojekts, für das 45 Millionen Euro eingeplant sind, beschlossen werden konnte.

Gegen Abend ist für die Kleinen ein „Laternenumzug mit Bastelstraße“ geplant. Angeführt wird der Umzug „durch eine geschmückte Gondel des Puppentheaters“. Den Abschluß bildet eine sogenannte „Blade-Night“ mit einem zehn Kilometer langen Rundkurs durch die Innenstadt. Erklärtes Ziel dieses „zivilgesellschaftlichen“ Theaters ist es, den „Rechtenaufmarsch“ an den äußeren Innenstadtrand zu verbannen. So, wenn auch nicht wörtlich, erklärt es Thomas Weber vom „Bündnis gegen Rechts“ gegenüber der Volksstimme. Doch wie verträgt sich diese Haltung mit dem selbstgewählten Motto, das für „Für ein demokratisches und tolerantes Magdeburg!“ eintritt?

Blind für diesen Widerspruch scheint auch Arno Frommhagen, Sprecher der Interessengemeinschaft Innenstadt. Ihm zufolge sind die Händler „von der Aktion besonders begeistert. Die Außenwirkung lautet nämlich, kommt alle in die Innenstadt!“ Am Abend des 16. Januar 1945 war das anders. Da hatten Leuchtbomben das Areal der Innenstadt markiert, um den Bomberverbänden, die es vollständig ausradierten, den Weg zu weisen. Ob das jemand den Kindern erzählt, die am Wochenende mit ihren Lampions losziehen?

Foto: Teilnehmer auf der „Meile der Demokratie“ im vergangenen Jahr: Lampionumzug

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