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„Das gegenwärtige politische System komplett lahmlegen“

Der neue Chef der EU-Gegner von der United Kingdom Independence Party (UKIP) heißt Lord Pearson of Rannoch. Eine klügere Wahl hätten die Parteimitglieder kaum treffen können. Malcolm Pearson, der 1942 als Sohn eines Kampfpiloten geboren wurde, besuchte das renommierte Eton College. Später gründete er einen Versicherungskonzern und wurde damit zum Multimillionär. Seinen Adelstitel erhielt er 1990 von der Tory-Regierung unter John Major. Als Mitglied des Oberhauses erwarb er sich schnell einen Ruf als jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um die Themen geht, die ihm am Herzen liegen: Korruption, Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen (er hat eine Tochter, die am Down-Syndrom leidet), politische Voreingenommenheit bei der öffentlich-rechtlichen BBC – aber vor allem Brüssel.

Mitte der neunziger Jahre forderte er den Austritt Großbritanniens aus der EU. „Die Menschen im Westen stehen – oh je, das klingt alles ungeheuer pompös – vor zwei großen Problemen. Zum einen haben sie Gott vergessen. Zum anderen vertreibt die Bürokratie allmählich die Demokratie, und der Bündnispartner der Bürokratie ist der Sozialismus“, erklärte er 1997 im Daily Telegraph.

Schlichtere Worte fand er für Margaret Thatcher: „Ich liebe sie.“ Im selben Jahr gründete Pearson die Denkfabrik Global Britain, die die Wirtschaftsbeziehungen zur EU und die Europa-Berichterstattung der BBC beobachtet. 2004 wurde er aus der Tory-Fraktion im Oberhaus ausgeschlossen, nachdem er eine Wahlempfehlung für die UKIP abgegeben hatte. 2007 erfolgte sein Übertritt zur UKIP, die er als einer von zwei Abgeordneten im Oberhaus vertrat. Ansonsten kümmert er sich um seine ausgedehnten Ländereien in Schottland. Angeblich soll er als einziger britischer Politiker imstande sein, einen Hirsch zu jagen, zu erlegen und standesgemäß auszunehmen.

Im vergangenen Februar lud Pearson den niederländischen Parlamentarier Geert Wilders ein, seinen islamkritischen Film „Fitna“ im Oberhaus zu zeigen (JF 10/09). Wilders wurde bekanntlich am Flughafen die Einreise verweigert; die Filmvorführung fand trotzdem statt, und Pearson warf der Regierung vor, „Appeasement“ zu betreiben. Er schlägt zwar mittlerweile versöhnlichere Töne an, hält aber im Grundsatz an seiner Islamkritik fest: „Das Problem ist, daß er ein religiöses, ein politisches und ein Rechtssystem in einem ist, der Austritt wird mit dem Tod bestraft, und er befindet sich überall auf der Erde im Aufwind“, bekannte er in der Londoner Times.

EU-Feindschaft und massive Islam-Kritik

Die muslimische Bevölkerungsdichte sei mancherorts so stark, daß sie Forderungen stellen könne, gegen die sich die Briten nur unter Schwierigkeiten wehren könnten. „Wir müssen verhindern, daß die Scharia sich im Westen durchsetzt.“ Noch mehr Aufruhr verursachte seine Äußerung: „Es beunruhigt einen manchmal schon, wenn man durch manche Gegenden fährt und nicht sehr viele weiße Gesichter sieht.“

Pearson befürwortet verschärfte Einwanderungsbeschränkungen und Volksabstimmungen nach Schweizer Modell sowie weniger ernst zu nehmende Vorschläge wie jenen, das britische Unterhaus von heute 646 auf 250 Abgeordnete zu reduzieren. Er gilt als umgänglicher Mann mit hervorragenden Kontakten innerhalb der politischen Führungselite, der EU-skeptischen Bewegung und den wichtigsten Sponsoren der UKIP. Freilich könnten sich diese Kontakte, so paradox das klingen mag, als zu gut erweisen. Früheren Tory-Parteikollegen steht er noch so nahe, daß er unlängst gemeinsam mit dem früheren UKIP-Chef Nigel Farage Geheimverhandlungen über eine Auflösung der UKIP anbot, sofern die Tories sich verpflichteten, im nicht unwahrscheinlichen Fall ihres Wahlsiegs eine Volksabstimmung über den bereits ratifizierten Lissabon-Vertrag anzuberaumen.

So beeindruckend ihre Erfolge bei den Europawahlen sind, blieb die UKIP bislang auf lokaler wie auf nationaler Ebene hinter den Erwartungen zurück. Der einzige UKIP-Vertreter im Unterhaus wurde als Tory-Direktkandidat gewählt und tritt nicht zur Wiederwahl an. Das hat seinen Grund darin, daß die UKIP als Ein-Thema-Partei gilt. Aus seiner Strategie für den bevorstehenden Wahlkampf macht Pearson kein Hehl: Er will „das gegenwärtige politische System komplett lahmlegen, so daß die Affen keine Gesetze machen können, die wir nicht wollen“.

Doch wenn die UKIP mehr sein will als eine ewige Protestpartei, wird sie sich ein umfassendes politisches Programm zulegen müssen. Und das könnte nicht zuletzt deshalb schwierig werden, weil es innerhalb der Partei eine kleine, aber einflußreiche Gruppe unter Führung der lesbischen EU-Parlamentarierin Nikki Sinclaire gibt, die die EU zwar ebenfalls ablehnt, aber sich jeder Wende nach „rechts“ energisch widersetzen wird.

Zwar wird diese Gruppe mit dem Abtritt des überempfindlichen Farage von der Parteispitze (er bleibt aber Chef der rechten EU-Fraktion Europa der Freiheit und der Demokratie/EFD, JF 27/09) an Macht verlieren, zumal ein Klimawandel weg von den müden Klischees der Political Correctness spürbar wird. Lord Pearson hat nun die einmalige Gelegenheit, eine Riege stolzer Individualisten in eine attraktive, genuin radikale und zugleich genuin konservative Wahlalternative zu verwandeln – vorausgesetzt, er sucht sich genügend weise Berater.

Derek Turner ist Publizist und seit 2007 Herausgeber der britischen Zeitschrift „Quarterly Review“ ( www.quarterly-review.org ).

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