Pankraz, Albert Camus und die Welt als Absurdistan

Das war nicht nur absurd, es war geradezu gespenstisch, als hätte der Teufel persönlich seinen Fuß dazwischen gehabt. Albert Camus (46), Frankreichs legendärer „Dichter des Absurden“ und Literaturnobelpreisträger, starb vor fünfzig Jahren, am 4. Januar 1960, auf einer Autofahrt von Lourmarin in der Provence nach Paris. Er hatte an sich die Eisenbahn benutzen wollen, hatte das Billet schon gekauft, aber da bat ihn der Neffe seines Verlegers Gallimard, Michel Gallimard, der auch von Lourmarin nach Paris wollte, zu ihm ins Auto zu steigen, das sei doch viel bequemer. Und Camus stieg ein.

Gallimards Wagen, ein prächtiger Facel Vega, galt als hochgradig fahrsicher, aber kurz vor Paris platzte ein Reifen, das Auto kam ins Schleudern und prallte gegen einen Baum. Michel und im Fond Madame Gallimard nebst Töchterchen Anni überlebten, nur Camus war tot. Das Bahnbillet fand sich in seiner Manteltasche. Absurdistan! Wie hatte der Dichter in seinem berühmten Roman „Die Pest“ geschrieben? „Das Leben verlieren ist keine große Sache, doch dabeisein zu müssen, wenn jeder Sinn des Lebens aufgelöst wird – das ist unerträglich.“

Camus starb, wie er gelebt hatte: jenseits aller Sinnhaftigkeit, auch noch der simpelsten, jenseits aller metaphysischen Hoffnungen und ideellen Versprechungen. Trotzdem wäre er mit diesem Tod nicht einverstanden gewesen, denn er ließ ihm keine Zeit, Widerstand zu leisten, gegen die Absurdität zu revoltieren. Zwar hielt Camus das Untergehen, das Scheitern für die einzig denkbare Chiffre menschlicher Existenz, doch legte er Wert darauf, daß es ein Scheitern ohne Unterwerfung sein müsse, daß man sich bis zuletzt wehren müsse.

Natürlich ist das Scheitern, so Camus in seinem großen Essay „L’homme révolté“, immer total. Wir können uns im Moment des Sterbens noch so sicher wähnen, hinreichend viel fürs seelische Überleben getan zu haben – hier auf Erden sind wir letztendlich allesamt total Gescheiterte. Selbst unsere Werke und die Erinnerung an uns vergehen, wenn nicht in zehn, dann eben in hundert Jahren, wenn nicht in hundert, dann in tausend Jahren.

Aber indem wir scheitern, dokumentieren wir unsere menschliche Würde; es kommt jedenfalls darauf an, die Würde im Scheitern zu demonstrieren. Jede Leichenpredigt, und sei sie die geringste und verlogenste, zeugt davon. Die deutlichste, uns wohl angemessenste Form des Scheiterns ist der heroische Untergang. Kein Siegerglanz kann uns so rühren und bewegen wie der Untergang einer tapferen kleinen Schar, die gegen riesige Übermacht bis zur letzten Patrone kämpft und das Fähnlein aufgerichtet hält.

Auf faktisch jeder Seite von Camus’ Werk begegnet man dieser Widerstands-Situation. Persönliche Erfahrungen aus dem Maquis, dem Untergrundkrieg gegen die deutsche Besatzung in den Jahren zwischen 1940 und 1944, spiegeln sich darin ab. Der junge Algerienfranzose Camus gehörte dem Maquis ja – im Gegensatz zu vielen hochgerühmten Wichtigtuern, die das nur von sich behaupteten – tatsächlich an. Er leitete unter größten Gefahren die Untergrundzeitung Combat, welche er dann über das Kriegsende hinwegtrug und zum Lautverstärker seiner „Philosophie des Absurden“ machte.

Seine Bücher, speziell die beiden Romane „Der Fremde“ und „Die Pest“ und die beiden Essays „Der Mythos des Sisyphos“ und „L’homme révolté“ (hierzulande mißverständlich übersetzt mit „Der Mensch in der Revolte“) machten damals außerordentlichen Effekt und prägten den intellektuellen Diskurs. Camus galt neben Sartre als Hauptvertreter des französischen Existentialismus, obwohl sich seine Weltsicht schneidend von der Sartres unterschied und es bald auch zu unüberbrückbaren Spannungen zwischen den beiden kam.

Sartres „Revolte“ war genuin politisch und prononciert links. Er wollte die Welt vom Kapitalismus befreien und schlug sich schließlich „zwecks gemeinsamen Friedenskampfes“ auf die Seite der Sowjetunion und der Kommunisten. Camus’ Revolte hingegen zielte gegen die allgegenwärtige Absurdität des Daseins, gegen das ewige, ewig vergebliche Steinerollen des Sisyphos. Die „Solidarität“, zu der er aufrief, meinte die Solidarität der Scheiternden, die Tapferkeit der Widerstehenden, in welcher Lage auch immer.

Er war sich der originalen Bedeutung des Wortes „absurd“ voll bewußt; es bedeutet „mißtönig“, so wie ein gellender Mißton in einem schönen Lied ertönt und seine Schönheit zerstört. Nicht die Welt im Ganzen ist nach Ansicht von Camus absurd, sie ist im Gegenteil schön, aber es gibt eine Instanz, die ihre Schönheit mit voller Absicht überschreit und zerstört, und diese Instanz ist sehr mächtig und schwer zu benennen.

Nur manchmal verdichtet sie sich zu konkreten, erkennbaren Gestalten, zu Exekutoren der Absurdität gewissermaßen. Das sind dann Leute, deren Maul von verführerischen Ideologemen nur so trieft, während sie in Wirklichkeit schlimmstes Unheil anrichten. Solche Gestalten sah Camus auch und nicht zuletzt im Sowjetkommunismus walten und nannte sie beim Namen. „Die einzige Art, gegen die Pest zu kämpfen, ist die Ehrlichkeit“, läßt er seinen Arzt Rieux im Roman sagen, und er selbst hat sich immer tapfer an diese Devise gehalten.

Die Romane „Der Fremde“ und „Die Pest“ sind heute fester Bestandteil der französischen Lehrpläne. Ihr Sprachstil ist ungeheuer eingängig, ohne das geringste Zugeständnis nach irgendeiner Seite hin: ein wundersames Parlando, klar und unmißverständlich auch noch bei der Beschreibung heikelster Zusammenhänge und wildester Ausbrüche. Albert Camus, dieser algerische „Schwarzfuß“, Sohn kleiner Leute und schwierigster Jugendverhältnisse, war ein wahrer Meister der Sprache und der Philosophie.

Jetzt will man seine Gebeine ins Pariser Panthéon umbetten; es ist ein öffentlicher Streit darüber entstanden. Manche Kommentatoren sagen: Reif fürs Panthéon wäre Camus allemal, fragt sich nur, ob das Panthéon reif ist für Camus.

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