Vielleicht ein heilsamer Schock

Noch rätseln die Experten, ob die Zahlungsschwäche des Emirats Dubai nur das Nachbeben der Weltfinanzkrise ist oder Vorbote noch größeren Unheils. Seit biblischen Zeiten gelten Einstürze gigantischer Turmbauten als warnende Vorzeichen. Der über 800 Meter in den Himmel ragende Burj Dubai setzt diese Reihe fort. In kapitalistischen Zeiten errechnet sich die Statik solcher Himmelsleitern auch aus der Solidität ihrer Finanzierung. Reichen die erwarteten Verkaufserlöse und Mieteinnahmen aus, um Rückzahlung und angemessene Verzinsung des für den Bau aufgenommenen Fremdkapitals zu gewährleisten? So war es in der Krise der 1930er Jahre beim New Yorker Empire State Building und beim Börsencrash 1987 bei den Petronas Towers in Kuala Lumpur.

Doch der Fall Dubai liegt anders. Der ölärmste der Sandstaaten am Persischen Golf ist anders als die anderen in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) zusammengeschlossenen sechs Schwestern: Dubai ist kein Netto-Gläubiger, sondern Netto-Schuldner. Seine Aktiva sind Hochhäuser, Luxushotels, der zum modernsten Überseehafen der Region ausgebaute Anlegerplatz der alten Sindbad-Segelschiffe oder der riesige internationale Flughafen, die dem Meer abgerungenen Kunstinseln vor der Küste. Wie der höchste Turm der Welt ist das alles mit geliehenem Geld gebaut worden. Es steht auf finanziellem Sand, denn das Emirat Dubai ist bis zu 100 Prozent seines geschätzten Bruttoinlandsprodukts (BIP) verschuldet. Die Geldgeber sind nur zum kleineren Teil befreundete Vettern-Emirate, sondern vornehmlich britische und US-Großbanken. Diese stecken selber in Schwierigkeiten, sie sind auf Staatshilfe angewiesen. Die Manager vieler Immobilienfonds müssen mit dem Besuch von Staatsanwälten rechnen, wenn sich herausstellt, daß nicht nur die Angaben ihrer Prospekte auf Phantasien aus „Tausendundeiner Nacht“ beruhten, sondern auch die Projekte vor Ort. Selten hat eine auf ersten Blick erkennbare Phantasia-Welt soviel Geld für soviel Größen- und Glitzerwahn mobilisiert.

Und genau da liegt der Haken. Das Heer der Geprellten wird sich kaum ein zweites Mal unter dem Vorwand der „Sanierung“ dieser Schein- und architektonischen Wunderwelt in die Tasche greifen lassen. Denn die jetzt beantragte Stundung ist lediglich eine noch nicht einmal zehnprozentige Anzahlung auf den wohl uneinbringlichen Rest. Die für die Ermittlung des Abschreibungsbedarfs zuständigen Rating-Agenturen werden sich ebenfalls kein zweites Mal dem für sie tödlichen Verdacht aussetzen, Komplizen statt Kontrolleure der von ihnen zu Überwachenden zu sein. Der volle noch nicht zur Stundung angemeldete Betrag der Dubai-Schulden wird abgeschrieben werden müssen.

Der interne VAE-Buchhalter und Bankier, das Emirat Abu Dhabi (das über etwa zehn Prozent der Weltölreserven verfügt), hat bereits erkennen lassen, daß von ihm nur die Hilfe zu erwarten ist, die der Rettung der eigenen Investments dient. Die Luxusoase am Golf wird dann veröden. In den anderen Emiraten wird man nicht allzu traurig darüber sein, es aber öffentlich nicht zeigen. Daß so viele Fremde an den Schaltstellen der Familiengeschäfte hantieren, hat ihnen noch nie gefallen. Wenn jetzt der Fall Dubai deren Zahl und Einfluß vermindert, werden sie dem nicht im Wege stehen.

Weltweit wird daher die Vorsicht der Anleger wieder wachsen. In den Zentralen der globalen Hochfinanz wird man Risiken sorgfältiger kalkulieren. Der Plan einer gemeinsamen Öl-Währung (JF 43/09) dürfte fürs erste vom Tisch sein. In Washington wird man aufatmen, und dem schwächelnden US-Dollar wird es guttun. Und wenn daraufhin die unechte Börsenhausse der letzten Monate abklingt (sie war ohnehin nur ein weiteres Attentat auf die Bekämpfung der Real-Krise, denn das dort investierte Geld fehlte als Kredit für den Unternehmenssektor), dann war es der Dubai-Schock, der die überfällige Trennung von Kasino und Kapitalismus wieder in Gang gebracht hat.

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