Konfuzius ist in, Mao ist out

Daß sich in der Volksrepublik China in den letzten drei Jahrzehnten ein atemberaubender Wirtschaftsaufschwung vollzogen hat, ist allgemein bekannt. Doch die Öffnung des Reichs der Mitte und die Entscheidung der KP-Führung, mehr Kapitalismus zu wagen, können nicht hinreichend erklären, warum China im kommenden Jahr Deutschland erstmals den Titel des Exportweltmeisters wegschnappen könnte. Laut Zahlen der Welthandelsorganisation (WTO) verkauften deutsche Unternehmen in den ersten neun Monaten dieses Jahres Waren im Wert von knapp 1,16 Billionen Dollar ins Ausland – der Vorsprung auf China betrug damit nur noch 85 Milliarden Dollar. Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist der ungebrochene Bildungshunger der Chinesen, die auf eine über eine 5.000 Jahre alte Kultur zurückblicken können. Inzwischen gibt es über 1.500 Hochschulen. Seit Jahren steht der Ausbau der Bildungszusammenarbeit mit Deutschland ganz oben auf der Prioritätenliste der KP-Regierung. 1974 kamen die ersten chinesischen Studenten nach Westdeutschland – inzwischen studieren über 30.000 Chinesen in Deutschland oder machen hier eine Aus- und Weiterbildung. In Europa ist Deutschland Hauptziel für chinesische Studenten und Wissenschaftler. Selbst als Sprachunkundiger spürt man in simultanübersetzten Gesprächen an deren Gestik und Mimik die Hochachtung für unser Land – schließlich wird Deutschland mit „Land der Tugend“ ins Chinesische übersetzt. In den heiß diskutierten Pisa-Studien finden sich bislang zwar keine Ergebnisse aus der Volksrepublik, aber die Daten für Hongkong und Taiwan lassen vermuten, daß auch China einen der vorderen Plätze belegen könnte. Das Bildungswesen gliedert sich in Vorschul-, Grundschul-, Mittelschul- und Hochschulbildung. Die neunjährige Schulpflicht gilt bis zur unteren Mittelstufe, sie ist schulgeldfrei. Tabuisierung als chinesisches Wesensmerkmal Wenn man sich mit dem chinesischen Schulsystem im Lande vertraut macht, dann fallen sofort zwei Dinge auf: Chinesische Schulen sind Stätten der funktionalen Disziplin – Ruhe ist die erste Schülerpflicht. Dieser Unterrichtsstil kommt Lehrern wie Schülern entgegen. Die Wißbegierigkeit der chinesischen Schüler beeindruckt. Zügellosigkeit, Schlampigkeit, Unordnung und Gleichgültigkeit werden aus Überzeugung abgelehnt. Die skandalösen Zustände an so manchen öffentlichen Schulen in der westlichen Hemisphäre sind den Chinesen ein abschreckendes Beispiel. Zudem besinnt man sich immer mehr auf den großen chinesischen Kulturschöpfer Konfuzius, der Lernen als Verbindung von Moral und Sachwissen charakterisierte. Harter schulischer Auslesewettbewerb ist in China – wie auch in Japan, Singapur oder Korea – die Regel. Das ist auch notwendig, um die moderne arbeitsteilige Gesellschaft mit den erforderlichen Fachleuten zu versorgen. Die chinesischen Lehr- und Lernmethoden sind hart, aber Schlendrian gibt es nicht. Auch Mao, die alte kommunistische Galions- und Schreckensfigur, wird nur noch als Relikt einer vergangenen Epoche wahrgenommen. Ihm begegnet man mit einer Tabuisierung, die ein Wesensmerkmal chinesischer Vergangenheitsbewältigung ausmacht. Konfuzius ist in, Mao ist out: „Lehrmeister Kong“ und seine Nachfolger formulierten schon vor 2.500 Jahren Regeln, die dem Menschen dazu verhelfen sollen, ein moralisch gefestigtes, weltzugewandtes und der Gesellschaft gerecht werdendes Leben zu führen. Diese soziale Ordnung ist keine Religion, sondern natürliche Ethik und praktische Philosophie der Menschlichkeit. Offenbar haben die KP-Machthaber erkannt, daß sie – so sie an der Regierung bleiben wollen – eine neue ethische Fundierung und nach außen hin eine moralische Legitimation brauchen. Konfuzius predigte aber nicht die Gleichheit aller Menschen, sondern vielmehr die wechselseitige Anerkennung und Übereinkunft von Einzelpersönlichkeit und Staat im Sinne eines großen Harmoniebedürfnisses. Die Gleichheit der Menschen besteht nur darin, daß sie alle ein Recht auf Würde haben. Westliche Freiheits- und Demokratievorstellungen haben daher für die allermeisten Chinesen keinen Modellcharakter. Trotz aller Erfolge dürfte Chinas Entwicklungsweg anders verlaufen als der seiner ostasiatischen Nachbarn. China ist nicht nur 25mal so groß wie Japan, sondern es hat auch zehnmal so viele Einwohner. Fast zwei Drittel der Bevölkerung leben auf dem Land. Peking hat den weltgrößten Flughafen, im Zentrum der 16-Millionen-Metropole ist alle 1.000 Meter ein U-Bahnhof zu finden. In Shanghai fährt der deutsche Transrapid. Dagegen sind viele Kleinstädte und Dörfer nur über Schotterpisten erreichbar. Hinzu kommen schätzungsweise 150 Millionen Wanderarbeiter, die zwar Chinas Aufblühen mitverursacht haben, deren Lebensstandard sich aber in absehbarer Zeit kaum verbessern dürfte. Sollte sich die Weltwirtschaftskrise verschärfen, sind soziale Unruhen im so extrem exportabhängigen China nicht auszuschließen. Die Chinesen werden dennoch Erfolg haben. Im Netz der von Konfuzius geprägten Gesellschaft zählt nicht der Knoten, sondern die Masche zwischen den Knoten – die menschliche Beziehung. Sie nennen es „Guanxi“, den Vorrang der Pflichten gegenüber dem individuellen Eigeninteresse.

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