Joachim Kuhs

 

Ignoranten in Berlin

Nach jahrzehntelanger Unterdrückung und Verbot der deutschen Sprache in der damaligen Volksrepublik Polen – selbst Personennamen wurden amtlich zwangspolonisiert – hat sich die Lage seither theoretisch sehr gebessert, in jüngster Zeit insbesondere durch das Minderheitengesetz. In der Praxis hingegen sind die Möglichkeiten für die deutsche Volksgruppe, auf deutsch beschult zu werden, nach wie vor gering.

So belegte 2007 eine breitangelegte Studie der AGMO (Bonn) zum muttersprachlichen Deutschunterricht, daß es in Polen trotz rechtlicher Voraussetzungen noch immer keine deutschsprachigen Minderheitengrundschulen und kaum bilinguale Grundschulen gibt. Was es gibt, sind wöchentlich drei Schulstunden Deutsch. Zum Vergleich: In Litauen mit starker und bestens organisierter polnischer Minderheit existierten im Schuljahr 2003/04 allein 83 rein polnische Schulen.

Für den neuen Chef des Verbands der deutschen sozial-kulturellen Gesellschaften in Polen (VdG) gibt es also viel zu tun. „Die Minderheit hat viele Möglichkeiten nicht ausgeschöpft“, sagte Bernard Gaida der JF. Die nach der Wende 1989 herangewachsene Generation junger Deutscher sei durch den Polonisierungsdruck oft unsicher in ihrer Identität, weswegen der Vermittlung deutscher Sprache „zentrale Bedeutung“ zukomme. Dabei setzt Gaida auf Schulen in Trägerschaft der Volksgruppe: „Die können wir selbst ausgestalten.“ Ein Curriculum für Samstagsschulen in den Begegnungsstätten der Deutschen Freundschaftskreise ist in Arbeit, im September soll in etwa zehn Gemeinden ein Pilotprogramm beginnen, eine Finanzierungszusage vom Konsulat in Oppeln (Opole) liege vor.

Nach der generellen Unterstützung aus Deutschland gefragt, antwortet Gaida diplomatisch: „Die Frage ist zu früh gestellt, wir fangen jetzt erst an“ – der fünfzigjährige Schlesier ist 45 Tage im Amt (JF 22/09). Was fehle, sei die moralische Unterstützung – noch nie hat etwa ein Bundespräsident die deutsche Volksgruppe besucht: „Daß die Kanzlerin zur Minderheitenwallfahrt auf den St. Annaberg nach Oberschlesien kommt, das würden wir uns wünschen.“

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