Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Preis der Normalisierung

Nordirland ist Kummer gewohnt – bis vor kurzem beschränkten sich die schweren ethnischen Konfrontationen jedoch auf den alten Konflikt zwischen irisch-katholischen Republikanern und britisch-protestantischen Unionisten. Seit das Karfreitagsabkommen von 1999 den irischen Nationalisten von Sinn Féin zu einer Regierungsbeteiligung verhalf, herrscht dort relativer Frieden und Wohlstand.

Eine unerwartete Folge dieser Entspannung war die Einreise Tausender Zuwanderer in eine traditionell homogene und eher konservativ eingestellte Bevölkerung. Das mußte unweigerlich zu völlig neuartigen Spannungen führen, da Republikaner wie Unionisten – insbesondere diejenigen aus den unteren Gesellschaftsschichten – in den Neuankömmlingen Konkurrenten um staatliche Zuwendungen, Wohnungen und Arbeitsplätze sehen.

Laut einer Umfrage von 2007 waren 52 Prozent der Iren der Meinung, die Regierung solle die Vorschriften für Einwanderer verschärfen. Um die 85 Prozent gaben an, daß Einwanderer bereit seien, für niedrigere Löhne zu arbeiten, und 63 Prozent störten sich an der Belastung, die sie für die öffentliche Hand darstellten. Solcher Unmut zeitigt bereits bedauernswerte Konsequenzen: Als die nordirische Polizei 1996 eine Statistik über rassistisch motivierte Kriminalität zu führen begann, verzeichnete sie 41 Vorfälle, 2008 waren es fast tausend.

Mitte Juni wurde bekannt, daß es in Belfast zu Konfrontationen zwischen einheimischen Jugendlichen und rumänischen Zigeunern gekommen sei. Mittlerweile lebten mehr als einhundert Mitglieder von Zigeunerfamilien in einem Belfaster Sportzentrum unter Polizeischutz. Ähnliche Meldungen waren bislang eher aus der Slowakei, Tschechien oder Ungarn bekannt, wo es seit der politischen Wende 1989 zunehmend Spannungen zwischen der Mehrheitsbevölkerung und der offenbar schwer integrierbaren Zigeuner-Minderheit gibt.

Die Nachricht von diesen Angriffen erschütterte die politischen Verantwortlichen anscheinend so sehr, daß sie nun versuchen, die Zigeuner zum Bleiben zu überreden. Denn sonst, so der Oberbürgermeister von Belfast, „hätten die Rassisten gewonnen“.

Der stellvertretende nordirische Regierungschef Martin McGuinness (Sinn Féin) versprach: „Wir werden sicherstellen, daß diese rassistischen Verbrecher sich nicht durchsetzen.“ Er bezeichnete es als „sehr besorgniserregend, daß eine kleine, nicht repräsentative Gruppe anfängt, eine große Anzahl von Menschen zu bedrohen und einzuschüchtern“ – bemerkenswerte Worte aus dem Mund eines Mannes, der jahrelang als aktives Mitglied der antibritischen Terrororganisation Provisional IRA angehörte.

Die Medien machten es nicht besser, indem sie Belfast als „europäische Hauptstadt des Rassenhasses“ titulierten oder auf die Tränendrüsen drückten wie Jamie McDowell, der am 18. Juni im Belfast Telegraph schrieb: „Im Laufe der vergangenen Wochen hat er eine Beziehung zu den Rumänen aufgebaut – eine Freundschaft, in der wenige Worte fallen, aber die Gefühle ganze Bände sprechen … Mit Tränen in den Augen streckt sie ihre Hände nach oben und ruft immer wieder aus: ‘Warum?’“

Warum es überhaupt zu diesen Zusammenstößen kam, interessiert die Medien dagegen kaum. Am 17. Juni interviewte ein Fernsehreporter einen Mann aus Süd-Belfast, der sagte, die „Rumänen“ hätten „angefangen“. Er war jedoch offensichtlich betrunken und stolperte von dannen, ohne seine Aussage zu präzisieren. Ansonsten haben die Medien unkritisch die so schillernden wie widersprüchlichen Geschichten von Jugendlichen übernommen, die angeblich den Hitlergruß zeigten, Kundgebungen gegen den Rassismus angriffen und androhten, Kindern die Kehlen durchzuschneiden.

Vereinzelte Versuche, die Hintergründe zu verstehen, beliefen sich auf bloße Haarspalterei. So verlieh Neil Jarman vom Institut für Konfliktforschung der Überzeugung Ausdruck, neben einem „Standard-Rassismus“ führe das Vermächtnis der sektiererischen Gewalt dazu, daß „jeder, der ein bißchen anders ist, zur Zielscheibe für Einschüchterung wird“ – als ob ähnliche Vorfälle nicht auch außerhalb Nordirlands passierten.

Auch die Polizei geriet ins Kreuzfeuer der Medien: Sie habe nicht früh genug reagiert, um den „Haßverbrechen“ Einhalt zu gebieten. Schon amüsant, daß sich Reporter aus London einbilden, die Lage in Belfast besser zu verstehen als die dortige Polizei. Der Channel-4-Nachrichtenmoderator Jon Snow fragte einen nordirischen Polizeikommissar sogar, warum man „aus dem Mord an Stephen Lawrence nichts gelernt“ habe – dabei hat der Fall des schwarzen Jugendlichen, der 1993 in London ermordet wurde und im Zuge der später eingesetzten Untersuchungskommission zu einem Synonym für institutionellen Rassismus in Großbritannien geworden ist, nun wirklich nichts mit den Vorfällen in Belfast gemein.

Die Reporter gehen offenbar davon aus, daß die rumänischen Zigeuner vollkommen schuldlos einem blindwütigen „Rassismus“ zum Opfer gefallen seien. Das mag stimmen – womöglich verhält sich die Geschichte aber auch komplizierter. An dieser Stelle ist durchaus der Hinweis relevant, daß die Kriminalitätsrate in Rumänien drastisch zurückgegangen sein soll, seit das Land 2007 der Europäischen Union beigetreten ist und auch seine Zigeuner damit Reisefreiheit innerhalb der EU erhielten.

In seiner Ausgabe vom Februar 2008 berichtete beispielsweise das britische Fachblatt Police Review, daß in London täglich 339 Straftaten von Zigeunern begangen würden. Um dem Problem Herr zu werden, habe die Polizei eine Sondereinheit von zwölf Mann eingerichtet. Auch im Parlament wurden bereits Anfragen zu dem Thema gestellt, wie die Boulevardzeitung Daily Mail berichtete. Es kann also gut sein, daß die Aggressionen nicht ganz so einseitig waren, wie sie in den Medien dargestellt wurden.

Natürlich sind die gewalttätigen Übergriffe gegen die rumänischen Zigeuner durch nichts zu entschuldigen – was auch immer die Hintergründe gewesen sein mögen. Doch die bedauerliche Wahrheit ist nun einmal, daß solche Verbrechen in multiethnischen Gesellschaften unvermeidlich sind, und je größer die ethnische und kulturelle Vielfalt, desto größer das Potential für Mißverständnisse und Konflikte. Der Preis der „Normalisierung“ könnte höher ausfallen, als die nordirische Bevölkerung nach ihrer langen Leidensgeschichte erwartet hätte.

Derek Turner ist Publizist und seit 2007 Herausgeber der britischen Zeitschrift „Quarterly Review“ (www.quarterly-review.org).

Foto:  Polizei begleitet Zigeuner-Familien in Belfast: Übergriffe sind nicht zu entschuldigen – was auch immer die Hintergründe gewesen sind

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