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Halbherziges Gedenken

Am Tag der Menschenrechte brannte es im noblen Villenviertel am Potsdamer Pfingstberg. Doch nicht etwa gewaltbereite Jugendliche aus der linken Szene, sondern vier alte Männer hatten am Donnerstag vergangener Woche vor dem ehemaligen NKWD-Gefängnis in der Leistikowstraße, in dem sie vor sechzig Jahren eingesperrt waren, ein kleines Feuer des Protests entzündet. Den Betreibern der heutigen Gedenkstätte werfen sie vor, die Zeit ihres Leidens unter dem Sowjetterror absichtlich in den Hintergrund zu rücken und ihre Mitwirkung an der wissenschaftlichen Projektarbeit systematisch zu behindern.

In der Tat besaß der Bau, der inmitten der eleganten Villengrundstücke wie ein unansehnlicher Fremdkörper hockt, weitreichende Bedeutung für die repressive Besatzungspolitik der Sowjets in Deutschland. Nach der Potsdamer Konferenz 1945 wurde er zum zentralen Untersuchungsgefängnis für die Spionageabwehr umgebaut. Hinter der düsteren, bis auf ein paar schmale Fensterschlitze zugemauerten Fassade des Hauses durchlebten bis zu 1.200 deutsche, aber auch sowjetische Bürger entsetzliche Monate, in denen sie brutal verhört und mißhandelt wurden. Unter Folter preßten die Sowjets den größtenteils jugendlichen Männern und Frauen ein Geständnis ab, bevor diese von einem Militärgericht zum Tod oder zu langjähriger Zwangsarbeit in sowjetischen Straflagern verurteilt wurden. Die meisten von ihnen rehabilitierte der russische Staat erst in den neunziger Jahren.

Für ein würdiges Fortbestehen als Erinnerungsstätte sah es für das geschichtsträchtige Haus zunächst gut aus. Denn zeitgleich zur Rehabilitierung der Opfer richtete der Verein Memorial Deutschland eine sorgfältig aufbereitete und von Besuchern hochgelobte Ausstellung in den Räumen ein. Die Präsentation „Von Potsdam nach Workuta“ wurde von der jetzigen Verwaltung des Gebäudekomplexes, der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, nach der Renovierung des Gefängnisses 2008 nicht übernommen. Diese entspreche nicht mehr dem aktuellen Forschungsstand, argumentierten Ines Reich, Leiterin der Gedenkstätte Leistikowstraße, und der Direktor der Treuhandstiftung, Günter Morsch. Die Kritik der Opfervereinigung an der Art und Weise, wie der Gedenkort betrieben wird, können sie nicht nachvollziehen und verweisen auf einen „intensiven Austausch“, den die Wissenschaftler mit den Zeitzeugen pflegen. Momentan wird das Haus provisorisch geführt, bis es mit einer Dauerausstellung im Frühjahr 2011 wiedereröffnet werden soll. Daß sich die Forschungslage bis dahin entscheidend ändert, ist unwahrscheinlich; Ines Reich und ihre Mitarbeiter brauchen für ihre Arbeit Dokumente, die in den Archiven des russischen Geheimdiensts gehütet werden.

Um so mehr sind die Forscher auf die Zeugenschaft der wenigen noch lebenden Opfer angewiesen. Doch wie lästig der Historikerin in Wirklichkeit die Begegnung mit erlebter Erfahrung ist, machte sie deutlich, als sie im Gespräch mit Journalisten Zeitzeugen als „schlimmste Feinde der Wissenschaft“ bezeichnete. Ob sie das gleiche auch gegenüber jüdischen Nazi-Opfern äußern würde, wurde sie in einem Gespräch während der Mahnwache aus der Runde der Kommunismus-Opfer empört gefragt.

Daß brandschutztechnische Bedenken die Installation der früheren Ausstellung verhindern, wie die Gedenkstättenleitung kolportiert, könne die Opferverereinigung durch ein behördliches Gutachten widerlegen. Auch der Auslage einer kostenlosen Broschüre mit den Berichten der Zeitzeugen verweigerten sich Morsch und Reich grundlos. Der Stiftungsvorsitzende und die leitende Historikerin antworteten ausweichend auf die Klagen der Gegenseite. Der eigens für die Gesprächsrunde angereiste Brandenburger Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) reagierte beschwichtigend auf die Anwürfe und versprach den anwesenden Zeitzeugen und ihrer Vertretung, daß man zu einem Konsens kommen werde. Doch womöglich ist das am Ende nichts anderes als die zynische Kalkulation mit einem Gut, über das die mittlerweile hochbetagten Opfer nicht verfügen: Zeit. 

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