Ein bißchen schwanger

Verteidigungsminister zu Guttenberg steht mitten im Minenfeld. Da hat die Bundeswehr nun einmal zugeschlagen wie eine richtige Armee im Einsatz, und seither herrscht Aufruhr im Hühnerstall.

Nun soll ein parlamentarischer Untersuchungsausschuß klären, wer wem wann was und wieviel darüber berichtet hat, ob da einer dem anderen was vorenthalten oder ihn angelogen hat oder ob da jemand womöglich nicht rechtzeitig genug sich von den eigenen Soldaten distanziert hat.

Die vorläufige Bilanz der Provinzposse: Ein Generalinspekteur und ein Staatssekretär gefeuert, die SPD will am liebsten gleich das ganze Kommando Spezialkräfte (KSK) auflösen, und der im Felde stehende Oberst, dessen Befehle die politisch-mediale Klasse seit Wochen mit wenig Ahnung und viel moralischer Erregung auf und ab diskutiert, gehört zwar einer Armee an, die keinen „Krieg“ führt, soll aber trotzdem ein „Kriegsverbrechen“ begangen haben.

Der Inhalt irgendwelcher Berichte ist nebensächlich

Dabei ist der Inhalt irgendwelcher Berichte oder der Zeitpunkt ihres Bekanntwerdens im Grunde nebensächlich. Ob die Vernichtung der beiden von Taliban gekaperten Tanklastzüge und die – allem Anschein nach gezielte und beabsichtigte – Tötung etlicher Taliban-Kämpfer und -Führer unter Inkaufnahme von weiteren Opfern unter der örtlichen Dorfbevölkerung „militärisch angemessen“ oder „nicht angemessen“ war, ist eine Frage des politischen Auftrags, oder anders gewendet: eine Frage von Krieg oder Nicht-Krieg.

Wenn man der Auffassung ist, daß am Hindukusch „die Sicherheit Deutschlands verteidigt“ wird, sprich: daß dort vitale deutsche Interessen auf dem Spiel stehen, die die Teilnahme der Bundeswehr an einem innerstaatlichen bewaffneten Konflikt auf seiten der legitimen Regierung rechtfertigen, dann muß man die Soldaten auch Krieg führen lassen.

Dazu gehört das Einkalkulieren von Verlusten, aber auch die Handlungsfreiheit der militärischen Führer zur aktiven und gezielten Vernichtung des Feindes. Sie müssen lagegerecht und kriegsmäßig handeln können, ohne jedesmal erst den Bundestag fragen oder den Staatsanwalt fürchten zu müssen.

Deutsche Soldaten als brunnenbohrende Zielscheiben

Will die politische Führung aber keinen Krieg haben, dann muß sie die Truppen eben abziehen. Ein bißchen Krieg geht ebensowenig wie ein bißchen schwanger. Deutsche Soldaten in fernen Ländern als brunnenbohrende Zielscheiben aufzustellen, die höchstens mal zurückschießen dürfen, wenn sie direkt angegriffen werden, mag die zynische rote Seele des ein oder anderen in hohe politische Ämter aufgestiegenen Wehrdienstverweigerers erfreuen – es bleibt doch ein Mißbrauch des Einsatzwillens und der Opferbereitschaft der Truppe.

Die „Einsamkeit des Soldaten“, die Martin Böcker in diesen Kolumnenspalten eindringlich beschrieben hat, kommt von ganz oben. Unmittelbar nach Amtsantritt schien Minister zu Guttenberg die autistisch verbohrte Realitätsverweigerung durchbrechen zu wollen, indem er von „kriegsähnlichen Zuständen“ sprach und den in Kundus kommandierenden Oberst demonstrativ in Schutz nahm. Weil er den offenen Konflikt mit der Kanzlerin scheute, kehrte er auf halbem Weg um und verirrte sich erst recht im politisch korrekten Minenfeld.

Das Kernproblem ist indes weder das politische Überleben des Verteidigungsministers noch die müßige Frage, ob die Opposition im parteitaktischen Hickhack dem Regierungslager eins auswischt oder umgekehrt. Es geht darum, ob Deutschland sich im Krieg befindet und wie es mit seinen Soldaten umgeht, die in der Uniform dieses Landes zu kämpfen und zu sterben bereit sind. Weiß das überhaupt jemand auf dem aufgescheuchten Berliner Hühnerhof, wo man das eigene hysterische Gegackere schon für Politik hält?

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