Fast ein ganz normales Mädel

In der Geschichte der USA wimmelt es von charismatischen, aber umstrittenen Politikern, die vergeblich fürs Weiße Haus kandidiert haben: In der jüngeren Vergangenheit waren dies Jesse Jackson, Al Sharpton und Ralph Nader auf der Linken oder Pat Buchanan und Rudy Giuliani auf der Rechten. Sarah Palin paßt perfekt in diese Kategorie. Ihre Autobiographie „Going Rogue: An American Life“ (Harper Verlag, 2009) wurde im vergangenen Monat zum sofortigen Verkaufsschlager. Palin war rund um die Uhr in den Medien präsent. Memoiren schreiben viele Politiker – warum hat sie soviel Aufmerksamkeit?

Palins Popularität erschließt sich nicht zuletzt aus der sinkenden Begeisterung für Barack Obama. Konservative Kräfte freuen sich auf die Kongreßwahlen im November 2010, bei denen sie viele enttäuschte Wähler zurückgewinnen wollen, die unter der anhaltenden Rezession leiden und sich über die milliardenschweren Rettungspakete für Banken sowie über die Höhe der Boni erzürnen, die trotz Finanzkrise von einigen ausgeschüttet wurden. Als Gouverneurin von Alaska hat sich Palin durch Steuersenkungen und Kritik an staatlicher Verschwendung beliebt gemacht. Sie gibt sich als Frau, die „Klartext“ redet, mit einer „normalen“ amerikanischen Familie und einem ländlichen Lebensstil – im Gegensatz zu den Washingtoner Eliten mit ihren Harvard-Abschlüssen. Dadurch fungiert Palins Biographie als Folie, vor der sich die Differenzen zwischen den Weltanschauungen liberaler und konservativer Amerikaner in aller Schärfe abzeichnen.

Zudem rührt das Interesse an Palins Buch von John McCains gescheiterter Bewerbung um die Präsidentschaft her. Es geht um die Auseinandersetzungen, die im Herbst 2008 zwischen dem McCain- und dem Palin-Lager aufflammten. Im Zuge des Wahlkampfs wurde Palins Familienleben zu einer Art nationalen Seifenoper. Ihr Sohn Track kam im September 2008 als Soldat in den Irak. Bei ihrem Jüngsten, dem 2008 geborenen Trig, wurde vor der Geburt das Down-Syndrom diagnostiziert. Die evangelikale Christin entschied sich trotzdem für das Baby. Der Republikaner-Parteitag 2008 begann mit einem Paukenschlag, als Palin bekanntgab, daß ihre 17jährige Tochter Bristol schwanger sei. Der Kindesvater trennte sich aber nach der Geburt von der ältesten Palin-Tocher. Solche Geschichten sind Wasser auf die Mühlen des Klatschzirkusses, der die einst seriösen Nachrichten zur Trivialunterhaltung gemacht hat.

Palins Memoiren sind in jenem bodenständigen Stil verfaßt, der ihr als Vizepräsidentschaftskandidatin sowohl Bewunderung wie Spott einbrachte. Das Buch führt den Leser durch ihre frühen Jahre, die Palins Charakter und Wertvorstellungen prägten. Die folgenden Kapitel behandeln die Provinzpolitik und die vielen Feinde, die sie sich mit ihrem herrischen Regierungsstil machte. Das grelle Schlaglicht, das als Vizepräsidentschaftskandidatin jäh auf sie fiel, empfand Palin als verstörend. In einem bemerkenswerten Absatz beschreibt sie den Wahlabend in Phoenix, wo McCains „Aufpasser meine Familie mit Stöcken bedrängten, als wären sie Bären, und Dinge zu ihnen sagten wie: ‘Geht zurück in euer Wohnmobil, ihr blöden Schneeböcke.’“ In diesem Moment habe sie beschlossen, als Gouverneurin zurückzutreten „und diese Partei verflixt nochmal umzukrempeln“.

Auch den „liberalen Medien“ nimmt sie übel, wie sie mit ihr umgingen. Man habe sie von Anfang an als naives Landei abgeschrieben. Dagegen setzt sie ihre „Vision“ für Amerika, die freilich – so oft sie auch Ronald Reagan als Gewährsmann herbeizitiert – nicht über republikanische Standardpositionen hinausgeht: gegen Abtreibung, für einen schlanken Staat, Gott und die Werte der Ehe und Familie.

Die 45jährige vereint alle Elemente, die notwendig sind, um in einer Kultur zu reüssieren, die von der Faszination für Macht und Charisma und einem voyeuristischen Interesse am Privatleben von „Promis“ besessen ist. Sie ist eine attraktive Frau für eine Partei, die zum Sammelbecken einer Minderheit weißer Männer aus den US-Südstaaten zu verkümmern droht. Doch gemäßigte Konservative und gebildete moderne Frauen tun sich schwer. Ihre weltanschauliche Prägung erhielt Palin fernab von der Lebenswelt der Stadtbewohner. Alaska mit seinen langen dunklen Wintern und seiner niedrigen Kriminalitätsrate ist eine andere Welt. Einen Reisepaß beantragte sie erstmals 2006. Palin läßt keinen Zweifel an ihrer Absicht, sich 2012 um das höchste Amt der USA zu bewerben. Ihr Aktionskomitee ist bereits dabei, landesweit Spenden zu sammeln. Erfolgreiche US-Präsidenten zeichneten sich aber durch eine Kombination aus Charisma und politischem Durchblick aus. Seit Reagans Präsidentschaft hat der Star-Faktor zwar zugenommen, doch der ehemalige Hollywood-Schauspieler war äußerst belesen und bestens mit den aktuellen Problemen seiner Zeit vertraut. Arnold Schwarzenegger konnte als „Gouvernator“ von Kalifornien beweisen, daß seine Talente sich keineswegs auf die Schauspielerei beschränken.

Palin würde sich gerne als Reinkarnation Reagans feiern lassen. Dazu reicht es jedoch nicht, sich als regular gal (als ganz normales Mädel von nebenan) zu verkaufen. Wie Reagan wußte auch Bill Clinton die Wähler mit seinem jungenhaften Charme zu bezirzen, doch dahinter verbarg sich eine geradezu streberhafte Leidenschaft für Statistiken und für das tagespolitische Klein-klein. Obama, der insbesondere im Ausland wie ein Rockstar behandelt wurde, ist sich nur allzu bewußt, daß eine solche Vergötterung ihn noch längst nicht zu einem starken Präsidenten macht.

Als Reagan einen Kurswechsel in der US-Politik herbeiführte, galten die Republikaner als die Partei der Ideen – eine Entwicklung, die in Clintons Kapitulation gipfelte: „Das Zeitalter des starken Staats ist vorbei.“ Seit George W. Bush treibt die Partei orientierungslos dahin. Palin ist aber nicht die nützliche Idiotin, als die sie von ihren liberalen Kontrahenten unterschätzt wird. Sonst hätte sie in der chauvinistischen Kultur Alaskas nicht bestehen können. Schlagfertigkeit hat sie, politische Grundkenntnisse könnte Palin sich vielleicht aneignen. In der Zwischenzeit muß die Show weitergehen, solange ihr Stern noch glitzert.

Prof. Dr. Elliot Neaman lehrt Neuere europäische Geschichte an der University of San Francisco.

Foto: Sarah Palin bei ihrer Buchvorstellungstournee: Keine Reinkarnation Reagans

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