Auf den Spuren des globalen Klimawandels

Bernhard Pötter heißt der neue „Tatort“-Kommissar – nein, nicht in der bekannten Fernsehserie, sondern in dem spannenden Kriminalsachbuch „Tatort Klimawandel“, wo Pötter als Journalist die Spuren der Täter, Opfer und Profiteure des Klimawandels verfolgt. Zwei Jahre lang ermittelte Pötter rund um den Globus an Orten, die exemplarisch für das Treibhaus Erde stehen, sprach mit den Akteuren und den Betroffenen, befragte Tatverdächtige und Zeugen. Pötter plädiert für mehr Gerechtigkeit im Treibhaus Erde. Entkommen kann dem Klimawandel niemand.

Zuerst sucht Pötter nach den Spuren der Täter: Fündig wird er in Houston/Texas, wo das Herz der US-Ölindustrie schlägt. Zwischen Köln und Aachen besichtigt er ein großes Braunkohlekraftwerk, in dem der unbeliebtestete aller Brennstoffe verfeuert wird. Im tropischen Regenwald am Amazonas beobachtet er, wie den Holzfällern Rinderhirten und Sojabauern folgen. In Los Angeles, der Stadt mit der höchsten Autodichte der Welt, steht er im Stau. Im französischem Toulouse ist er dabei, wenn der neue Riesen-Airbus A 380 startet. Im Emirat Dubai besucht er eine überdachte Skipiste und informiert sich über Klimaschutzprojekte am Persischen Golf. In Paris befragt er den Klimaskeptiker Richard Lindzen, der seit Jahren den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel öffentlichkeitswirksam bestreitet.

Im zweiten Teil des Buches untersucht Pötter Folgen des Klimawandels und wendet sich den Opfern und Verlierern zu. Auf Sylt beobachtet er, wie der Meeresspiegel steigt und das Meerwasser wärmer und saurer wird. Im Süden von Bangladesch trifft er auf Klimaflüchtlinge, die ihre Heimat wegen heftiger Stürme, häufiger Überschwemmungen und versalzender Felder verlassen mußten. Gemeinsam mit Ornithologen untersucht er in den Niederlanden, wie schnell der Klimawandel die fein abgestimmten Abläufe der Natur durcheinanderbringt, und entdeckt, warum gerade der Trauerschnäpper zur Brutzeit keine Nahrung findet. Wenn sich in Kenia Tausende Rinderhirten um die austrocknenden Wasserstellen streiten, zeigt er, daß die Erderwärmung beim Kampf um knapper werdende Ressourcen wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Am Beispiel der Zeckeninvasion in Mitteleuropa diagnostiziert er neue Infektionskrankheiten mit existentiellen Gesundheitsfolgen.

Er reist zu den schmelzenden Gletschern in den Alpen und weiß, daß ewiges Eis nur Schnee von gestern ist. Am Amazonas geht er der Frage nach, ob die Dürre von 2005, als weite Teile des Regenwaldes trocken fielen, ein Vorgeschmack auf die Zukunft war und sich die grüne Lunge unseres Planeten zur trockenen Steppe wandelt. Aber auch den deutschen Autobauern, Versicherern und Stromversorgern dürfte der Klimawandel künftig die Bilanz verhageln, wenn sie nicht rechtzeitig reagieren, meint Pötter.

Der dritte Teil des Buches befaßt sich mit den Profiteuren und Gewinnern des Klimawandels. In Flamanville an der französischen Atlantikküste beschreibt er die Baustelle eines neuartigen Atomkraftwerkes als Ausweg in eine neue Sackgasse. In London läßt er sich das Carbon Disclosure Project erklären, das Investitionsanlagen klimasicher machen will und den Klimawandel als Finanzgröße begreift. Zu den Gewinnern gehört die effektive Holzwirtschaft in Schweden genauso wie die profitable grüne Gentechnik, die in Gent/Ostflandern bei Bayer Bio-Science gegen den Klimastreß resistente Pflanzen züchtet.

In den von Überschwemmungen bedrohten Niederlanden findet Pötter zukunftsweisende Siedlungen aus amphibischen Häusern, die hochwasserfest auf schwimmenden Pontons errichtet wurden. Aber auch den Klimaforschern selbst gereicht der Klimawandel zum Vorteil – im Rampenlicht medialer Aufmerksamkeit fließen Forschungsgelder leichter.

Am Schluß des Buches folgt Pötter heißen Spuren und falschen Fährten, wenn er verschiedene Angebote zum Klimaschutz hinterfragt. Der norwegische Ölkonzern Statoil versenkt überflüssiges Kohlendioxid im Meeresgrund der Nordsee – mit öligem Beigeschmack, wie Kritiker meinen. Der Emissionshandel mit Kohlendioxidlizenzen, ein bürokratisches Regelwerk der EU, brachte in der Vergangenheit recht wenig Klimaschutz, krempelt aber zunehmend Strukturen in der Wirtschaft um. Der Kampf ums Klima erreicht die Gerichtssäle: In Nigeria hat erstmals ein Gericht das nutzlose Verbrennen jenes Erdgases verboten, das bei der Ölproduktion anfällt. Als Geschäft mit dem schlechten Gewissen entlarvt Pötter den „klimaneutralen“ Ablaßhandel, der die Emissionen von Klimasündern ausgleichen soll. Die Rettung der Ozonschicht durch das Verbot der Fluorkohlenwasserstoffe im Abkommen von Montreal 1987 zeigt erstaunliche Parallelen zur Debatte um den Klimawandel – das läßt hoffen.

Bernhard Pötter: Tatort Klimawandel – Täter, Opfer und Profiteure einer globalen Revolution. Oekom Verlag, München 2008, broschiert, 263 Seiten, 19,90 Euro

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