„Die Leute sind hier ganz normal“

Das Urteil war längst gefallen – zumindest für viele deutsche Medien. Als am 19. August vorigen Jahres auf einem Stadtfest in der sächsischen Kleinstadt Mügeln acht Inder von einer Gruppe Deutscher angegriffen werden, steht für sie bereits fest: Rechtsextreme waren am Werk. Eine Hetzjagd durch die ganze Stadt habe es gegeben. Politische Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Schröders Ex-Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye sprach erneut von „No-go areas“ in den östlichen Bundesländern. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag, Sebastian Edathy (SPD), hatte der Neuen Osna­brücker Zeitung gesagt, er könne dunkelhäutigen Bürgern „nicht mit gutem Gewissen raten, Volksfeste in ostdeutschen Kleinstädten zu besuchen“. Und als Mügelns Bürgermeister Gotthard Deuse (FDP) gegenüber der JUNGEN FREIHEIT andeutete, daß der Vorfall seiner Meinung nach nicht auf organisierten Rechtsextremismus schließen lasse (JF 36/07), wurde auch er in die radikale Ecke gestellt. SPD und Grüne forderten seinen Rücktritt. Politik und Medien riefen nach mehr Geld für den Kampf gegen Rechtsextremismus. Fast ein Jahr ist seitdem vergangen. In Mügeln ist der Alltag eingekehrt. Vorbei sind die Tage, als Fernsehteams mit Kamera und Mikrophon über den Marktplatz streiften und Journalisten die Ladenbesitzer des Stadtkerns mit Fragen zu Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus löcherten. Geblieben ist ein schaler Beigeschmack. Mügeln? Da war doch was. Wurden da nicht Ausländer verprügelt und von Rechtsradikalen durch die Stadt gehetzt? „Der Schaden, den die Medien hier anrichteten, ist viel größer als die Klopperei damals“, sagt ein Rentner der JF. Namentlich möchte er nicht genannt werden. Das Mißtrauen der Mügelner gegenüber Journalisten ist groß, seit ihr Ort als Hort von Neonazis durch den deutschen Print-Blätterwald rauschte. Er ist froh, daß wieder „Ruhe“ herrsche und der ganze „Zirkus“ vorbei sei. „Da war auch Alkohol im Spiel. So etwas kommt auf dem Oktoberfest in München ein Dutzend Mal vor, und hier bei uns rufen sie den Notstand aus“, empört er sich. Sein Nachbar, ebenfalls Rentner, stimmt zu. „Sehen Sie sich um, wir sind nicht ausländerfeindlich“, erklärt er mit Nachdruck. Er zeigt auf einen Verkaufsstand auf dem Mügelner Markt. Inder verkaufen dort Bekleidung und Rucksäcke. Es sind dieselben Menschen, die am 19. August vorigen Jahres an den Auseinandersetzungen im Festzelt beteiligt waren. „Man hatte schon gesehen, daß die was abbekommen hatten“, erinnert er sich an Beulen und blaue Augen der Betroffenen. Einige Tage lang seien sie nicht mehr auf dem Markt erschienen. „Irgendwie fehlte uns da was“, meint Monika Schwarze von der Pension Rosenhof. Schließlich seien die Inder voll in die kleinstädtische Gemeinschaft integriert. Doch die Abstinenz sei nur von kurzer Dauer gewesen. Auch der indische Inhaber der Pizzeria Picobello, in die sich die Inder geflüchtet hatten, bedient inzwischen wieder seine Kunden, so als hätte es nie einen Vorfall gegeben. Ganz selbstverständlich bestellen die Mügelner bei ihm Speisen und Getränke. Keine Ressentiments, keine gehässigen Worte und keine abfälligen Blicke. Nur die Presse ist nicht erwünscht. „Ich sage gar nichts mehr“, erklärt der Inhaber sofort. Eine Begründung dafür läßt er sich gerade noch entlocken. „Ich habe genug von euch Journalisten, ihr wollt immer nur eure Story, aber ich muß hier mit den Menschen leben“, gibt er aufgebracht von sich. Der erste Monat sei aufgrund der Berichterstattung besonders schlimm für das Geschäft gewesen, ergänzt seine Mitarbeiterin. Aber der Alltag habe auch hier wieder Einzug gehalten. Keine 100 Meter vom Picobello entfernt befindet sich ein Bekleidungsgeschäft. Eine Vietnamesin arbeitet hier als Verkäuferin. An die Ereignisse vom vergangenen Sommer denkt sie mit gemischten Gefühlen zurück. „Ein wenig Angst habe ich schon“, gibt sie zu. Doch auf die Frage, ob sie in Mügeln eine ausländerfeindliche Stimmung spüre, muß sie lachen. „Die Leute sind hier ganz normal“, erzählt sie in fließendem Deutsch. Ja, einmal war ihr schon „etwas mulmig.“ Da war ein Mann, 18 oder 19 Jahre alt. Er hatte einen Stock in den Händen und kam in ihren Laden. „Ich weiß nicht, was der wollte. Er kam schweigend mit dem Stock hinein und ging schweigend wieder raus, das war mir irgendwie unheimlich.“ Beschimpft oder angegriffen wurde sie in Mügeln jedoch nie. Im Gegenteil: „Wir kaufen gern bei ihr“, bestätigen zwei ältere Damen. Die Schlägerei im Festzelt sei von den Medien „aufgebauscht“ worden, die Hetzjagd durch die Stadt „völliger Blödsinn“. Die Inder seien sofort in die Pizzeria gerannt, und die befinde sich „gleich nebenan“. „Klar, Neonazis gibt es auch hier, aber die Presse hat schon ziemlich übertrieben“, äußert sich eine Schülerin ebenfalls kritisch über die Medien. Auch sie war damals auf dem Fest dabei. Daß es zu Handgreiflichkeiten gegen die Inder kam, verwundert sie nicht. Schon häufiger sei es vorgekommen, daß junge Frauen von ihnen belästigt wurden. „Mich haben sie auch einmal angemacht“, erzählt sie. „Angegrapscht“ worden sei sie allerdings nicht. Doch genau darum sei es auf dem Stadtfest gegangen, meint die 16jährige. Einer der Inder soll eine deutsche Frau angefaßt haben, worauf es zum Streit gekommen sei. Eine Gruppe Deutscher habe dann die Inder verprügelt. Die Inder seien ebenfalls handgreiflich geworden, hatte die Polizei gegenüber Focus Online erklärt. Mit Glasflaschen sollen sie ihre Gegner attackiert haben. Unklar sei jedoch gewesen, ob es ein Angriff oder Notwehr war. Keine zwei Wochen nach dem Vorfall gab die Staatsanwaltschaft Entwarnung. Weder habe es eine Hetzjagd durch die Stadt gegeben, noch wiesen die Taten einen rechtsextremistischen Hintergrund auf. Die Täter wurden inzwischen zu Geldstrafen verurteilt. Einzig Frank D., ein 23 Jahre alter Baumaschinist, muß wegen Volksverhetzung und Sachbeschädigung für acht Monate hinter Gitter. Das Amtsgericht Oschatz sah als erwiesen an, daß der bisher nicht vorbestrafte D. bei den Ausschreitungen eine führende Rolle gespielt hatte. Die Staatsanwaltschaft hatte lediglich auf eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten plädiert. Auch im knapp 30 Kilometer entfernten Mittweida standen Gut und Böse in den Medien schnell fest. Gut, das war die damals 17 Jahre alte Rebecca K. Sie will im November vorigen Jahres einem sechs Jahre alten Mädchen aus einer Aussiedlerfamilie, das von Neonazis belästigt wurde, zu Hilfe geeilt und dabei selbst Opfer geworden sein. Rechtsextremisten sollen ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt haben. Böse, das waren die Bürger Mittweidas, die auf ihren Balkonen gestanden und nichts unternommen hätten. Wie im Fall Mügeln hielten es Politiker nicht für nötig, die Ermittlung der Fakten abzuwarten. Die Linksfraktion im sächsischen Landtag schlug Rebecca K. für den Verdienstorden des Freistaats vor, das von der Bundesregierung ins Leben gerufene Bündnis für Demokratie und Toleranz verlieh ihr den Ehrenpreis für Zivilcourage. Tatzeugen konnten bisher nicht ermittelt werden. Und auch das Kind wurde nicht aufgefunden. Statt dessen ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen Rebecca K. Am 14. Mai wurde die „Heldin von Mittweida“ wegen Vortäuschens einer Straftat angeklagt. Sie steht im Verdacht, sich das Hakenkreuz selbst eingeritzt zu haben. „Die übertriebene Stimmungsmache in den Medien ist nicht sehr hilfreich gewesen“, sagt die Inhaberin eines Schreibwarengeschäfts im Zentrum von Mittweida. Sie hätte sich eine sachlichere Auseinandersetzung zu dem Vorfall gewünscht. Schließlich habe die Stadt tatsächlich ein Problem mit Neonazis. „Wenn sich jetzt herausstellt, daß der ganze Fall erfunden wurde, nimmt doch niemand mehr Warnungen über wirkliche Vorfälle ernst“, fürchtet sie. Genauso ergeht es derzeit einem 15 Jahre alten Schüler in Mittweida. Er ist selbst Opfer von Rechtsextremisten geworden. „Die haben mir in der Schule mein Handy abgenommen“, erzählt er. Und bangt jetzt um seine Glaubwürdigkeit, sollte sich die Attacke auf Rebecca K. als inszeniert herausstellen. Fotos: Marktplatz in Mittweida: Gegen die „Heldin von Mittweida“ hat die Staatsanwaltschaft mittlerweile Anklage erhoben; Pizzeria „Picobello“ in Mügeln: „Schlecht für das Geschäft“

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