Der lange Weg zur Integration

Über die Hälfte der in Deutschland lebenden Einwanderer der ersten und zweiten Generation sind in der Gesellschaft wenig oder schlecht integriert. Sie weisen deutliche Defizite in der Bildung, bei den Sprachkenntnissen sowie der Teilnahme am sozialen Leben auf. Damit sind sie auf dem Arbeitsmarkt nur schwer vermittelbar bzw. längerfristig von Sozialleistungen abhängig. Dies ist das Fazit einer Studie mit dem Titel „Gesellschaftliche Kosten unzureichender Integration von Zuwanderinnen und Zuwandern in Deutschland“, die das Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien (BASS) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung erstellt hat. Insgesamt wurde bei dem Projekt auf bereits vorliegende Datensätze von über 12.400 Ausländern, Eingebürgerten und Spätaussiedlern der ersten Generation sowie deren Kindern zurückgegriffen und diese durch persönliche Befragungen ergänzt. Alle durch die Studie erfaßten Personen sind im erwerbsfähigen Alter zwischen 16 und 64 Jahren. Um hier zu einigermaßen vergleichbaren Resultaten zu kommen, wurde darauf geachtet, daß sich die befragten Personen in allen Gruppen gleichmäßig auf beide Geschlechter und auf alle relevanten Altersgruppen verteilen. Zudem wurde auf eine ähnliche regionale Streuung in allen deutschen Bundesländern geachtet. Eine wichtige Voraussetzung für eine gelungene Integration von Einwanderern in Deutschland stelle ein Schulabschluß dar. Hier legen die Autoren der Studie das Kriterium an, daß dazu im Regelfall mindestens ein zehnjähriger Schulbesuch notwendig ist, die Schule mit mindestens einem Hauptschulzeugnis abgeschlossen wird und zugewanderte Ausländer wenigstens zwei Jahre Bildung im Aufnahmeland Deutschland erhalten haben. Und bereits hier offenbaren sich große Lücken: 61 Prozent der Einwanderer konnten zumindest eines dieser drei Kriterien nicht erfüllen. Einen weiteren Faktor stellt für die Autoren der Studie die ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache dar. Im Gegensatz zu den Bildungskriterien, die durch konkrete Fakten belegt wurden, dient hier lediglich eine Selbsteinschätzung der Einwanderer als Maßstab. Dabei gaben 74 Prozent der Befragten an, Deutsch in Wort und Schrift sehr gut oder gut zu beherrschen. 26 Prozent der Zuwanderer bezeichneten ihre Sprachkenntnisse als lediglich befriedigend, mangelhaft oder ungenügend. Neben Bildung und Sprachkenntnissen wurden soziale Netzwerke als Kriterium für die Chancen zur Teilnahme auf dem Arbeitsmarkt sowie am gesellschaftlichen Leben herangezogen. Dabei wurden zwei institutionelle Formen von freiwilligem sozialen Engagement berücksichtigt: zum einen die ehrenamtliche Tätigkeit in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten und zum anderen die Beteiligung an Bürgerinitiativen, Parteien oder in der Kommunalpolitik. Zumindest eines dieser beiden Kriterien wird von 24 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund erfüllt. Die Mehrzahl der Befragten beteiligt sich indes nicht am gesellschaftlichen Leben in Deutschland. Da nach Auffassung der Autoren der Studie mindestens zwei Voraussetzungen – Bildung, Sprache und soziale Kontakte – erfüllt sein müssen, um als integriert zu gelten, kommen sie zu dem Ergebnis, daß nur 38 Prozent diese erfüllen. 55 Prozent der Zugewanderten sind nur wenig oder schlecht integriert. Bei den restlichen sieben Prozent ist eine eindeutige Zuschreibung nicht möglich. Bei der direkten Gegenüberstellung von Zuwanderern der ersten und zweiten Generation kommen die Autoren zu dem Ergebnis, daß immerhin rund 75 Prozent der Zuwanderer der zweiten Generation als integriert bezeichnet werden können. Jeder Vierte ist aber auch nach einem Aufenthalt in Deutschland von teilweise mehreren Jahrzehnten wenig oder überhaupt nicht eingegliedert. Bei der ersten Generation trifft dies sogar auf rund 70 Prozent der Befragten zu. Nicht einmal jeder Dritte kann hier als ausreichend integriert bezeichnet werden. Liegen diese Defizite vor, ergeben sich daraus große Hemmnisse für die soziale, aber auch die wirtschaftliche Integration in der Bundesrepublik, so die Autoren der Studie. Und diese haben wiederum geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu Folge; ein hohes Risiko, langzeitig arbeitslos zu werden und damit von staatlichen Transferleistungen abhängig zu sein, oder die Beschränkung auf sehr gering entlohnte Tätigkeiten. So liegt die Arbeitslosenquote bei den weniger integrierten Zuwanderern in Deutschland bei überdurchschnittlichen 16 Prozent. Bei den integrierten Zuwanderern liegt die Arbeitslosenquote dagegen mit 11 Prozent etwa auf dem durchschnittlichen Niveau der Stammbevölkerung – natürlich in Abhängigkeit von dem jeweiligen Niveau in den einzelnen Bundesländern. Die nicht integrierten Zuwanderer sind nicht nur in weit höherem Maße von Sozialleistungen abhängig. Sie führen auch gegenüber den integrierten Einwanderern im Schnitt pro Jahr 1.145 bis 1.897 Euro weniger Einkommensteuern an die öffentliche Hand ab. Ähnlich sieht es bei den Beiträgen zur Sozialversicherung aus: Der durchschnittliche Jahresbeitrag der nicht integrierten Zuwanderer in die Kassen der Kranken-, Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung (Lohnabzüge) ist pro Person zwischen 844 bis 1.297 Euro niedriger als bei den Mitgliedern der besser integrierten Gruppe. Die Hochrechnung dieser Zahlen durch die Autoren der Studie ergibt, daß durch die mangelhaft integrierten Einwanderer Bund und Ländern rund 3,6 Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr entgehen. Freilich wäre hierfür die Voraussetzung, daß diese Zuwanderer etwa durch eine Verbesserung ihrer Bildungsabschlüsse auch eine ähnliche Leistung erbrächten wie die besser eingegliederten Ausländer. Die derzeitigen Einnahmeausfälle wegen mangelhafter Integration für die Kommunen werden in der Studie auf 1,3 Milliarden Euro, diejenigen der Sozialversicherungen auf 7,8 Milliarden Euro beziffert. Bei der Vorstellung der Studie in der Gütersloher Bertelsmann-Zentrale zog das Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, Johannes Meier, das Fazit, die Studie zeige, daß „Defizite bei der
Integration … die Gesellschaft teuer zu stehen“ kämen. Meier forderte „verstärkte Investitionen vor allem im Bildungsbereich“, die notwendig seien, „weil hier die Weichen für die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben gestellt werden“. „Wir müssen dabei insbesondere die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund verbessern“, sagte Meier. Offen blieb allerdings, ob dies von der Mehrzahl der Betroffenen und von ihren Eltern selbst erstrebt wird und die Voraussetzungen für eine höhere Bildung überhaupt gegeben sind.

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