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Im Spiegel der Eitelkeit

Was für ein Abend! Mit Spannung hatte so mancher Wagnerianer in der Schwaben-Metropole der Neuinszenierung des „Fliegenden Holländers“ entgegengefiebert. Die Erwartungshaltung richtete sich nicht allein darauf, endlich einmal wieder diese 1843 in Dresden uraufgeführte „romantische Oper“ auf der Bühne der Staatsoper Stuttgart zu erleben. Nein, die Spannung bezog sich vielmehr auf die Frage, was sich der katalanische (Skandal)-Regisseur Calixto Bieito, der sich erklärtermaßen der Urfassung des „Holländers“ von 1841 annehmen wollte, wohl diesmal ausgedacht hatte, um weiter in seinen Bemühungen voranzukommen, der „alten Oper“ den Hals umzudrehen. Und siehe und höre und staune: Calixto Bieito, offensichtlich immer heftiger von neurotischen bis apokalyptischen Phantasien geplagt (und diese hemmungslos auf der Bühne austobend), vermochte abermals zu punkten. Ihm gelang das Kunststück, den „Holländer“ so gründlich, also bis zur absoluten Unkenntlichkeit zu entstellen, daß nichts, aber auch gar nichts mehr (außer der Musik) an Wagner erinnerte. Bieito erzählt eine völlig andere Geschichte. Eine Gruselgeschichte! Daß sich dieser Stuttgarter Premierenabend (zum Schluß neben vereinzelten Bravos auch von Empörung und kräftigen Buhrufen quittiert) nicht zum handfesten Theater-Skandal ausweitete, hat möglicherweise drei Gründe: Zum einen verhinderte dieses das vorzügliche Darsteller-Quintett mit Barbara Schneider-Hofstetter als stimmgewaltige Senta, Attila Jun als Donald (Daland), Yalun Zhang als Holländer, Lance Ryan als Georg (Erik) und Heinz Göhring als Steuermann – einem jedem aus diesem Quintett hätte man gewünscht, seine stimmlich-sängerischen und schauspielerischen Qualitäten in einer ernsthaften und würdevolleren Regie präsentieren zu können. Das zweite ist und bleibt die unbändige Kraft der wagnerischen Musik, die musikdramatische und psychologisch einzigartige, so überaus subtile Charakterzeichnung der handelnden Personen allein schon durch die (menschliche) Stimme, die zu zerstören auch einem Bieito nicht möglich ist. Zudem widerstand Enrique Mazzola am Pult des Staatsorchesters fast schon heldenmütig den raffinierten Verführungskünsten der Regie und führte den ihm anvertrauten Klangkörper souverän auch durch alle heiklen Klippen der Partitur. Und die dritte Ursache dafür, daß die doch sehr heftigen Buhrufe einer nicht verführbaren „kritischen Minderheit“ nicht zum Orkan der Ablehnung anschwollen? Es ist wohl die Feigheit eines verunsicherten Bildungsbürgertums, das sich nicht traut, seinen Emotionen und der Urteilskraft des eigenen kritischen Wahrnehmens freien Lauf zu lassen – oder beruht es auf der Blindheit gegenüber der allabendlich auf deutschen Bühnen stattfindenden Zertrümmerung ästhetischer Formen und künstlerischen Normen? So wird alles geschluckt, was Regisseure wie Bieito auf der Bühne dem Publikum im Saal zum Fraß vorwerfen … frei nach dem Motto: Was du nicht verstehst, das mußt du bejubeln! Und so wird von vielen Operngängern auch in Stuttgart gejubelt. Ein Beispiel stellvertretend für das ganze quälende und schwammige Bieito-Szenarium: Eine Schar (Chor) hysterischer Frauen mit blonden Perücken, sich zwischendurch die Fingernägel feilend und sich wie Barbie-Puppen bewegend, hat es zu Beginn des zweiten Aufzugs nicht mit Spinnrädern, sondern mit Kühlschränken zu tun. Im Takt werden die Türen auf- und zugeschlagen. Im Innern liegen tote Babies und rohe Fleischklumpen. Dazwischen sinniert Senta über ihren Holländer. Reicht das? Wie läßt sich dieses geradezu lustvolle inszenatorische Wüten eines Mannes erklären, dem man auf der anderen Seite zugestehen muß, einer der originellsten und experimentierfreudigsten Opern-Regisseure dieser Tage zu sein? Die im umfangreichen Programmheft nachzulesende Interpretationssicht Bieitos auf Wagners „Fliegenden Holländer“ führt unweigerlich zu der Erkenntnis, daß der Katalane ein leidenschaftlicher Provokateur zu sein scheint, der keinerlei Respekt vor einem Werk hat, dem die Sache nichts bedeutet, jede Oper nur dazu dient, diese zu zerfleddern und sich anschließend selbst zu bewundern im Spiegel der Eitelkeit: Ich, Calixto Bieito, ich bin der Größte! Könnte er doch nur und recht bald einen zeitgenössischen Komponisten finden, der ihm nach eigenem Libretto die Oper nach Maß liefert, in der er sich bis zum letzten Geistesblitz und Blutstropfen inszenatorisch verströmen kann. Vielleicht wird ihm dann jene Erlösung zuteil, die er dem bedauernswerten Holländer in seiner Lesart des Werkes verwehrt hat … So aber spielt sich in der Stuttgarter Staatsoper ein Drama ab, ein bei vollem Bewußtsein auf offener Bühne und vor 1.400 Zuschauern begangener Opern-Mord, die in häßliche Bilder gesetzte Apokalypse selbst (die Welt als Hölle, als Irrenhaus, ein jeder darin ein Psychopath), Abbild und Projektion einer moralisch verwahrlosten Gesellschaft, mit dem Stoff des „Fliegenden Holländers“ allerdings nirgendwo in Einklang zu bringen. Es gehört schon eine gehörige Portion Frechheit und Selbstüberschätzung dazu, sich als Regisseur einer „romantischen Oper“ auszugeben, wenn in der Umsetzung auf der Bühne alle Romantik, die Schönheit und die Wahrhaftigkeit des Stoffes auf der Strecke bleiben. Die nächsten Vorstellungen des „Fliegenden Holländers“ in der Staatsoper Stuttgart, Oberer Schloßgarten 6, finden statt am 13., 20., 26. Februar, 19., 24. und 28. März, jeweils um 19.30 Uhr. Kartentelefon: 07 11 / 20 20 90 Foto:Holländer (Yalung Zhang), Donald (Attila Jun): Was du nicht verstehst, das mußt du bejubeln!

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