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Das politische Gehirn funktioniert anders

Knapp drei Wochen vor den US-Präsidentschaftswahlen am 4. November kristallisieren sich die Endspielstrategien der beiden Kontrahenten immer deutlicher heraus. Die Republikaner stehen unter Zugzwang. Umfragen zufolge können Barack Obama/Joe Biden sowohl in der Bevölkerung als auch bezüglich der noch wichtigeren Vergabe der Wahlmännerstimmen in den umkämpften battleground states ihren Vorsprung weiter ausbauen. Wahlbeobachter wissen jedoch, daß die letzten drei Wochen noch für allerhand Überraschungen gut sein können. Das wirtschaftliche Pearl Harbor, wie der Börsenguru und reichste Mann der Welt Warren Buffet die Finanzkrise nennt, wirkt sich zugunsten der Demokraten aus. Obama könnte der Sieg sicher sein, wenn er nur Kurs hält, keine Risiken eingeht und die Wähler ständig an die Fehler der Bush-Regierung und deren ökonomischen Druck auf die Mittelschicht erinnert. John McCain hingegen müßte sich schon etwas einfallen lassen, um den Spielverlauf radikal zu ändern und die öffentliche Diskussion in andere Bahnen zu lenken, etwa die Truppenaufstockung im Irak oder die Erschließung eigener Ölquellen. Seine Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, deren Nominierung eigentlich als sein klügster Schachzug gedacht war, spaltet zunehmend die Wähler. Mit einer Einschaltquote von siebzig Millionen geriet die Debatte zwischen den Vize-Kandidaten am 2. Oktober zum Medienschlager, ohne sich sonderlich auf die Umfragewerte auszuwirken, da die Anzahl wirklich unentschiedener Wähler in diesem Jahr vergleichsweise gering ist. Wenigstens erhielt ein breites Publikum Gelegenheit, Palin aus der Nähe zu erleben. Nach der Debatte sank die Zahl derjenigen, die sie für das Amt qualifiziert halten, während ihre „Sympathiewerte“ stiegen — ein Widerspruch, der sich wohl erst am Wahltag auflösen wird. Die Latte, die Palin zu überspringen hatte, lag nicht sonderlich hoch: Es reichte schon, wenn sie törichte Äußerungen vermied und die Informationen, die ihr ihre Aufpasser gegeben hatten, nicht durcheinanderbrachte. Biden mußte sich als Gentleman benehmen, durfte nicht herablassend wirken und sie nicht kritisieren (statt dessen griff er McCain an). Palin eröffnete die Debatte, indem sie ihn als „Joe“ anredete, während Biden es geschickt vermied, sie mit Vornamen anzusprechen. Gemessen an diesen negativen Verhaltensmaßregeln bestanden beide Kandidaten den Test — das Ergebnis war, daß sie jegliche echte Konfrontation vermieden. Palin gab sich sehr bodenständig, zwinkerte der Kamera zu und benutzte eine idiomatisch geprägte Umgangssprache. Bidens betont respektvoller Umgangston ließ ihn wie einen altmodischen Herrn auftreten, der einer Vertreterin des schwachen Geschlechts gegenübersteht. Als Palin den Befehlshaber der US-Truppen in Afghanistan, General McKiernan, mit dem Bürgerkriegsgeneral McClellan verwechselte, biß er sich auf die Zunge und korrigierte sie nicht. Ebensowenig machte er sie auf den eindeutigen Widerspruch zwischen ihrer Forderung nach massiver staatlicher Regulierung der Wall Street und der Aussage aufmerksam, die Regierung dürfe sich nicht einmischen. Purer Aktionismus statt verantwortlicher Führung Die zweite Debatte zwischen Obama und McCain, die im Stil einer Bürgerversammlung abgehalten wurde, verlief dagegen eher unauffällig — Schlagzeilen machte vor allem McCains Verstoß gegen die Wahlkampfetikette, als er mit dem Finger auf seinen Kontrahenten zeigte und ihn als „that one“ („der da“) titulierte. Obwohl Obama sich diesmal entschiedener gegen McCains herablassenden Tonfall („Er versteht das einfach nicht“) verwahrte, stand am Ende kein eindeutiger Sieger fest. Auf die unvermeidliche Frage nach der weltweiten Wirtschaftspanik hatte keiner von beiden eine Patentlösung parat — aber das konnte schließlich auch niemand erwarten. Selbst Finanzexperten hat die Geschwindigkeit überrascht, mit der die Subprime-Krise weltweite Schockwirkungen ausgelöst hat. Sogar die Person des früheren Notenbankchefs Alan Greenspan, der lange als „Orakel“ und Finanzgenie galt, wird derzeit einer kritischen Revision unterzogen, da seine entschiedene Ablehnung einer Regulierung der Derivaten-Märkte in den 1990ern als Hauptursache für die derzeitigen Probleme gesehen wird. Die Finanzkrise begann an der Wall Street mit der geplatzten Immobilienblase, mit dem Platzen der Derivaten-Blase hat sie aber inzwischen längst die Straßen jedes amerikanischen Ortes erreicht. Das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket des Finanzministers Hank Paulsen stieß zunächst auf heftige Ablehnung in der Bevölkerung: Warum sollte der Staat Millionären aus der Patsche helfen, während die einfachen Arbeitnehmer ihre Häuser verloren? Man sah jedoch schnell ein, daß kleine und mittelständische Unternehmen untergehen würden, wenn die Banken nicht mehr bereit wären, kurzfristige Unternehmenskredite zu vergeben. Der hektische Aktionismus, der vom US-Finanzministerium und der Notenbank auch auf andere Regierungen weltweit übersprang, löste weitere Panik aus, statt die Märkte und die Bürger zu beruhigen. Trotz staatlicher Garantien der Spareinlagen begannen Verbraucher ihre Sparkonten zu kündigen, während Investoren auch die Aktien solider Unternehmen verkauften. Dieses Klima begünstigt die Demokraten als Partei des Wechsels, zumal das republikanische Mantra vom freien, unregulierten Spiel der Märkte derzeit alles andere als populär ist. Freilich deuten die Umfragewerte darauf hin, daß der Vorsprung für das Duo Obama/Biden geringer ist, als man erwarten sollte. Nach acht Jahren unter einem Präsidenten, der die niedrigsten Zustimmungsraten seit der Einführung heutiger Methoden der Meinungsforschung genießt, und mitten in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren müßten die Demokraten eigentlich weit vor den Republikanern liegen. Daß das nicht der Fall ist, zeigt, wie schwer es selbst in schwierigen Zeiten ist, die Parteibindung der Wähler zu beeinflussen. Bush verdankt seine beiden Wahlsiege der Mobilisierung neuer Wählerschichten unter den evangelikalen Christen, während Obama auf ähnliche Erfolge bei Jungwählern und Afroamerikanern hofft. Indes wissen McCain und Palin, daß sie an Boden verloren haben. In Michigan, wo sich der Abbau von industriellen Arbeitsplätzen besonders stark bemerkbar macht, haben sie ihren Wahlkampf bereits aufgegeben und Obama damit einen Schlüsselstaat überlassen. Wahlsiege in zwei der drei Bundesstaaten an den Großen Seen, nämlich Michigan, Pennsylvania und Ohio, könnten schon für eine Stimmenmehrheit im Wahlmännergremium ausreichen. In Pennsylvania liegt Obama über zehn Prozentpunkte vor McCain, in Ohio führt er immerhin mit drei Prozent und im ebenfalls wichtigen Florida mit fünf. Zudem rechnen die Demokraten damit, mindestens fünf zusätzliche Sitze im Senat und zwölf der offenen sechsundzwanzig Sitze im Repräsentantenhaus zu erringen. McCains und Palins Wahlkampfstrategen wissen, daß das politische Gehirn anders funktioniert als das gewöhnlich einigermaßen vernünftig arbeitende Gehirn. Psychologen führten kürzlich einen Versuch mit Probanden durch, die sich selber als konservative Wähler identifizierten. Die erste Gruppe las eine Meldung über Bushs Behauptungen, im Irak seien Massenvernichtungswaffen entdeckt worden. Der Text der zweiten Gruppe enthielt die Ergänzung, daß die Medien diese Behauptungen als Lügen entlarvt hatten. Es stellte sich heraus, daß die Probanden der zweiten Gruppe eher geneigt waren, dem Präsidenten zu glauben — gerade weil die Medien seine Aussagen in Zweifel gezogen hatten. John McCain zögert noch, die Rassenkarte zu ziehen Dieses Phänomen mag erklären, warum Palin immer noch behauptete, sie habe in Alaska das sogenannte pork-barrel spending bekämpft — die Vergabe von Bundesmitteln für Projekte, die wichtigen Wählergruppen zugute kommen —, als die Medien diese Geschichte längst widerlegt hatten. McCain wirft Obama vor, er habe sich geweigert, verwundete Soldaten im Lazarett zu besuchen, und befürworte sexuellen Aufklärungsunterricht für Sechsjährige. Daß diese Anschuldigungen reine Erfindung sind, weiß er genau — aber er weiß auch, daß es in der Politik weniger um Wahrheit geht als vielmehr darum, daß sich gewisse Vorstellungen im Gehirn der Wähler festsetzen. Bislang hat McCain gezögert, die Rassenkarte zu ziehen. In letzter Zeit durften andere Redner bei seinen Wahlkampfauftritten den Kontrahenten jedoch beim vollen Namen nennen — Barack Hussein Obama — und damit unterschwellig nahelegen, er gehöre der separatistischen Black-Muslim-Bewegung an. Auch Obamas Verbindung zu Bill Ayers, der in den 1960er Jahren der terroristischen Untergrundorganisation der Weathermen angehörte, wurde immer wieder ins Gespräch gebracht. Daß Ayers heute eine Pädagogikprofessur an der Universität Chicago innehat und 1997 als „Bürger des Jahres“ ausgezeichnet wurde, bleibt dabei unerwähnt. Wie nicht anders zu erwarten war, wird in den letzten drei Wochen dieses Wahlkampfs mit harten Bandagen gekämpft. Daß die Wahlen zu einem Zeitpunkt stattfinden, da das Land — ja, die ganze Welt — so dringend wie selten zuvor einer verantwortungsbewußten politischen Führung bedarf, wird hoffentlich nicht bedeuten, daß am Ende die Wähler als Verlierer dastehen.   Prof. Dr. Elliot Neaman lehrt Neuere europäische Geschichte an der University of San Francisco.

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