Tapfer und tatkräftig bis zum Ende

General a.D. Heinz Trettner ist tot – er starb in der vergangenen Woche einen Tag vor seinem 99. Geburtstag in Möchengladbach-Rheydt. Die oberste Bundeswehrführung wird mit seinem Tod Probleme haben. Trettner war der letzte noch lebende General der Wehrmacht und jener Generalinspekteur der Bundeswehr, der 1966 durch seinen spektakulären Rücktritt die wohl größte Führungskrise in den Streitkräften auslöste. Am 18. September 1907 als Sohn des späteren Oberst Ludwig Trettner geboren, begann Heinz Trettner seine militärische Laufbahn 1925 im Bad Canstatter Reichswehr-Reiterregiment 18. Im Rahmen des deutsch-sowjetischen Geheimabkommens erhielt er in der Sowjetunion seine Pilotenausbildung. 1935 wechselte er vom Heer in die im Aufbau befindliche Luftwaffe und nahm als Angehöriger der deutschen Legion Condor am spanischen Bürgerkrieg teil. Als Generalstabsoffizier und engster Vertrauter von General Kurt Student, dem Schöpfer der Fallschirmjägertruppe, war er an deren Aufbau und Einsätzen maßgeblich beteiligt. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte Heinz Trettner als 36jähriger Generalleutnant und Divisionskommandeur, der mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet worden war. Nach dem Krieg arbeitete der streng gläubige Katholik zunächst beim Diözesan-Caritasverband, ehe er eine kaufmännische Ausbildung begann und anschließend das Studium der Volkswirtschaft und Jurisprudenz aufnahm. Abfällige Äußerungen des mit der Begutachtung hoher künftiger Bundeswehroffiziere betrauten Personalgutachterausschusses über den Fallschirmjägergeneral veranlaßten diesen, mit der Bundeswehr in Kontakt zu treten. Das Ergebnis war, daß Trettner im November 1956 als Generalmajor eingestellt wurde. Es folgte eine der wohl außergewöhnlichsten Karrieren in der Bundeswehr. Innerhalb von nur sieben Jahren stand er als Generalinspekteur an deren Spitze – und dies, obwohl er nicht zu den „Soldaten der ersten Stunde“ im „Amt Blank“ gehört hatte. Schwungvoll und geradlinig, wie man es von einem Fallschirmjäger erwartete, packte er die Arbeit an. Anders als seine Vorgänger Adolf Heusinger und Friedrich Foertsch verkörperte Trettner den Typ des Troupiers. 1965 konnte er die Aufstellungsphase der Bundeswehr als abgeschlossen melden. Seine Amtszeit war militärpolitisch geprägt von dem Wechsel der Nato-Strategie der „massiven Vergeltung“ zur „flexiblen Reaktion“. Für innenpolitischen Wirbel sorgte Trettner im Sommer 1966: Schon vor seiner Berufung zum Generalinspekteur 1964 hatte Trettner Minister Kai-Uwe von Hassel nahegelegt, im Verteidigungsministerium die militärischen Abteilungen einem Soldaten, die zivilen einem Beamten zu unterstellen. Beide sollten gleichberechtigt und gleichrangig sein. Für den Generalinspekteur wünschte Trettner Disziplinargewalt. Hassel, anfangs reformbereit, lehnte später ab. Denn: Hardthöhen-Staatssekretär Karl Gumbel drohte mit Rücktritt, falls der General ihm gleichgestellt werde. Seit Mitte 1966 wurde versucht, Trettner von seiner Stellung als „Dritter Mann“ zu verdrängen und in die Reihe der Hauptabteilungsleiter einzugliedern. Die Vertrauenskrise schwelte. Während eines Kuraufenthalts erfuhr Trettner im August 1966, daß der umstrittene Gewerkschaftserlaß soeben vom Verteidigungsministerium ohne Beteiligung der militärischen Führung verabschiedet worden war. Es ging um die gewerkschaftliche Betätigung von Soldaten innerhalb der Kasernen. Der Vier-Sterne-General reichte daraufhin seinen Rücktritt ein und wurde am 25. August mit militärischen Ehren aus der Bundeswehr entlassen. Trettner war im Kampf gegen eine Hydra der Bürokratie aufgerieben worden. Für General a.D. Trettner sollte der Bruch mit der politischen wie der militärischen Führung der Bundeswehr endgültig sein. Der würdelose Umgang mit dem Traditionsnamen seines Kameraden und Weggefährten Oberst Werner Mölders empörte Trettner. Er lehnte es deshalb ab, an der 50-Jahr-Feier der Bundeswehr teilzunehmen. Geradlinigkeit und geistige Unabhängigkeiten zeichneten diesen tapferen wie tatkräftigen Soldaten bis zuletzt aus. Bei der Beisetzung war am Grab Trettners auf seinen Wunsch keine Bundeswehr vertreten.

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