Joachim Kuhs

 

Kampf gegen böse Geister

Die Vertreibung ganzer Völker und Volksgruppen aus ihren Heimatgebieten geschah in der Vergangenheit in erster Linie im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen. Aber läuft es nicht auf eine grobe Verharmlosung des damit verknüpften Leidens hinaus, wenn Vertreibungen lediglich als „Kriegsfolge“ aufgefaßt und behandelt werden, wie es häufig im Gedenkjahr 2005 geschah? Waren und sind Vertreibungen nicht vielmehr im Regelfall das Produkt von kalten strategischen Überlegungen, nationale, soziale sowie wirtschaftliche Konflikte auf dem scheinbar einfachsten Weg einer Generallösung buchstäblich zu „entsorgen“? Diese und weitere Fragestellungen werden im Mittelpunkt des 57. Sudetendeutschen Tages in Nürnberg stehen, der an diesem Wochenende auf dem Messegelände der alten Kaiserstadt stattfindet. Der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SLM), Bernd Posselt, läßt es vor der Veranstaltung nicht an Deutlichkeit fehlen: Bei der Vertreibung der Sudetendeutschen handele es sich „nicht um eine automatische Kriegsfolge, sondern um ein eiskalt geplantes Nachkriegsverbrechen, um Völkermord“. Daher wurde auch als Motto des diesjährigen Treffens „Vertreibung ist Völkermord – dem Recht auf die Heimat gehört die Zukunft“ gewählt. Gleichzeitig betont Posselt, daß es der SLM nicht darum ginge, „alte Wunden“ wieder „aufzureißen“. Vielmehr solle vom Sudetendeutschen Tag „ein kraftvolles Signal ausgehen für unsere Verständigungsbereitschaft mit dem tschechischen Volk“. Dabei dürfe allerdings das Schicksal der Sudetendeutschen auf keinen Fall in Vergessenheit geraten, um „den bösen Geist der Vertreibung und des Ausgrenzens endlich überwinden“ zu können. Preis für Landeshauptmann von Oberösterreich Als guten Ansatz für eine Verbesserung des sudetendeutsch-tschechischen Verhältnis bewertete Posselt vor wenigen Tagen die Einrichtung eines historischen Forschungs- und Dokumentationsprojekts über sudetendeutsche Antifaschisten in Prag durch den sozialdemokratischen tschechischen Premierminister Jiri Paroubek. Paroubek beweise „großen Mut, daß er mitten im tschechischen Wahlkampf ein Zeichen der Versöhnung setzt, das auf verschiedenen Seiten scharfe Kritiker finden wird“, sagte Posselt. Auf dem Sudetendeutschen Tag in Augsburg im vergangenen Jahr hatten dagegen sowohl Posselt als auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) Paroubeks Teilnahme an der Enthüllung eines Denkmals für den zweiten tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Benesch, dessen Nachkriegsdekrete die Vertreibung der Sudetendeutschen rechtlich legitimieren sollten, vor dem Außenministerium in Prag scharf kritisiert. Paroubek hatte die bayerische Kritik in einer ersten Reaktion als „unglaubliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Tschechischen Republik“ zurückgewiesen. Ein zentrales Thema des diesjährigen Treffens wird die Frage nach der Zukunft der Erinnerung darstellen. So betont der Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe, Johann Böhm, daß trotz aller Orientierung der Sudetendeutschen an den Gegenwarts- und Zukunftsfragen „der Blick zurück“ – der sowohl „auf erlittenes Unrecht wie auf eigene Verfehlungen“ gerichtet sei – keineswegs an Bedeutung einbüße. Doch zur Vermittlung dieser nach wie vor lebendigen Erlebnisse werde die Zahl der Zeitzeugen, die Entrechtung und Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben, „immer kleiner“, so Böhm. Daher seien nicht nur die nächsten Jahre „von entscheidender Bedeutung“, sondern auch die Beantwortung der Frage, wie nach dem absehbaren Verlust der Erlebnisgeneration deren reicher Erlebnis- und Erinnerungsschatz und die sudetendeutsche Kultur überhaupt weiterhin lebendig gehalten werden. Dieses Thema wird unter anderem auf einer Podiumsdiskussion der Sudetendeutschen Jugend Bayern zum Thema „Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen?“ behandelt werden. Die von Böhm aufgeworfene Forderung, daß die „Opfer der Jahre 1918 bis 1946 einen Anspruch darauf“ hätten, „ins Recht gesetzt zu werden“ bezeichnet auch Ministerpräsident Edmund Stoiber, der am Sonntag die zentrale Rede in Nürnberg halten wird, als wichtige Aufgabe der Zukunft. Stoiber betrachtet „das Unrecht der Vertreibung“ zwischen Sudetendeutschen und Tschechen als „noch nicht aufgearbeitet“, wie er in seinem Grußwort betont. Der diesjährige Europäische Karlspreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft wird in Nürnberg an den amtierenden Landeshauptmann von Oberösterreich, Josef Pühringer, verliehen. Pühringer wird damit für sein langjähriges Engagement für die Interessen der Sudetendeutschen geehrt. So hatte er das Festhalten der tschechischen Seite an den Benesch-Dekreten insbesondere im Hinblick auf den angestrebten Beitritt des Landes zur Europäischen Union, der im Mai 2004 erfolgte, wiederholt kritisiert. Im oberösterreichischen Linz befindet sich die Zentrale der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ), die die Zeitung Sudetenpost herausgibt.

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