In Draculas düsterem Reich

Wer dieser Tage durch Hermannstadt schlendert, sollte besser aufpassen, wo hin er tritt. Fast die gesamte Altstadt hat sich in einzige große Baustelle verwandet, überall wühlen Bagger die Straßen auf, wer den die historischen Häuser saniert. Schließlich wird Siebenbürgens Metropole nächstes Jahr zusammen mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas. Mit einem immensen Aufwand und Unterstützung der Weltbank soll innerhalb kürzester Zeit nachgeholt werden, was unter kommunistischer Herrschaft jahrzehntelang vernachlässigt wurde. Doch wird dabei oft auch weit über das Ziel hinausgeschossen. „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, heißt es zwar, aber in diesem Falle geht es um sensible Bausubstanz, die zum Teil unwiederbringlich vernichtet wird. Der ortsansässige Architekt Hermann Fabini war jahrelang auch für die 1977 von Ceauşescu aufgelöste Denkmalpfl ege tätig und sieht noch heute die fatalen Auswirkungen: „Dadurch entstand in unserem Land ein schwerwiegendes Defizit an kompetenten Fachleuten.“ Entscheidungen werden oft von absolut inkompetenten Politikern getroff en und nicht selten auch durch die weitverbreitete Korruption stark von pekuniären Interessen beeinflußt. Daß dabei die obersten Grundsätze der Denkmalpflege wie der weitestgehende Erhalt der Originalsubstanz oder das Prinzip der Reversibilität von Eingriffen auf der Strecke bleiben, verwundert kaum. Ein Beispiel ist die Neugestaltung des Großen Rings. Hermannstadts zentraler Platz hat gerade eine neue Oberfläche verpaßt bekommen. Doch statt die mittelalterliche, unregelmäßige Form mit einem in Europa üblichen, fächerförmigen Armschlagpflaster zu unterstützen, soll mit der strengen Gliederung in rund drei Meter große Quadrate und der Markierung einer riesigen Ellipse durch die Leuchtenmasten eine eigentlich nicht vorhandene Symmetrie suggeriert werden. Auch die Empfehlung der Direktion für Denkmäler und Museen, nämlich einen neuen Springbrunnen weder zentral zu positionieren noch den Platz insgesamt symmetrisch zu möblieren, wurde schlichtweg ignoriert, so Fabini. Weitere mißglückte Projekt sind die Sanierung der Stützmauern unter der Lügenbrücke sowie die der Sagstiege und der Burgergasse. Hemmungslos wurde die historische Bausubstanz mit Preßlufthämmern abgetragen, obwohl sie im Grunde genommen noch vollkommen intakt war, mit Beton statt Ziegelmauerwerk hinterfangen und komplett neu wieder aufgemauert. Bei der Lügenbrücke wurde zudem der ursprüngliche, sanft geschwungene Verlauf der Mauern begradigt und statt dessen geknickt die Kurve genommen. Und weil die ursprüngliche Abdeckung der Mauern aus Naturstein nicht mehr aus einem Steinbruch in Colun bei Porumbacu des Jos zu bekommen war, wurde einfach Travertin aus Simeria genommen. Dieser ist jedoch mit seinen Hohlräumen und der geringen Festigkeit für die feuchten klimatischen Verhältnisse Siebenbürgens überhaupt nicht geeignet. Viel Beton ist auch bei der Sanierung des „Schatzkästleins“ geflossen. Das Zunfthaus der Fleischer steht am derzeit ebenfalls komplett umgekrempelten Kleinen Ring und wurde 1370 erstmals erwähnt. Es ist ein großteils freistehender Bau mit einem Laubengang. Der zeigte zum Beginn der Bauarbeiten vor drei Jahren noch keinerlei Schäden, sagt Fabini, so daß alles eigentlich in drei Monaten erledigt sein sollte. Dann aber wurde in der lokalen Presse bereichtet, der Gründungsboden sei schlecht, und so wurden die Fundamente freigelegt und wie gewohnt mit viel Beton unterfangen. Jetzt treten auf einmal Risse im Laubengang und in den Tonnengewölben der Fundamente auf, die Bauarbeiten dauern an, und die Kosten sind um ein Vielfaches der ursprünglich und vertraglich festgelegten Summe gestiegen. Auch das hat in Rumänien durchaus Methode, denn oft fordern sogar die Entscheidungsträger aus der Politik von den Bauunternehmern förmlich Pfusch, um über Schmiergelder auch an den Folgeaufträgen verdienen zu können. Bei der Wiederherstellung des alten Theaters hingegen wurde insgesamt auf die historisch gewachsene Erscheinung des Gebäudes während der Sanierung wenig Wert gelegt. Zwei Bauetappen von 1550 beziehungsweise 1778 machten sich ursprünglich einmal als ein ziegelgedeckter Vorsprung und eine Abrundung bemerkbar. Heute hingegen wurde dieser historisch begründete Absatz verwischt, das Dach steht jetzt wie ein Pilz über, und von einer wissenschaftlichen Dokumentation des Projektes hat auch noch niemand etwas gehört. Nicht ganz so schlimm und von späteren Generationen durchaus noch zu beheben sind da die Eingriffe an dem Prunkstück der Stadt: dem Brukenthal-Palais. Es erstrahlt in neuem, allerdings etwas allzu grell ausgefallenem Glanz. In leuchtendem Gelb und Grün wurde das Vorzeigemuseum gestrichen. Immerhin darf man froh sein, daß die Fenster nicht wie bei so vielen alten Bauten mit den in Rumänien schon seit einiger Zeit sagenhaft beliebten „Thermopan“-Scheiben mit Kunststoff -Rahmen ausgestattet wurden. In Hermannstadt wurde bereits eine Initiative ins Leben gerufen, bei der Aufkleber mit dem Ausruf „Da!“, also „Ja!“ zum historischen Holzrahmen die Grundhaltung des Hausbesitzers off enbaren. Es gibt also durchaus einen Hoffnungsschimmer für die Denkmalpflege in Draculas düsterem Land hinter den Karpaten. Foto: Hermannstadt, Großer Ring: In kurzer Zeit will man nachholen, was jahrzehntelan vernachlässigt wurde

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