Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

„Er war sich sehr wohl der Tat bewußt“

Schon eine Dreiviertelstunde vor Prozeßbeginn ist der Große Schwurgerichtssaal im Wiener Landesgericht für Strafsachen übervoll. Kameraleute aus aller Welt warten vergangenen Montag auf David Irving. Aber statt der angekündigten 50 Kamerateams sind nur zwei Dutzend da. Mit ihm kämen seine rechtsradikalen Fans, hatte die Presse zuvor gemutmaßt. Enttäuscht über deren Ausbleiben schickt eine Profil-Reporterin ihren Fotografen los, einen Mann in Trachtenjacke zu fotografieren. Ganz anders im November 1989. Damals besuchte die junge Journalistin Christa Zöchling einen Auftritt Irvings in Österreich. Er spricht über den Zweiten Weltkrieg. Bei seinen Vorträgen in Wien und in der Steiermark behauptet er, die Pogrome vom 9. November 1938 seien von „Unbekannten“ verübt worden, die sich als SA-Leute verkleidet hätten. Hitler hätte von der Judenvernichtung nichts gewußt, sondern „seine Hände schützend über die Juden gehalten“. Irving sprach vom „Gaskammer-Märchen“ und verharmloste Auschwitz als „Disneyland für Touristen“. Sarkastisch forderte er die Anwesenden auf: „Schreiben Sie gut mit, damit ich morgen verhaftet werden kann.“ Sechzehn Jahre später, am 11. November 2005, ist es soweit: „Mit vorgehaltener Pistole“ sei er verhaftet worden, beschwerte sich der inzwischen 67jährige. Der Haftbefehl, ausgestellt am 8. November 1989 vom Wiener Landesgericht, war noch immer in Kraft: Verdacht des Verstoßes gegen das seit 1947 geltende Verbotsgesetz (NS-Wiederbetätigung, StGBl. Nr. 13/1945). Verbrechen gegen die Menschlichkeit verharmlost Nach Paragraph 3g/h (Fassung BGBl. Nr. 148/1992) wird mit Freiheitsstrafe von einem bis zu zehn Jahren bestraft, „wer in einem Druckwerk, im Rundfunk oder in einem anderen Medium oder wer sonst öffentlich auf eine Weise, daß es vielen Menschen zugänglich wird, den nationalsozialistischen Völkermord oder andere nationalsozialistische Verbrechen gegen die Menschlichkeit leugnet, gröblich verharmlost, gutheißt oder zu rechtfertigen sucht“. Darüber, warum Irving dennoch wieder nach Österreich eingereist ist, wurde viel spekuliert. Wenn es die Suche nach Publizität für den Verkauf seiner Bücher war, dann kommt ihm diese teuer zu stehen: Drei Jahre Haft, urteilte letzten Montag das Landesgericht für Strafsachen in Wien. Bis zur Berufungsverhandlung – frühestens in der zweiten Jahreshälfte – muß er in seiner Zelle im Wiener Landesgerichtlichen Gefangenenhaus bleiben. Die Schlüsselszene ist im Eröffnungsplädoyer von Staatsanwalt Michael Klackl zu finden, der kein Verständnis zeigte für Irvings Aufforderung, mitzuschreiben (was die österreichische Polizei damals getan hat): „Er war sich also sehr wohl der Tat bewußt, die er beging“, tadelte er den Angeklagten mit erhobenem Zeigefinger. Obwohl Extremisten jeglicher Couleur nicht zu bemerken sind, haben die Wiener Sicherheitsbehörden sich dennoch bemüht, alle Eventualitäten einzukalkulieren. Zwischen den Zuhörern – die ersten drei Reihen gehören den Journalisten aus aller Welt – sind Polizisten plaziert. Auf den entsprechenden Stühlen hängt ein weißes A4-Blatt, auf dem steht: „Reserviert für Staatssicherheit“. Vor dem Angeklagten erscheint sein Verteidiger Elmar Kresbach und gibt Interviews. Dann erscheint David Irving, er hält in gewohnter Manier sein Buch „Hitler’s War“ (Hitlers Krieg) in der Hand. „Ich bedanke mich bei den Österreichern für ihre Gastfreundschaft“, sagt er. Irving hat den Humor noch nicht verloren. Die Geschworenen (sieben Frauen, zwei Männer) kommen in den Saal. Richter Peter Liebetreu vernimmt Irving zur Person. „Trotz Wiener Slang habe ich kein Problem mit Deutsch“, sagt der Angeklagte. David John Cawdell Irving, geboren am 24. März 1938, gibt als Beruf „Schriftsteller“ an. „Ich habe an der Uni London ohne Erfolg studiert“, sagt er ein bißchen demütig und ergänzt: „Weil ich inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller geworden bin.“ Trotzdem sei er bettelarm, behauptet Irving. Nach dem verlorenen Verleumdungsprozeß gegen die US-Autorin Deborah E. Lipstadt (2000) mußte er nach britischem Recht Insolvenz anmelden. „Das waren 13 Millionen Dollar Schulden, die ich hatte“, sagt er. Seit dem Urteil des Londoner High Court darf er übrigens als „Lügner“, „Rassist“ und „Antisemit“ bezeichnet werden. „Er ist ein gefährlicher Geschichtsverfälscher“ Auch in Deutschland sei er schon einmal verurteilt worden, fragt der Richter. Ja zu 30.000 D-Mark Geldstrafe – wegen der „Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“. Irving spricht es aus wie ein Texaner, der versucht, „Bedarfsgemeinschaft“ zu sagen. Staatsanwalt Klackl spricht genau dreißig Minuten: über die internationale Bedeutung des Falls, über Irvings zahlreiche „Fanpost“ und über seinen Beruf als Historiker. „Er ist ein gefährlicher Geschichtsverfälscher“, sagt er. Daß Irving 1976 ein anerkanntes Standardwerk über den Zweiten Weltkrieg („Hitler’s War“) veröffentlicht hat und nicht nur im Spiegel ein gern gedruckter Autor war, verschweigt er. „Wir schützen die Meinungsfreiheit“, erklärt Klackl. Der Angeklagte aber bekenne sich zu einer „Ideologie, die Meinungsfreiheit mit dem Nationalsozialismus aushebeln will“. Selbst wenn Irving ein Geständnis ablege, könne man ihm keinen Sinneswandel attestieren. Der Staatsanwalt kommt nur am Ende der Verhandlung noch einmal zu Wort, den restlichen Prozeß führt der Richter. Anwalt Kresbach startet schwach. „Der Irving“, sagt er, „kann unser Rechtssystem nicht verstehen.“ So kann vielleicht ein vierzehnjähriger Ladendieb, der am Vortag aus Schwarzafrika nach Wien gekommen ist, verteidigt werden. Aber David Irving? Der Herr Irving habe an einem bestimmten Punkt seiner Karriere eine bestimmte Erwartungshaltung seiner Anhänger gehabt. „Er wird mißbraucht und vorgeschoben, sogar die Iraner schieben ihn jetzt vor“, klagt Kresbach. Es sei „sehr bedauerlich“, daß es in Österreich keine Meinungsfreiheit gebe. Vor der Verhandlung hatte er sich für eine Abschaffung des Straftatbestandes „Wiederbetätigung“ ausgesprochen. Auch der Verteidiger spricht genau 30 Minuten. Um 10.45 Uhr beginnt dann die Vernehmung des Angeklagten. Irving bekennt sich in allen Punkten für schuldig. „Auch Geständnisse sind zu überprüfen“, sagt der Richter. Irving sitzt während der „materiellen Wahrheitsprüfung“ drei Meter von seinem Anwalt entfernt in der Mitte des Gerichtssaals. Irving erklärt, er habe nach 1991 Beweise für die Massenvernichtung durch Gaskammern in Auschwitz gefunden: „Ich habe da einen Fehler begangen, als ich gesagt habe, es habe keine Gaskammern in Auschwitz gegeben, das war ein methodischer Formfehler.“ Das Verhör dreht sich immer wieder um seine Vortragsreise 1989. Ein ums andere Mal betont Irving: „Ich habe nie ein Buch über den Holocaust geschrieben.“ Dann wird Irving mit einzelnen Sätzen aus seinen Büchern konfrontiert: „Hitler streckte die Hand aus, um die Juden zu schützen“, „Hitler wußte nichts von der Endlösung“. Irving entgegnet: „Heute würde ich das nicht mehr so schreiben.“ Als einzige und damit Hauptbelastungszeugin wird Christa Zöchling vernommen, die Irving 1989 interviewt hat. Vor einigen Jahren habe sie für die KPÖ in Graz kandidiert, berichtet mir ein Kollege aus Wien. Jetzt belastet sie Irving schwer. Dann ist Mittagspause. Am Nachmittag, nach weiteren, mündlich vom Richter vorgetragenen Beschuldigungen, werden die Plädoyers gehalten. Der Staatsanwalt fordert einen klaren Schuldspruch. Um 15.40 Uhr bittet Irvings Anwalt um ein mildes Urteil. Sein Mandant sei kein Fanatiker, sondern ein Sechzigjähriger, der gute Bücher schreibe und einräume, falsch gehandelt zu haben. „Kein Wohlverhalten, alles nur Lippenbekenntnisse“ „Hätte ein liberaler oder ein jüdischer Historiker so etwas gesagt, wäre das nicht so geahndet worden“, sagt Kresbach. Als Unterstützung zitiert er unter anderem den linksliberalen Wiener Standard: Es sei einer Demokratie unwürdig, Irving heranzuziehen, nur um „zu beweisen, daß Österreich die härtesten Gesetze gegen Neonazis hat“. Irving bekommt das Schlußwort. Böse schaut er den Richter an und sagt: „Der Staatsanwalt hat mich beleidigt.“ Er hatte Irving Geschichtsfälscher genannt. Der britische Richter sei im Lipstadt-Prozeß eingeschritten und habe den Gutachter ermahnt, als der ihn als Geschichtsfälscher bezeichnet habe, erklärte Irving. Der Richter in England hatte damals gesagt, Irving sei sehr wohl ein Historiker. Pause. Richter und Geschworene ziehen sich für etwa anderthalb Stunden zurück. Zu meiner Rechten sitzt eine Studentin der Informations- und Wirtschaftswissenschaft, die die Anklage nicht richtig findet. Und zur Linken ein älterer Herr, der sich laufend über die Prozeßführung aufregt. Kurz nach halb sieben wird das Urteil verkündet: Die Geschworenen haben Irving in allen Punkten mit acht Ja- und keiner Nein-Stimme für schuldig befunden. Der Richter verliest das Strafmaß: drei Jahre. „Kein reumütiges Geständnis“, „kein Wohlverhalten in den letzten Jahren“, „alles nur Lippenbekenntnisse“ – so seine Begründung. Die beiden älteren Herren links neben mir sind bei der Urteilsverkündung schockiert. Die Studentin sagt: „I hob g’dacht, er kriegt a Bewährungstraf‘.“ Ihr Freund, ein angehender Jurist, erklärt, Irving habe jetzt drei Tage Zeit, um Berufung einzulegen. In dem Moment springt ein Brite aus einer der hinteren Reihen auf und brüllt: „Stay strong!“ (Bleib standhaft) in den Saal. Er wird sofort von drei Beamten abgeführt. David Irving verläßt zwei, drei kurze Minuten nach der Urteilsverkündung den Saal. Vorher hat sein Anwalt Berufung eingelegt. Das geht dann zum Obersten Gerichtshof (OGH), der juristischen Endstation in Österreich. Hinterher kann Irving allerdings noch europäische Institutionen anrufen. Irving dreht sich noch einmal zu den Kameras, läßt das Blitzlichtgewitter über sich ergehen. Trotzig schaut er in die Objektive. Da schimmert kurz der David Irving durch, dessetwegen die Presse, darunter der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira gekommen ist. Dann begibt er sich in seine Zelle. Dort arbeitet er an seinen Memoiren. 600 Seiten soll er schon zusammenhaben. Heute sind etliche dazugekommen. Der Titel steht schon fest: Irvings Krieg. David Irving im Wiener Schwurgerichtssaal: „Er wird mißbraucht und vorgeschoben, sogar die Iraner schieben ihn jetzt vor“ Foto: Ronald Gläser

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