Maximalprofit als Daseinszweck

Ohne Zweifel gibt es eine ausgesprochen üble Aburteilung von Menschen, die weniger wissen, schlechtere Umgangsformen haben, sich einfach und weniger penibel kleiden, als „Pöbel“. Es gibt arrogante, in Saus und Braus lebende Mitbürger, die auf die gewöhnlichen Menschen herabsehen. Andererseits ist der Pöbel mehr als ein chimärenhaftes Schimpfwort: Jenseits der allbekannten Alltagsprimitivität in den Vorstädten, jenseits der gehobenen gutbourgeoisen Dumpfbackigkeit goldbehängter alter Tanten und modisch aufgeputzter Gigolos in so mancher Direktorenvilla existiert ein Profit-Pöbel, für den Geld alles und Geist nichts ist. Ihn hat es zwar schon immer rudimentär in Randbereichen gegeben, aber seine massenhafte, geradezu seuchenartige Ausbreitung mitten in der Gesellschaft ist ein neues Phänomen. So heterogen die Angehörigen dieser flott anwachsenden Kaste im Hinblick auf ihre Herkunft, auf die von ihnen bevorzugten Macht- und Besitzattribute sein mögen, so wenig sie sich nur einer einzigen sozialen Schicht oder einer einzigen Partei zuordnen lassen – eines vereint sie und schweißt sie zusammen: ihre unbedingte Anbetung der schrankenlosen Profiterzielung. Nicht auch ein recht ordentlicher Profit als Teil des Daseins wie beim traditionellen Großunternehmen und Mittelständler, sondern Maximalprofit als einziger Daseinszweck ist ihre Devise. Für sie ist der Mammon alles, der Mensch nichts. Diesem hehren Ideal verpflichten sich ebenfalls diejenigen Proleten und Mittelschichtler, die mit geilem Geiz geradezu suchtartig konsumieren und zwanghaft für noch mehr Überkonsum malochen. Es ist eine schaumig-substanzlose Ansammlung von Hohlköpfen, Schleim- und Dummbeuteln, die sich zu allem Unglück nicht mit ihrer bloßen Vorhandenheit bescheiden, sondern auch noch mit allen Mitteln versuchen, ihre Lebensweise und ihre Daseinsstrukturen weiter auszubreiten, bis die ganze Gesellschaft eingesponnen ist in ein Pilzgeflecht von Profitjagd, Konsumterror, Kultur- und Naturvernichtung. Weil die Kaputtsparer, die Arbeitsplatzabbauer, die Betriebsverschieber in Billiglohnländer, die Schul- und Theaterschließer asozialer sind als Zuhälter und Bettelbanden, weil sie gefährlicher sind als Ghetto-Prediger und Terroristen, müssen sie auf Null gebracht werden, wenn das Land und die Demokratie überleben sollen. Diese Krankheit ist tödlich, wenn sie nicht geheilt wird. Sie kann nicht geheilt werden, wenn sie nicht von der Wurzel her beseitigt wird. Rolf Stolz ist Mitbegründer der Grünen und lebt als Publizist in Köln.

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