Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Licht in der Finsternis

Alle Jahre wieder stellen uns Bußprediger aller Art die Frage, ob man angesichts der vielen Nöte in unserem Volk und des Elends in vielen Ländern der Erde mit gutem Gewissen "frohe Weihnachten" wünschen und feiern könne. Gegen diese Frage ist zunächst nichts einzuwenden, sofern man nur bedenkt, aus welchem Grund sie gestellt wird.

Die Weihnachtsgeschichte im zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums bietet in der Tat verführerische Ansätze zu Vergleichen mit stets aktuellen Problemen, denen vor allem ideologisch gestimmte 68er-Pfarrer und sonstige Zeit-Geistliche noch immer erliegen. Da ist die Rede von einem obdachlosen Paar, von hartherzigen Hausbesitzern, die ihm keine Unterkunft gewähren, von armen Hirten, von einem unmenschlichen König, der in der Absicht des Machterhalts alle neugeborenen Knaben umbringen läßt, und ganz allgemein von einer multikulturellen Atmosphäre.

Derartige Aktualisierungen zielen in der Regel aber an der entscheidenden Aussage des Evangeliums (zu deutsch: "Frohe Botschaft") vorbei. Sie lautet: "Siehe, ich verkündige euch große Freude" – und nicht, so der unvergessene Berliner Bischof Otto Dibelius: "Siehe, ich verkündige euch große Probleme". Das tun die Medien tagtäglich landauf und landab. Weshalb nun auch noch die evangelische Kirche, womöglich in den Gottesdiensten am Heiligen Abend, die in einer ungebrochenen Tradition noch immer rege besucht werden? Die evangelische Kirche hat die daraus resultierenden Chancen einer wegweisenden Antwort auf die Fragen vieler Menschen nicht, zumindest nicht ausreichend genutzt und damit berechtigte Kritik an ihrem Erscheinungsbild bestätigt. Damit hat sie den immer weiter um sich greifenden Prozeß der Entchristlichung unseres Volkes begünstigt, statt ihm entschieden entgegenzutreten. Sie hat sich wie ein Arzt verhalten, der dem Patienten die Diagnose einer schweren Krankheit liefert, aber keinen Weg für die Heilung weist.

Die Weihnachtsbotschaft zielt deshalb nicht darauf ab, alte Schuldgefühle zu pflegen und ständig neue zu wecken, um damit eine ganztägige Bußtagsstimmung zu kultivieren, die sich wie Mehltau auf die allgemeine Stimmung unseres Volkes gelegt hat. Die Folgen für alle privaten und gesellschaftlichen Lebensbereiche sind bekannt und sollten auch bedacht werden, wenn von den vielen Nöten um uns herum die Rede ist.

Dies um so mehr, als die Weihnachtsbotschaft einen – genauer: den – Weg aus den lautstark beklagten Nöten unserer Zeit und unserer Welt weist. Sie verheißt keine politischen, gesellschaftlichen oder sonstigen Lösungen aus menschlicher Eigenmacht, sondern die Erlösung des Menschen aus den Verstrickungen von Schwäche, Angst und Schuld.

Im Johannisevangelium wird dieser Aspekt der Weihnachtsbotschaft mit dem Bild vom "Licht in der Finsternis" (Joh. 1,5) veranschaulicht. Wohl jeder kennt aus eigener Erfahrung oder durch Erlebnisse anderer die bedrohliche Situation des Herumirrens in Dunkelheit, Nebel oder in einer fremden Gegend, bis endlich ein zuverlässiges Signal den Weg in die richtige Richtung weist – so wie der Stern von Bethlehem den Hirten auf dem nächtlichen Felde und den drei Weisen aus dem Morgenland den Weg zur Geburtsstätte des Heilands gewiesen hat.

Das Bild vom Licht in der Finsternis besagt, daß die Finsternis noch besteht – und nach dem Willen vieler Menschen auch weiter bestehen soll, denn "wer Arges tut, der haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, auf daß seine Werke nicht gestraft werden" (Joh. 3,20). Aber die Finsternis hat keine Macht mehr, Menschen in die ideologische Orientierungslosigkeit zu zwingen und alle möglichen Irrwege als Wege zum Heil zu proklamieren. Licht vermittelt klare Orientierung auf das Ziel und ermöglicht ein von diabolischen Verführern unabhängiges Handeln – mag der Weg zu diesem Ziel auch lang und beschwerlich sein.

Orientierung verheißt Hoffnung und Zuversicht, Hoffnung und Zuversicht verheißen Geborgenheit und Trost. In diesem Sinne haben Millionen und Abermillionen Menschen zu allen Zeiten das Weihnachtsevangelium als frohe Botschaft erlebt und bezeugt – gerade auch in schwerer Not.

Viele Menschen werden sich an die "Madonna von Stalingrad" erinnern, die der Pfarrer und Lazarettarzt Kurt Reuber mit den Worten "Licht – Leben – Liebe" umrahmt hat. Andere werden sich daran erinnern, daß Paul Gerhardt, der bedeutendste evangelische Kirchenliederdichter, unter dem Eindruck der Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges sein schönes Weihnachtslied "Fröhlich soll mein Herze springen" schrieb; daß Johann Sebastian Bach sein berühmtes Weihnachtsoratorium mit dem Chor "Jauchzet, frohlocket" eingeleitet hat, daß das wohl bekannteste Weihnachtslied "O du fröhliche" heißt und daß Jochen Klepper im Jahr 1938 in einer Zeit schwerer Bedrängnis (wegen seiner Ehe mit einer jüdischen Frau und ihren Kindern) schreiben konnte: "Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein".

Selbstverständlich hat sich Jochen Klepper wie viele andere Menschen in einer vergleichbaren Situation die Frage gestellt, ob man angesichts der damaligen Bedrückungen und Bedrohungen "frohe Weihnachten" feiern könne. Die Antwort darauf ist seinen Tagebüchern "Unter dem Schatten deiner Flügel" zu entnehmen.

So notierte er am Heiligen Abend 1938, also sechs Wochen nach der sogenannten Reichskristallnacht, am Ende einer traditionellen Familienfeier mit guten Freunden: "Keiner, dem der schwere Ernst dieses Heiligen Abends nicht bewußt war; und doch war das lichte, kleine, festliche Haus von Heiterkeit und Lebendigkeit erfüllt, von Zufriedenheit und Dankbarkeit nicht minder." Mit besonderer Genugtuung erfüllte ihn, daß er seiner Tochter noch im Jahr 1942 einen schönen Heiligen Abend wie in jedem Jahr bereiten konnte. Es ging ihm darum, Bewährtes zu bewahren. Dazu gehörte für ihn das Weihnachtsfest!

Derartige Haltungen sind heute nur noch schwer zu vermitteln. Vielleicht erschließt sich der Sinn des Weihnachtsfestes tatsächlich erst in schweren Notzeiten, wie der später hingerichtete Theologe Dietrich Bonhoeffer in einem Weihnachtsbrief 1943 aus dem Gefängnis anmerkt: "In solchen Zeiten erweist es sich eigentlich erst, was es bedeutet, eine Vergangenheit und ein inneres Erbe zu besitzen, das von dem Wandel der Zeiten unabhängig ist. (…) Es gibt einem allen vorübergehenden Bedrängnissen gegenüber das sichere Gefühl der Geborgenheit." Darüber sollte nachgedacht werden – nicht nur zur Weihnachtszeit.

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