Joachim Kuhs

 

Die Staatsbürgerschaft als Ramschware

Der "Fall al-Masri" und die Klage von Rechtsanwalt Wolfgang Philipp gegen das Ergebnis der letzten Bundestagswahl (JF 51/05) bringen es an den Tag: Es wimmelt in Deutschland von "Deutsch-Türken", "Deutsch-Syrern", "Deutsch-Marokkanern" etc. etc. Ein staatlicher Akt, die "Einbürgerung", macht in wundersamer Weise aus der Nationalität eines Menschen eine andere oder auch zwei. Der Sog der Globalisierung macht aus geschichtlich gewachsenen Völkern einen Melting Pot.

In Deutschland waren es der "Arbeitskräftehunger" der Industrie im trauten Verein mit dem rot-grünen Traum von der multikulturellen Gesellschaft, die mit der "Reform" unseres Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 2000 Scheunentore öffneten zum Erwerb desselben. Und da mit der Staatsbürgerschaft das Wahlrecht auf allen Ebenen verbunden ist, versprachen sich die Herren Fischer, Schröder e tutti quanti vom Wahlrecht der Neu-Deutschen aus aller Herren Länder die Zementierung ihrer Herrschaft. 2002 hat dieses Kalkül – knapp – gereicht, 2005 ging es – knapp – daneben. Den Rest soll die Political Correctness besorgen, die "Ausländerfeindschaft" zu einer schweren Versündigung an dieser neuen Zivilreligion erklärt und außerhalb des Gesetzes (hors de la loi) stellt.

Natürlich sind die neuen Staatsbürgerschaftsinhaber sogleich "deutsche Mitbürger", wie man den gefühlvollnaiven-Deutschen einredet – ganz gleich, was jene davon halten. Die mehr als 50.000 Türken, die nach dem Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft entgegen dem deutschen Gesetz ihre türkische wieder zurückholten, machten damit deutlich, was sie von der deutschen Urkunde halten. Sie pfeifen auf die vielberufene "Integration", für sie muß sich die deutsche Staatsbürgerschaft vor allem "rechnen". Und sie wundern sich bestenfalls darüber, wie leichtfertig die deutsche Politik, Verwaltung und Rechtsprechung ihre Staatsbürgerschaft feilbieten und an alle Welt verteilen.

Vor allem: Was muß in einem Land und Volk und besonders in seinen Kommandohöhen vor sich gehen, wo man bereit ist, ohne Rücksicht auf die eigenen Interessen oder auch die eigene Würde die Staatsbürgerschaft zu verhökern wie einen Ramschartikel in einem Billigladen. Aber auch das ist eben nur der Tribut an die geheiligte Globalisierung, wie man heute in jeder Einkaufsstraße sieht. Die Neu-Deutschen, die oft aus alten und großen Kulturen kommen, werden sich ihren Reim darauf machen. Glaube niemand, ihr Bild von diesen Deutschen ersterbe in Ehrfurcht oder gar Dankbarkeit.

Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaften an der Universität Hohenheim.

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