Befreiung aus der Asservatenkammer

Zweihundert Gäste hatten sich am 7. Mai im Festsaal der Zitadelle von Berlin-Spandau zum 9. Berliner Kolleg des Instituts für Staatspolitik (IfS) versammelt, um der Opfer zu gedenken, die von offizieller Seite zumeist in die Asservatenkammer verbannt oder als unvermeidliche und zu vernachlässigende Kollateralschäden der alliierten Befreier verbucht werden. Im zweiten Teil der Veranstaltung wurden Berichte über die Erfahrungen der besiegten Deutschen mit den Siegern verlesen. Der erste handelte vom Terror der Roten Armee in der vorpommerschen Stadt Demmin, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer gefallen waren, der zweite von einem ehemaligen Hitler-Jungen, der, als „Werwolf“ beschuldigt, durch seine russischen Vernehmer furchtbare Folter zu erdulden hatte. Im dritten Bericht schilderte ein Sudetendeutscher die Quälereien, denen er als 13jähriger in einem KZ-artigen tschechischen „Jugendstraflager“ ausgesetzt war. Der vierte stammte von einer englischen Journalistin, die den Umgang der anglo-amerikanischen Besatzer mit den Deutschen als den mit einer „minderen Rasse ohne Recht“ (R. Kipling) beschrieb. Die Texte waren Karlheinz Weißmanns neuem Buch „Die Besiegten“ entnommen, und es waren weiß Gott nicht die schlimmsten daraus. Um „Trauer und Besinnung“ ging es an diesem Nachmittag. Weißmann, der Leiter des IfS, konstatierte in seinen einleitenden Worten, die Einschätzung des 8. Mai als „Tag der Befreiung“ sei inzwischen zum „breiten Konsens“ in der Bundesrepublik geworden. Das bürgerliche Lager habe gegenüber dieser ursprünglich linken Minderheitenmeinung alle Positionen geräumt. Der Sieg der linken Geschichtspolitik sei so total, daß sie sich inzwischen nur noch auf die Finanzierung von Gedenkstätten (respektive Pfründeverteilung) zu konzentrieren brauche. Darin läge aber bereits der Keim ihres Zerfalls. Hauptredner war Ernst Nolte, dessen Vortrag unter dem Titel „Konsens oder Streit um den 8. Mai?“ angekündigt war. Wie schon Weißmann erinnerte er an die zwiespältige Einschätzung des 8. Mai durch den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss, der von einem Tag gesprochen hatte, an dem man „erlöst und vernichtet“ worden sei. Die „Befreiung“ galt für die Unterdrückten und Gefangenen des NS-Regimes, für die anderen aber Unterwerfung, die sich im absichtlich verursachten Hunger, in Gefangenschaft, Vergewaltigung, Vertreibung und Tod äußerte. Noch für Richard von Weizsäcker, der vor 20 Jahren den 8. Mai zum „Tag der Befreiung“ umdefinierte, war der katastrophische Hintergrund unbestritten gewesen. Heute wäre die Weizsäcker-Rede beinahe „politisch unkorrekt“. Zweifelhafte Figuren wie Daniel Goldhagen oder Jan Philip Reemtsmas Wehrmachtsausstellung haben seither eine Aufmerksamkeit gefunden, die sie sachlich nicht verdienen. Gegenbewegungen entstünden vor allem im Ausland, etwa im Baltikum. Doch auch Jörg Friedrichs Buch „Der Brand“ oder der „Krebsgang“ von Günter Grass zeigten ein Unbehagen an. Dann schlug der große Historiker und Ideengeschichtler einen Bogen zu seinen wissenschaftlichen Thesen, die er in seinem „Europäischen Bürgerkrieg“ (1987) formuliert und seither ausdifferenziert hat. Der entscheidende Unterschied zwischen Nolte und den herrschenden Geschichtspolitikern liegt darin, daß er nicht das Jahr 1933, sondern 1917, das Jahr der Oktoberrevolution, als das entscheidende Datum auf dem Weg in die Barbarei ansieht und damit, anstatt sich auf (anti-)deutsche Nabelschau zu beschränken, den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg in den Kontext der internationalen Entwicklung stellt. Die Ausrottung von Adel, Bürgertum und Geistlichkeit in Rußland, diese „furchtbare Chirurgie“ (L. Trotzki) der Bolschewiki, sei vom bürgerlichen Europa als tödliche Bedrohung wahrgenommen worden und habe Gegenkräfte geweckt. Aus dieser Perspektive, läßt sich hinzufügen, legen diejenigen, die unter Verweis auf ihren „antifaschistischen“ Charakter eine Ehrenrettung der Sowjetunion versuchen, die sie als „Befreierin“ Deutschlands bezeichnen und den „Antifaschismus“ an die Stelle des „Antitotalitarismus“ setzen wollen, zugleich ein tumb-emphatisches Bekenntnis zur Ursprungsbarbarei ab. Für Nolte war der Zweite Weltkrieg zwar auch ein Anti-Versailles- und ein imperialer Krieg, im Kern aber ein ideologischer Krieg. Als den „anschaubaren Feind“ habe Hitler den „jüdischen Bolschewismus“ identifiziert. Anhaltspunkte dafür hätten ihm der „missionarische Anspruch“ und der überproportionale Anteil von Juden in der kommunistischen Weltbewegung geliefert. Insofern ist der NS-Staat „verstehbar“, wenn er auch „von Anfang an falsch“ gewesen sei. Die Aufsprengung des „Panzers des Ideologiestaates“ könne als „Befreiung“ bezeichnet werden, die aber nur um den Preis des zerstörten deutschen Nationalstaates zu haben war. Dieser Zusammenhang sei ein Grund zu nationaler Trauer. Noltes Ermahnung zur „Besinnung“, damit Deutschland nicht zum bloßen Spielball der Globalisierung würde, durfte auch als Aufforderung verstanden werden, sich nicht in einen neuen Ideologiepanzer – in den der „Unverstehbarkeit“ – hineinzwängen zu lassen. Mit einer tiefen, intensiven Schweigeminute für die toten Soldaten und Zivilisten endete die Veranstaltung.

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