Von Euphorie keine Spur

In Ungarn gehört es zum Repertoire nahezu jeder Partei, daß man „schon immer zu Europa gehört“ habe und die EU-Osterweiterung nichts anderes sei als ein Wiederanknüpfen an alte Zeiten. Dieser „Europakomplex“ der Magyaren speist sich vor allem aus der Herkunft als „Reitervolk aus dem Osten“. Wo genau dieser Osten lag, ob in den „primitiven“ Weiten der sibirischen Steppe oder im hochzivilisierten Mesopotamien, darüber wird manchmal sehr heftig gestritten. Die „Rechten“ propagieren eine skythisch-sumerisch-hunnische Abstammung, während sich die „Linken“ mit einer finnisch-ugrischen Herkunft zufriedengeben. Sieht man genauer hin, wimmelt es in der Nation außerdem nur so von deutschen, slawischen, jüdischen, türkischen und anderen Einsprengseln. Es gibt zudem mehrere hunderttausend Zigeuner. Was seit den siebziger Jahren als „Gulasch-Kommunismus“ bekannt wurde, bildete die Grundlage für den schnellen Transformationsprozeß nach der politischen Wende von 1989. Ungarn entwickelte sich zum Musterschüler unter den vom sowjetischen Joch befreiten mitteleuropäischen Staaten. Auch wenn die Regierungsgewalt zwischen Bürgerlichen und Linken alle vier Jahre wechselte, in einem war man sich – mit der Mehrheit des Volkes – einig: So schnell wie möglich rein in die EU! Inzwischen ist die Euphorie verflogen. Allerdings merkt der oberflächliche Betrachter nichts von dieser Ernüchterung, denn inzwischen leben auch in Ungarn viele von der „Europa-Industrie“. Sie sind es, die den Anschein einer anhaltenden Begeisterung erzeugen, der von den Parteien im Parlament zusätzlich verstärkt wird. Solange Milliarden von ausländischem Kapital ins Land flossen, mit denen neue Fabriken gebaut und Tausende neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, hatten Euroskeptiker einen schweren Stand. Aber inzwischen stehen viele „Karawanen“ abmarschbereit oder sind schon weitergezogen, in einen noch billigeren Osten, denn der ungarische Aufschwung brachte höhere Löhne. Branchengrößen wie IBM haben begonnen, Arbeitsplätze abzubauen. Andere Industriezweige, etwa im Automobilbau, die bisher gerne in Ungarn investierten, weichen in die Slowakei aus. Audi, Suzuki und Opel festigen ihre Kapazitäten, indem sie wiederum Arbeitsplätze aus Westeuropa abziehen. Der ungarische Mittelstand steht hingegen durch die „Multis“ unter einem enormen Preisdruck. Der traditionelle Einzelhandel stirbt. Denn jede mittelgroße Stadt ist inzwischen von riesigen Supermärkten umlagert. In den westlichen Tescos, Auchons, Interspars, Metros, Bauhäusern, Praktikern und Bricco Stores wird inzwischen ein erheblicher Teil des Umsatzes realisiert. Nur die Armen, die kein Auto besitzen, um die Konsumtempel zu erreichen, gehen weiter zu „Tante Emma“ um die Ecke und kaufen sich dort das Nötigste. Bei der Volksabstimmung zum EU-Beitritt im April 2003 wurde von den Parteien alles schöngeredet. Wer sich kritisch äußerte, wurde als „europafeindlicher Rechtsradikaler“ diffamiert. Einzig die rechte MIÉP, die bei den Wahlen 2002 an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterte, startete eine „So nicht!“-Kampagne, um den Bürgern die Nachteile eines EU-Beitritts vor Augen zu führen. Vergeblich: Über 80 Prozent stimmten für den Beitritt. Daß kaum die Hälfte der Wahlberechtigten zu den Urnen gegangen war, mag ein Indiz sein für Desinteresse und Resignation. Schließlich kennen noch viele die Union der sozialistischen Bruderstaaten. Inzwischen hört man auch von Politikern immer häufiger, daß „nicht alle“ zu den Gewinnern zählen werden. Diese scheinheilige Kritik könnte sich als Verharmlosung entpuppen.

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