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Selbst wissen, was richtig ist

Kindermangel und Kinderlosigkeit sind ein Problem industrialisierter Staaten im allgemeinen, der sogenannten westlichen Welt im speziellen und betreffen hierzulande vor allem Akademikerinnen: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Geburtenrate. Der flapsige Spruch von den „drei A“, die heute noch kinderreich seien – Ausländer, Asoziale und Adelige – traf vor einiger Zeit zwei andere Gruppen, so wurde die Autorin von einer JF-Leserin aufgeklärt: Anthroposophen und Akademiker. Blieb vor zwanzig Jahren ein knappes Fünftel der Frauen mit Universitätsabschluß in Westdeutschland kinderlos – in der DDR waren es niemals auch nur 10 Prozent – , verzichten heute an die 40 Prozent der Hochschulabsolventinnen des Geburtsjahres 1965 auf Nachkommenschaft: 42 Prozent im Westen, 17 Prozent im Osten der Republik. Anders dargestellt: kamen 1970 auf eine Akademikerin durchschnittlich 2,4 Kinder, sind es heute gerade 1,1. In Universitätsstädten wie Göttingen oder Heidelberg liegen studierte Frauen gar unter der 1-Kind-Marke. Im Gegensatz dazu bleiben unter ungelernten Frauen nur 15 Prozent ohne Kinder. Wer viel gelernt, eine aufwendige Ausbildung absolviert hat, möchte das auch nutzen und geldwert davon profitieren – und zwar möglichst ohne Kompromisse. Nicht jeder vermag darin ein Problem zu sehen. So höhnte etwa Welt-Autorin Andrea Seibel gänzlich ironiefrei über diesbezügliche Sorgen der Bundesfamilienministerin Renate Schmidt: „Was ist mit einer Gesellschaft geschehen, in der ausgebildete Frauen dem Standardschicksal Mutterschaft ausgesetzt werden?“ Die tatsächliche Entwicklung aber – die Frauen eben keinesfalls Kinder vorschreibt – zeitigt Folgen, die mit jeder Generation spürbarer werden. Die Pisa-Studie hat vorgestellt, daß Kinder aus Akademikerfamilien viermal häufiger ein Gymnasium besuchen als Kinder aus Facharbeiterfamilien, mit sinkendem Ausbildungsstatus der Herkunftsfamilie schwindet die Wahrscheinlichkeit einer höheren Schullaufbahn des Nachwuchses deutlich. Die Faktoren Intelligenz und Vererbung freilich werden bei Pisa wohlweislich ausgespart, hier zieht man sich aufs Sozialisiationstheoretische zurück: nicht unbedingt begabter, allein chancenreicher seien Kinder aus Akademikerfamilien. Tatsächlich ist es nebensächlich, ob bestausgebildete Frauen durch ihre Gebärverweigerung tradierte Wertvorstellungen oder ihre Gene auslöschen – was selbst in der Pisa-Interpretation bleibt, ist die Tatsache, daß der Lernerfolg von Kindern vom Bildungsstand hauptsächlich der Mutter abhängt. Daraus könnte eine Parole formuliert werden: Deutschland ist so klug wie seine Mütter. Karin und Thomas Tunk repräsentieren mit ihrer Familie Bürgertum im besten Sinne – und damit ein Milieu, das in seiner Breite die Nachkriegszeit größtenteils nur mit Beschädigungen und Verschiebungen überlebt hat. Der launige Gesprächsband „Tristesse Royal“, der Mitte der Neunziger durch die Medienwelt ging, zeichnete ein beredtes Bild derzeitiger Standpunkte dieses Herkunftskreises. In dieser Lifestyle-Beschreibung einer Schnittmenge aus jungen Adeligen und Bürgersöhnen ging es um Lässigkeit, Weltläufigkeit, Konsum auf gehobenem Milieu, um eine zynische Lebenshaltung letztlich – dies alles auf dem eigentlich fruchtbaren Boden eines traditionsreichen Stammbaums, einer erstklassigen Erziehung. Hybrid, dieses Wort mag den Seins- und Bewußtseinszustand dieser Klasse beschreiben, die einst die Pfeiler eines Volkes darstellte: hybrid und unfruchtbar. Die Kinder sollen sich nicht als Außenseiter fühlen Familie Tunk bildet ein Milieu ab, das im Aussterben begriffen ist, allein: hier trifft das nicht zu, gediegener Bürgersinn hat sich fruchtbar erhalten in der Jahrhundertwende-Villa im nordhessischen Hofgeismar. Sechs Kinder haben Karin und Thomas Tunk, zwei Söhne und vier Töchter; fünfzehn die älteste, vier die kleine Barbara, die das Ehepaar einen „Nachzügler“ nennt, weil hier vier Jahre statt der sonst gewöhn-lichen zwanzig Monate zwischen den Geburten lagen. Berufliche Aussichten waren es, die das damals noch kinderlose Ehepaar an ihren jetzigen Wohnort brachten. Thomas Tunk, selbständiger Ingenieur, stammt aus Cuxhaven, seine Frau ist Münsterländerin. Hofgeismar, wo die Familie bis zur Geburt des dritten Kindes ein Reihenhaus bewohnt hatte, erwies sich bis heute als Glücksfall: eine richtige Stadt mit allen Vorzügen urbanen Lebens, und gleichzeitig die ländliche Umgebung, ein relativ heiles Umfeld. Großzügig und geschmackvoll eingerichtet ist das Stadthaus, das die Familie vor einigen Jahren, damals nur teilrenoviert, erworben hat: Gemeinschaftsräume wie Küche, Eßzimmer und das Wohnzimmer mit Kamin und großem Bücherschrank liegen im Erdgeschoß. Ein paar Weihnachtsgeschenke der Kinder sind hier noch aufgebaut; eine Dampfmaschine, die von den Söhnen Wolfram und Tilman präsentiert wird, das massive Puppenhaus hat ergänzendes Inventar erhalten. Dies wie die ebenfalls hölzerne Spielküche zählt nun zu Barbaras Refugium, die den kleinen Haushalt sorgsam hütet – anders als ihre großen Schwestern ihrerzeit, wie Karin Tunk lachend erzählt. Hightech dagegen ist der funkgesteuerte Panzer, dessen Kanone sogar richtig abfeuern kann, wie der dreizehnjährige Tilman vorführt, als er das Spielzeug zwischen Kaminfeuer und Kaffeetisch walzen läßt. „Na ja, das mußte halt sein“, lächelt der Vater, selbst passionierter Jäger. Später spricht er von dem erzieherischen Spagat, der ständig zu bewerkstelligen sei zwischen den eigenen Grundsätzen, traditionellen Vorstellungen einerseits und den Einflüssen, mit denen die Kinder „draußen“ konfrontiert seien. Nicht als Außenseiter sollen sich die Heranwachsenden fühlen, jedoch auch nicht blindlings jeden Trend konsumieren. Einige Male waren die größeren Kinder mit einer bündischen Fahrtengruppe unterwegs gewesen, Lagerfeuer, Zelte und Gesang. Nett fand das die älteste schon, aber letztlich – nicht ihre Welt. „Und dann ist das eben so“, akzeptieren die Eltern die Entscheidung, Ideal und Wirklichkeit müssen dann eben anders zusammenfinden. Eine gute Ausbildung ihrer Kinder ist den Tunks wichtig. Die drei ältesten Kinder besuchen deshalb ein Gymnasium in Kassel, keine reine Privatschule zwar, eine staatlich anerkannte Schule unter kirchlicher Trägerschaft. Das ist nicht eben der nächste Weg, doch die Bahn verkehrt günstig, auch wenn die Fünfzehnjährige nun häufig erst am späteren Nachmittag nach Hause kehrt. Die Hoffnung, von der besseren Schule ein deutliches Plus an Erziehung, womöglich religiöser Festigung, erwarten zu können, hat der Protestant Thomas Tunk mit gewissem Bedauern ad acta legen müssen. Immerhin, so sagt er, stimmen hier die rein schulischen Lehrinhalte. Sechs Kinder plant man nicht wie auf dem Reißbrett Für das religiöse Leben der Familie ist die Mutter zuständig, wie sie sind die Kinder katholisch getauft. Sie engagiert sich in der Gemeinde, gestaltet Kindergottesdienste mit. Etwas mehr Zeit für Interessen jenseits von Kindern und Haushalt hat sie erst seit den wenigen Monaten, die auch die Jüngste nun halbtags im Kindergarten betreut wird. Sechs Kinder in fünfzehn Jahren, das bedeutet: kaum ein Jahr ohne Schwangerschaft oder Stillkind, ohne Windelwechseln, mit zuverlässig durchgehender Nachtruhe. Simone de Beauvoir, kinderlose Mutter der letzten „Frauenbewegung“, hatte geurteilt, das Kind sei das schwerste Gewicht, das eine Frau zu Boden zöge. Stimmt das nicht? „Hm“, überlegt Karin Tunk, „trifft das auf den Mann nicht ebenso zu? Natürlich wird man durch Kinder gefesselt, schränkt sich zwangsläufig ein. Das ist eben die Situation, der man sich unterwirft.“ Eine Situation, die wiederum so erfüllt, daß kein Platz bleibt für Hader. Nach ihrem Diplomstudiengang Sportwissenschaft hatte sich Frau Tunk zur Physiotherapeutin ausbilden lassen, bevor sie mit Carola das erste Mal schwanger wurde. In ihrem Beruf tätig war die zierliche Frau seither nicht. Nein, das Gefühl, eine gute Ausbildung „vergeudet“ zu haben, hatte sie nie, versichert Karin Tunk. Tatsächliche Lebensalternative sei der Beruf nie gewesen, sagt die dezent-elegant gekleidete Frau, die mit vier Schwestern aufgewachsen ist, der Kinderwunsch habe immer im Vordergrund gestanden. Vielmehr sei es um den Aspekt einer Absicherung gegangen – was, wenn dem Familienvater etwas zustoßen würde, und sie stünde dann da mit sechs Kindern, dem Haus – und ungelernt? Sechs Kinder, so etwas plant man ja auch nicht zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt wie auf dem Reißbrett. Als mit Gisela vor acht Jahren das fünfte Kind geboren war, dachten die Eltern, das sei doch eine nette Zahl – und als sich dann das sechste ankündigte, erschien das als die eigentlich noch hübschere Summe. Letztlich rührt der Kinderwunsch auch aus einem gewissen individualistischen Moment: Bei ihrer Familienplanung und deren Erfüllung habe das Ehepaar wenig auf die Meinung anderer gegeben – man wußte selbst, was richtig ist. Das wiederum heißt nicht, daß die Tunks sich je irgendeiner Form sozialer Ächtung ausgesetzt gesehen hätten. Im Gegenteil, sagt der Vater, ihm scheine es eher, daß man der Großfamilie in der Öffentlichkeit mit erfreutem Wohlwollen begegnet. Und mal irgendwo, sagen wir in der Single-Stadt München, mit der gesamten Kinderschar in ein Café einzukehren und von allen Seiten die Köpfe sich neugierig wenden sehen, das Abzählen – „…vier, fünf, sechs“ – zu erahnen, das bereite doch eher Genuß! Die Familie fährt auch regelmäßig in Urlaub, Wangerooge ist ein Lieblingsziel, wo man sich gelegentlich auch mal mit der ebenfalls kinderreichen Verwandtschaft trifft. Haben sich die Kinder selbst je gewünscht, unter weniger Geschwistern aufzuwachsen, womöglich als Einzelkind, wird die Frage an Katharina, Wolfram und Carola gerichtet, die auf dem Sofa sitzen, Kekse naschen und sich während des Erwachsenen-Gesprächs hin und wieder kichernd angestoßen haben oder mit Kommentaren die Ausführungen ihrer Eltern ergänzt haben. Eine blöde Frage, das ist eigentlich bereits beim Stellen klar – unglücklich, genervt oder auch nur zu kurzgekommen wirkt ja keines der Kinder. „Ach Gott“, macht die Halbwüchsige in moderner Kleidung dann auf abgeklärt, „klar, wer wünscht sich das nicht schon mal?“, und erhält darauf einen neckenden Stoß in die Rippen. Fünf Kinderzimmer verteilen sich auf das erste und zweite Stockwerk des mächtigen Hauses, viel Holzspielzeug bei den Kleineren, David-Beckham-Poster an den Wänden der Jungs. Fußball ist eine Leidenschaft von Wolfram und Tilman, beim Jüngeren fiel dem Sport der Geigenunterricht irgendwann zum Opfer, ansonsten musiziert bei den Tunks jeder, der alt genug dazu ist. Zu den gemeinschaftlichen Tätigkeiten der Familie zählt ganzjährig auch die Gartenarbeit: Thomas Tunk ist Gärtner aus Leidenschaft, auf dem weiträumigen Areal des Grundstücks sind die Obst- und Gemüsebeete sowie die Sträucher sein Refugium, und wenn Erntezeit ist, hilft jeder mit. Die reiche Ernte – das mag schön auf die Großfamilie Tunk zutreffen.

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