Superwahljahr

 

Deutschlands Superfalke

Glaubt man dem Historiker Michael Wolffsohn, der an der Münchner Bundeswehrhochschule lehrt, dann ist alles nur ein Mißverständnis. Es sei ihm halt nicht gelungen, seine „wissenschaftlich-theoretischen Überlegungen klar genug von den tagespolitischen Ereignissen und Bildern aus dem Irak und Guantánamo zu trennen“ und seine „grundsätzliche und moralische Verurteilung sadistischer Racheakte und Folterungen (zum Beispiel Irak, Guantánamo) zweifelsfrei zu verdeutlichen“. Seine Antwort auf die Frage der Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger, ob die Anwendung von Folter unter Umständen gerechtfertig sei, war jedoch deutlich genug: „Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder Androhung von Folter für legitim.“ Diese Einlassung war keine aus dem Ruder gelaufene „wissenschaftlich-theoretische Überlegung“, sondern die Konsequenz seiner Falschanalysen zum Irak-Krieg. Trotzdem verdient sie eine faire Betrachtung. Seit dem 11. September 2001 muß das Undenkbare gedacht werden. Und der 11. März 2004 in Madrid hat gezeigt, daß ein asymmetrischer Krieg vor Europa nicht haltmacht. Deutschland kann sich nicht darauf verlassen, eine Insel der Seligen zu bleiben, weil es seine Politik am Wohlwollen islamistischer Terroristen weder ausrichten kann noch will. Deshalb muß es sich hypothetisch auf den Ernstfall einstellen, als da wäre: Senfgas-Anschläge auf das Berliner U-Bahn-Netz, vergiftete Trinkwasserreservoirs im dichtbesiedelten Rhein-Main-Gebiet, ein Gastank, der buchstäblich in den Weihnachtsgottesdienst im Kölner Dom hineinplatzt. Und das geplant und begangen von Leuten, die den Tod mehr lieben als das Leben. Das hat „mit den normativen Grundlagen unserer zivilisierten Ordnung überhaupt nichts mehr zu tun“. (M. Wolffsohn) Darf man deshalb, um Tausende Unschuldige zu retten, den Tätern etwas androhen, was für sie schlimmer ist als der Tod? Oder zerstört man damit die normativen Grundlagen seiner eigenen Freiheit? Es gehört zur Wissenschafts- und Meinungsfreiheit, solche Fragen aufzuwerfen und ihre Aporien zu benennen. Wolffsohn ging es um tagespolitische Polemik Wolffsohn Überlegungen bewegten sich aber nicht auf der Ebene der Moralphilosophie und Handlungsethik. Ihm ging es um tagespolitische Polemik, die seit Jahren sein eigentliches Betätigungsfeld ist. Seine politischen Axiome sind so eng, starr und unverrückbar geworden, daß man von einer ideologischen Weltsicht sprechen kann, aus der eine zwanghafte Argumentationslogik folgt. Damit steht neben der moralischen Eignung auch seine fachliche Kompetenz in Frage. Wolffsohn war und ist in Deutschland der vehementeste Verteidiger des Irak-Kriegs. Auf dem Deutschen Historikertag 2002 nannte er es eine „Tatsache, daß biologische und chemische Waffen aus dem Irak – und sehr bald atomare – die ganze Welt bedrohen. An dieser Tatsache ist nicht zu rütteln, aller deutscher und europäischer Schönfärberei zum Trotz.“ Daß im Irak keine Waffen gefunden wurden, beeindruckt ihn nicht. Erst seit dem Krieg, tönt er heute, „wissen wir es mit Sicherheit und haben mehr Sicherheit. Sicherheit hat ihren Preis.“ Der Preis wurde im Irak auch von Unschuldigen bezahlt! Was Wolffsohn betreibt, ist keine Wissenschaft mehr, sondern Scharlatanerie gepaart mit Zynismus. Ein von ihm unterzeichneter Offener Brief „Wider die politische Naivität“, den auch Lea Rosh und Ralph Giordano unterschrieben haben, unterstellte den Berliner Antikriegsdemonstranten vom 15. Februar 2003 eine „Mischung aus Antiamerikanismus und politischer Naivität“ und eine virtuelle Nähe zu Rechtsradikalismus und Antisemitismus. Wer anderer Meinung ist als Wolffsohn, leidet an „Gedächtnisschwund“ und „Ahnungslosigkeit“, wer einen Konnex zwischen den Konflikten im Irak und Palästina herstellt, ist das Opfer von „Gehirnwäsche“ und betreibt „Ablenkungsmanöver“. Sein außen- und sicherheitspolitischer Ansatz ist schlicht: „Die kulturelle Multipolarität muß keineswegs einer politischen entsprechen.“ Sein leidenschaftliches Plädoyer für die amerikanische Vorherrschaft gipfelt in dem Glaubensbekenntnis: „Das ist das Schicksal der USA: Sie befreiten Deutschland von Hitler, Frankreich zweimal von Deutschland, Südkorea vom Norden und den Westen vom kommunistischen Totalitarismus. Dankbarkeit ist ein Fremdwort der Menschheit.“ Er wollte seine unhaltbare Position verteidigen Das Maischberger-Interview geriet nicht wegen eines falschen Zungenschlags zur Katastrophe – Wolffsohn ist ein Medienprofi -, sondern weil er sich als Geistesbruder der US-Superfalken Kagan, Perle und Wolfowitz entlarvte. Die Herrenmenschenallüren der amerikanischen Gefängnisaufseher sind die Kehrseite des hybriden Sendungsbewußtseins der gegenwärtigen US-Führung. Weil Wolffsohn sich mit ihr identifiziert, befand er sich in Argumentationsnot: Obwohl die vorliegenden Informationen auf ein institutionalisiertes Vorgehen schließen ließen, behauptete er zunächst, es handele sich um einzelne Übergriffe, und erklärte sie mit der lumpenproletarischen Herkunft vieler GIs. Durch Maischbergers spöttisches Lächeln verunsichert, griff er begierig nach dem Stöckchen, welches sie ihm hinhielt, und brachte die Folterungen im Irak mit der Terrorismusbekämpfung in Zusammenhang. Dabei wird die Liaison Saddam Husseins mit al-Qaida nicht einmal mehr von der US-Regierung behauptet. Die „wissenschaftlichen und theoretischen Überlegungen“, auf die er sich zurückzieht, sind eine nachträgliche Ausflucht. Wolffsohn ging es um die manipulative Verteidigung eines falschen Krieges und seiner eigenen, unhaltbaren Position dazu. Daß er für diesen egoistischen Zweck das Folterverbot spekulativ außer Kraft setzte, ruft zu Recht Empörung hervor. In seinen vielen Fernsehaufritten betont Wolffsohn regelmäßig, als „Wissenschaftler“ zu sprechen. Für einen Experten, der zu seinem Fachgebiet befragt wird, müßte das selbstverständlich sein. Ihn treibt ein Minderwertigkeitskomplex um, das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Tatsächlich steht seine Seriosität als Wissenschaftler längst in Zweifel. Seit seiner Habilitation über die „Politik in Israel“, die mehr als 25 Jahre zurückliegt, hat Wolffsohn es „zunehmend unwichtiger (gefunden), strengeren Prinzipien wissenschaftlichen Arbeitens die Treue zu halten. Was er uns vielfach bietet, ist subjektive Essayistik, mehr oder weniger oberflächliche Polemik, überheblicher Moralismus und ein mit hohem Wahrheitsanspruch einhergehender Verzicht auf intellektuelle Redlichkeit“. (Kurt Sontheimer) Doch nicht nur die kompensatorische Selbstbeschreibung als Wissenschaftler ist auffällig. Regelmäßig beginnt er seine Diskussionsbeiträge mit der Erklärung: „Ich als deutscher Jude“, obwohl das sachlich ohne Belang ist. Schließlich beginnt auch kein Bundestagsabgeordneter seinen Debattenbeitrag zum Finanzloch, indem er sich „als bayerischer Katholik“ oder als „konfessionsloser Brandenburger“ vorstellt. Andererseits fordert Wolffsohn vehement wie kein anderer die Normalität im deutsch-jüdischen Umgang und bekennt sich zum „deutsch-jüdischen Patriotismus“. Dadurch erst ist er populär geworden, hat er den Ruf des „Querdenkers“, des „Provokateurs“ und des Präzeptors für deutsch-jüdische Probleme erlangt. Den selbstgestellten Ansprüchen kann er aber weder habituell noch intellektuell genügen. Er hat bloß eine Marktlücke entdeckt und wacht eifersüchtig darüber, daß kein anderer sie ausfüllt. Wolffsohn wurde 1947 in Israel geboren als Sohn von Emigranten, die 1954 nach Deutschland zurückkehrten. Von 1967 bis 1970 leistete er den Wehrdienst in Israel ab. Den israelischen Paß gab er 1984 zurück. Dieser Hintergrund erlaubt ihm, Dinge auszusprechen, die offensichtlich sind, in Deutschland aber tabuisiert werden. Er prägte den Begriff „Auschwitz-Keule“, kritisierte bei vielen Gelegenheiten den Zentralrat der Juden und nahm Martin Walser gegen Angriffe in Schutz. In Kenntnis der existentiellen Probleme Israels findet er den gutmenschelnden Unernst des linksliberalen Establishments in Deutschland lächerlich. Deshalb gilt er als Konservativer. Das ist ein Mißverständnis. Wolffsohn ist allenfalls die Entsprechung zum US-„Neocon“. Öffentliches Aufsehen ist ihm wichtiger als sachliche Stringenz. Er mahnt zwar, Deutschland müsse der „Geschichtsfalle“ entkommen, doch sobald es konkret wird wie bei der umstrittenen Lieferung deutscher Spürpanzer an Israel, findet er die „Disziplinierung bundesdeutscher Außenpolitik“ und die „konzertierte Aktion Israels und der USA, um Deutschland ins westliche Lager zurückzuführen“, völlig in Ordnung. Daß Helmut Schmidt als Bundeskanzler die EU gegen die Politik des Likud positionierte, macht ihn fassungslos. Seine Überlegungen zur Sakralisierung des Holocaust reichen an die Arbeiten von Jan Assmann nicht annähernd heran. Und über die Verbindungen zwischen den USA, Israel und den internationalen jüdischen Organisationen haben Peter Novik („Nach dem Holocaust“) und Norman Finkelstein („Die HolocaustIndustrie“) weit bessere Arbeiten vorgelegt. Um so sorgfältiger hütet und inszeniert er seine Präzeptoren-Rolle in Deutschland. 1983 war er aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten, doch 1992 trat er wieder ein, weshalb er sich auch gern als „praktizierender Jude“ vorstellt. Dazu Kurt Sontheimer: „Nur weil er als Jude firmiert, kann er seine große öffentliche Wirksamkeit entfalten. Als lediglich deutscher Patriot wäre seine Wirkung vermutlich gering.“ Mit seinem eiernden, aggressiven Jammerton erinnert er Diskussionspartner an seinen Opferhintergrund und setzt sie – gegenteiligen Bekenntnissen zum Trotz – moralisch unter Druck. Seine Deutungshoheit hat er durch mediale Omnipräsenz und publizistische Knalleffekte erlangt, nicht aber durch Qualität. Damit niemand übersieht, was für eine ungeheure Provokation der Buchtitel „Die ungeliebten Juden. Israel – Legenden und Geschichten“ (1998) darstellt, hat er das Vorwort überschrieben: „Warum dieser Buchtitel keine Provokation ist“. Die große Golda Meir heißt bei ihm: „Die jiddische Mame“. Wenn er schreibt: „Sollte der Holocaust nicht nur ein Teil neujüdischer Geschichte, sondern auch Heilsgeschichte sein? Wäre der millionenfache Mörder Adolf Hitler ein Werkzeug Gottes gewesen?“, vertraut er darauf, daß die deutschen Leser den Roman „The portage to San Christobel of Adolf Hitler“ von George Steiner nicht kennen, wo derartige Spekulationen 20 Jahre früher und geistvoller durchexerziert wurden. Auf dem Umschlag seines Buches „Die Deutschlandakte. Juden und Deutsche in Ost und West“ (1996) ist statt eines emblematischen Verweises auf das Thema ein Porträtfoto Wolffsohns abgebildet, das den Eindruck von intellektueller Bedeutsamkeit und überpersönlicher Sorge vermitteln soll. Es besagt: „Ich kenne die ganze, schwere Wahrheit!“ Doch nirgendwo ist die Kluft zwischen Wolffsohns Ehrgeiz und seinen Möglichkeiten so groß wie hier. Er hüpft von Sensation zu Sensation Wolffsohn wertete darin exklusiv die von der DDR hinterlassenen Akten aus, ohne eine Struktur für das disparate Material zu entwickeln. Er hüpft von Sensation zu Sensation, von Enthüllung zu Enthüllung, seine Arbeitsweise ist schlampig. Über den Schriftsteller Stefan Heym heißt es auf Seite 161: „Eine gewisse Narrenfreiheit genoß er, ohne Hofnarr der DDR zu sein.“ Auf Seite 165 dagegen: „Heym war der jüdische Hofnarr der DDR.“ Zu Stephan Hermlin teilt er mit, daß dieser „anscheinend über den direkteren Draht zu den Mächtigen im Staat verfügte“. Das „anscheinend“ zeigt, daß Wolffsohn keine Ahnung hat. Heym war 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen worden und ein halber Staatsfeind. Hermlin dagegen hat sich vor und nach 1989 des Privilegs gerühmt, daß er Honecker direkt anrufen durfte und dieses Vorrecht – selten zwar – genutzt hat. Und über Anna Seghers: „Eine feine Dame, nur eben keine Ruhestörerin. Warum auch? Auch jüdische Gene sind eben nicht automatisch auf ‚Ruhestörung‘ programmiert. Andere Erwartungen wären Rassismus – unter wohlmeinendem Vorzeichen.“ Diese fiesen Sätze sind repräsentativ für die gesamte Arbeit. Dazu paßt, was man sich damals an der Berliner Humboldt-Universität erzählte: Um an bestimmte Akten zu gelangen, hatte er eine Kollegin aus der Ex-DDR umgarnt, die über die nötigen Beziehungen verfügte, indem er ihr ein gemeinsames Projekt in Aussicht stellte. Als er hatte, was er wollte, setzte er ihr nicht bloß den Stuhl vor die Tür, sondern zog in der „Deutschland-Akte“ auch noch übel über sie her. Michael Wolffsohn ist ein Medienphänomen, das sich hauptsächlich dem Spiel auf der Klaviatur der unaufgelösten – vielleicht unauflösbaren – Spannungen im deutsch-jüdischen Verhältnis verdankt. Jetzt ist ihm der Klavierdeckel auf die Finger gefallen. Darin liegt eine ausgleichende Gerechtigkeit. Michael Wolffsohn: Auch seine Kompetenz steht in Frage

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