Das Menschenrecht auf Wahnsinn

Mit dem Auftreten Dalís geschieht es vielleicht zum ersten Mal, daß unsere geistigen Fenster wirklich weit aufgestoßen werden, so daß man sich selbst hinaufschweben fühlt in die Falle des wirklichen Himmels.“ Die Begeisterung, mit der André Breton 1929 das schon früh eine eigene Handschrift zeigende Œuvre des jungen Snobs aus dem katalanischen Figueras aufnahm, hat nicht lange angehalten. Schon 1934 senkte sich der Daumen des surrealistischen Torquemada, und über Salvador Dalí wurde ein auch heute noch Erheiterung auslösender Schauprozeß eröffnet – mit dem Ziel, ihn als „faschistisches Element“ aus der Gemeinschaft der Gläubigen auszustoßen und fortan „mit allen Mitteln zu bekämpfen“. Der Delinquent fiel, wie auch die anderen, denen ähnliches widerfuhr, nicht ins Nichts, offenbar hat der messianische Anspruch Bretons schon den meisten zeitgenössischen Intellektuellen, so sehr sie sich auch fasziniert vom Surrealismus zeigten, nicht so recht einleuchten wollen. Das Verdikt, das über Dalí erging, sollte ihm jedoch, vielfältig variiert, immer wieder angehängt werden, wenn Kritikern oder Verächtern der Sinn danach stand. Was zu seinen Lebzeiten noch als eine weitere skurrile Facette seiner schillernden Persönlichkeit in aller Gelassenheit hingenommen wurde, wollen heute die Meinungsführer einer gewissenhaften Nachwelt, die fein säuberlich zwischen Gut und Böse in der Universalgeschichte zu unterscheiden weiß, in den Mittelpunkt rücken, wenn es in Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts das Schlußwort über ihn zu sprechen gilt. Die Vorwürfe, die gegen Dalí erhoben werden, sind jedoch bei genauer Hinsicht nicht unbedingt überzeugend. Er hat Hitler keineswegs als einen „surrealistischen Erneuerer“ angesehen, sondern ihn, auch hier ohne Respekt vor Tabus, lediglich als „Gegenstand unbewußten Deliriums“ ins Bild gesetzt – als strickende Amme, die in einer Pfütze sitzt, zum Beispiel. Ob er die Geschichte seiner Zeit wirklich als eine Geschichte der Rassenkämpfe interpretierte, darf bezweifelt werden, schließlich ist es Breton gewesen, der solches bezeugte. Es mag ja sein, daß er diesen und selbst seinen einstigen Freund Luis Buñuel in den USA während ihrer gemeinsamen Emigration als Atheisten und Kommunisten denunzierte. Allerdings sind beide auch tatsächlich Atheisten und Kommunisten gewesen und hätten sich dessen eigentlich nicht schämen müssen. Unbestreitbar ist, daß Dalí Franco schätzte und diese Zuneigung vom Regime erwidert wurde. Zu fragen ist hier jedoch, ob dies unbedingt gegen den erklärtermaßen unpolitischen Künstler spricht oder nicht eher als ein Hinweis darauf zu werten ist, daß das franquistische Spanien vielleicht doch nicht so eine bornierte Auffassung von Kultur hatte, wie man heute leicht versucht ist zu glauben – zumal es auf dem Gebiet der Literatur den späteren Nobelpreisträger Camilo José Cela trotz seiner exzentrischen Prosa in einer ähnlichen Weise an sich zu binden verstand. Sicherlich hat Dalí es seinen Kritikern leicht gemacht. Jemandem, der seine Launen zu einem „System“ erhob und das Menschenrecht auf Wahnsinn proklamierte, war zuzutrauen, daß ihn nichts davor zurückschrecken ließe, auch den Faschismus zu begrüßen, sofern ihn einfach die Lust dazu überkäme. Es gehörte zu seinem Stil, alles und jedes in ungewohnte Beziehungen zueinander zu setzen, in der Gedankenführung Haken zu schlagen, das Publikum in ein Theorielabyrinth von vielleicht unfreiwilliger, vielleicht aber auch intendierter Komik zu locken und vor allem mit freimütigen Bekenntnissen zu ungewöhnlichen Neigungen selbst jene zeitweiligen Weggefährten zu verunsichern, die sich voller Stolz und Selbstbewußtsein doch aller Konventionen entbunden sahen. Was Dalí über sich selbst, insbesondere aber über seine Jugend mitgeteilt hat, ist jedoch kaum zuverlässig. Nicht zuletzt die Erinnerungen seiner Schwester haben ein anderes, weniger spektakuläres Bild von ihm gezeichnet. Das Vermögen, durch eine akribische Selbstinszenierung Aufmerksamkeit und außergewöhnliche Verkaufserfolge zu erzielen, verdient um so mehr Respekt. Lange vor Andy Warhol und auch phantasievoller als dieser hat er die souveräne Einsicht in die Mechanismen des Kunstmarktes für seine eigenen Zwecke genutzt. Dalís zur Schau gestellter Irrationalismus trieb seine Blüten auf dem festen Fundament erwerbswirtschaftlicher Rationalität. Seine elitäre Weltsicht ließ ihn nicht von den Bedürfnissen breiterer Käuferschichten absehen. Dalí gestaltete Titelseiten von Publikumszeitschriften und Schaufenster von Kaufhäusern, er stellte sich der Werbung zur Verfügung und versuchte sich als Mitwirkender an Popularfilmen von Alfred Hitchcock und sogar Walt Disney. Und natürlich produzierte er Grafik in rauhen Mengen, um sich nicht bloß die Reichen und Superreichen, sondern auch die ambitionierten Mittelschichten als Käufer zu erschließen. Unterdessen ist bekannt, daß sein Beitrag zu diesen Produktionen in der Regel wohl nur sehr gering gewesen ist, der Übergang vom Künstler zur Marke war in aller Konsequenz vollzogen. Zuletzt soll er seine Geschäftstüchtigkeit auch noch dadurch auf die Spitze getrieben haben, daß er 40.000, manche behaupten sogar 350.000 Leerblätter signierte, entsprechend groß ist die Zahl fragwürdiger Dalí-Grafiken, die in zahllosen Wohnzimmern oder Büros als vermeintliche Prunkstücke hängen. Dennoch kann man es nicht allein Dalí selbst zuschreiben, daß sein Nachruhm verblaßt ist. Die Bereitschaft, der Kunst die Meinungsführerschaft in der Bestimmung des Zeitgeistes zu überlassen, ist erodiert. Die Begeisterung, die die Kultureliten der Altvorderen für die diversen Avantgarden empfanden, kann nur noch nachvollziehen, wer über den Sinn für Geschichte verfügt. Clown-Künstler sind eine alltägliche Erscheinung geworden, die Heerschar zweit- oder drittklassiger Prominenz, die sich auf eine solche Weise in den vergangenen Jahrzehnten zu profilieren versuchte und versucht, ist unübersehbar. Die Anmaßung, in Theorie und Praxis eine neue Kunst auf den Grundlagen Freuds errichten zu wollen, läßt niemanden mehr erstaunen. Dalís Schriften zur Kunst und seine Selbstzeugnisse sind unlesbar geworden. An seinen Bildern hat man sich sattgesehen, sie tragen schwer am Image des Wandschmucksonderangebotes aus dem Bau- oder Einrichtungsmarkt – eine Belastung, die auch die Würdigung René Magrittes heute erschwert. Erst wenn seine Kunstdrucke, Postkarten, Billigkataloge und Poster aus unserem Alltag verschwunden sind, besteht die vage Aussicht, ihn in seiner kunstgeschichtlichen Bedeutung wieder zu entdecken: als einen exponierten Widersacher der Abstraktion und als einen Chronisten individueller und kollektiver Verstörung im 20. Jahrhundert. Salvador Dalí (1904-1989): Übergang vom Künstler zur Marke Dalí, „Die Beständigkeit der Erinnerung“ (1931): Elitäre Weltsicht Robert Descharnes: Dalí. Sein Werk – Sein Leben. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2004, geb., zahlr. Abb., 49,90 Euro Georg A. Weth: Wie Dalí entdeckte, daß er nicht gestorben war. Langen Müller, München 2004, geb., zahlr. Abb., 24,90 Euro

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