Der lange Schatten der Weltkriege

Letzten Sonntag ist Boris Tadic als neuer serbischer Präsident vereidigt worden. „Unsere Prioritäten sind ein Beitritt zur EU und ein besseres Leben für unser Volk“, erklärte der 46jährige, der vor allem vom Westen während des Wahlkampfes in höchsten Tönen gelobt wurde. Der liberale Politiker soll nun Garant für die „Rückkehr nach Europa“ sein. Das könnte Tadic sofort durch eigene Taten beweisen: Denn als die über 40 ausländischen Delegationen seiner Amtseinführung bewohnten, tobten nicht einmal 50 Kilometer nördlich von Belgrad – in der serbischen Provinz Vojvodina – bürgerkriegsähnliche Zustände. Laut József Kasza, Vorsitzender des Verbandes der Ungarn in der Vojvodina (VMSZ), gab es nicht einmal in den zwölf Jahren der Milosevic-Ära derart massive Angriffe auf seine Volksgruppe, wie in den vergangenen sechs Monaten. Unter dem jugoslawischen Staats- und Parteichef Josip Tito besaß die Vojvodina sogar Autonomie. Bei den brutalen Ausschreitungen wurden nun vor allem ungarische Jugendliche tätlich angegriffen. Der Haß richtet sich auch gegen Gräber auf ungarischen Friedhöfen. Offenbar sollen alle Spuren, die auf andere Völker als die Serben hinweisen, ausgelöscht werden. Kasza kritisierte den serbischen Premier Vojislav Kostunica, der bisher nichts unternommen habe, um die Ausschreitungen zu unterbinden. Beklagt wird zugleich das passive Verhalten der Polizei. Die „Häufigkeit und Systematik sowie Organisiertheit der Fälle“ würde darauf schließen lassen, daß es sich „keineswegs um spontane Reaktionen handelt, sondern um bewußte, organisierte Aktionen, mit denen psychischer und physischer Druck auf die Minderheiten ausgeübt werden soll“. Wohin die Magyaren gehen sollen ist klar: „Zurück“ in das wenige Kilometer entfernte Ungarn. Dabei ist die Abwanderung schon ohne serbische Gewalt voll im Gange. Ungarn ist EU-Mitglied, der Lebensstandard ist ein vielfaches höher als in Serbien, so daß vor allem die Jungen ihre Koffer schon längst gepackt haben. Zwar traf sich der ungarische Außenminister László Kovács in Belgrad mit seinem serbischen Amtskollegen Vuk Draskovic, der die Ausschreitungen „auf das Schärfste verurteilte“. Aber der serbische „Monarchist“ Draskovic, der in keiner Weise zu den Liberalen seines Landes zählt, weiß, daß aus Budapest keine diplomatische Offensive zu erwarten ist. Denn dort regiert seit 2002 eine sozialistisch-linksliberale Koalition, für die die Auslandsungarn nur störende Elemente darstellen, die man bestenfalls mit einigen Lippenbekenntnissen abspeist. 1999 fielen die Nato-Bomben auch auf die Vojvodina Der ganze Konflikt hat tiefe historische Ursachen. Nach der Niederlage von 1918 wurde die Habsburger k.u.k.-Monarchie in Stücke geschlagen. Die Sieger wollten durch das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ die vielen Ethnien von Österreich-Ungarn „in die Freiheit“ entlassen. Dummerweise lebten die vielen Völker aber nicht säuberlich getrennt in verschiedenen Ecken des Landes – deutsche, ungarische, serbische, kroatische oder rumänische Dörfer und Städte bildeten vielerorts eine komplexe Gemengelage, die man ohne „ethnische Säuberungen“ nicht trennen konnte. Die Vojvodina, wo einst auch die Banater Schwaben zu Hause waren, ist eine solche „Mischregion“. Ihre größte Minderheit sind die Magyaren. Im Vorfeld der völkerrechtswidrigen Nato-Angriffe gegen Jugoslawien 1999 war abzusehen, daß auch die bis dahin vom Krieg verschonte Provinz in Mitleidenschaft gezogen würde. Hatte doch die Führung in Belgrad hier ihre Reserven gelagert. Die Theiß-Brücken bildeten strategisch wichtige Ziele für die Nato-Raketen. Und nicht nur die Regierungsgebäude in der Provinzhauptstadt Neusatz (Novi Sad/Újvidék) wurden bombardiert. Die Bürgerliche Regierung in Budapest unter Viktor Orbán gelangte durch den Aufmarsch der Nato in eine unangenehme Situation: Wie sollte sie ihren Bürgern erklären, daß auf die eigenen Landsleute geschossen wird? Und wie sollte man verhindern, daß sich der Zorn der Serben gegen die Feinde im eigenen Land richten würde? Außer den üblichen Beschwichtigungen, die Nato werde nur „chirurgisch präzise Schläge“ gegen die Infrastruktur führen, geschah nichts verbindliches. Einzig die damals noch im ungarischen Parlament vertretene Gerechtigkeitspartei (MIÉP) entwarf einen kühnen Lösungsansatz. Damit nach dem Krieg nicht auch die Magyaren in Serbien für die Nato-Angriffe büßen müssen, forderte man eine Grenzkorrektur. Unter Uno-Aufsicht sollte eine Volksabstimmung durchgeführt werden. Nur das Gebiet, das mehrheitlich für den Anschluß an Ungarn stimmen würde, sollte entsprechend nach Ungarn überwechseln. Von einer Grenzrevision (die bis 1920 bis kurz vor Belgrad reichte) war nie die Rede. Maximal das unmittelbare Grenzgebiet mit etwa 300.000 Magyaren wäre an Ungarn angegliedert worden. Natürlich wurde dieser Vorschlag vollkommen ignoriert. Zum einen hatte dies eine „rechtsradikale“ Partei gefordert. Zum anderen fürchteten die Siegermächte von 1918 und 1945 nichts mehr, als eine Veränderung der Grenzen in Europa. Die Tschechoslowakei zerfiel, Jugoslawien zerfiel – aber die Nachfolgestaaten bildeten sich ausschließlich innerhalb der nach 1945 gezogenen Grenzen. Diese Furcht vor einem Präzedenzfall verhindert bislang auch eine Vereinigung des serbischen Kosovo mit Albanien, obwohl dem aus ethnischer Hinsicht viel weniger im Wege stünde. Durch den serbisch-albanischen Krieg im Süden Serbiens und durch die Vertreibung der Serben aus Kroatien und dem kroatischen Teil Bosniens verloren Zehntausende Serben ihre Heimat und wurden in ihr „Kernland“ zurückgedrängt. Gleichzeitig nutzte Belgrad aber die Gunst der Stunde, um Rest-Jugoslawien ethnisch zu „homogenisieren“: Wenn schon Jahrhunderte alte Siedlungsgebiete verloren gehen, dann soll wenigstens der Rest fest in serbischer Hand sein. Man schätzt, daß dadurch etwa 20.000 Serben in die magyarischen Gebiete gebracht wurden. Von Anfang an heizte die Umsiedlung die Stimmung auf. Schließlich waren die Neuankömmlinge verbittert über den Verlust ihrer Heimat. Arbeitslosigkeit und sozialer Niedergang taten ihr Übriges, um Haß und Zwietracht zu sähen. Und die Saat ist nun aufgegangen.

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