„Zu viele Menschen verdienen an der Sucht“

Herr Elsing, die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Capsers-Merk, äußerte, daß sie sich „besonders“ über den Rückgang der Zahl der Drogentoten freue. Insgesamt wurde der Drogenbericht der Bundesregierung der Öffentlichkeit als „Erfolg“ vekauft. Wie ordnen Sie die Ergebnisse ein? Elsing: Natürlich hat der Rückgang der Drogentoten auch mit dem Erfolg der staatlichen Substitutionsprogramme zu tun. Meiner Meinung liegt es aber schwerpunktmäßig daran, daß das Thema in der „Szene“ zunehmend eine Rolle spielt. Außerdem besitzt das heute gehandelte Heroin eine gleichbleibende Qualität. In den letzten Jahren gab es das Problem, daß sich die Qualität des Heroins nach oben verändert hat. Daher war die Gefahr eines überdosisbedingten Todesfalles früher viel mehr gegenwärtig, als es heute der Fall ist. Weshalb werden die Konsumenten immer jünger? Elsing: Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um ein Gesellschaftsproblem. Die Familien verändern sich immer mehr. Durch die Berufstätigkeit beider Elternteile sind Jugendliche oftmals auf sich alleine gestellt. Damit können die eigentlich notwendigen erzieherischen Maßnahmen nicht mehr stattfinden. Auch das Konsumverhalten unterscheidet sich deutlich von dem vor etwa 20 Jahren. Die Zukunftsperspektiven vieler Jugendlicher sind negativ. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den jünger werdenden Konsumenten und einem allgemein zu verzeichnenden Werteverlust? Elsing: Absolut. Überall, wo Kindern und Jugendlichen früher Werte vermittelt wurden, findet dies heute kaum mehr statt. Das hat vor allem damit zu tun, daß wir Erwachsene selbst dazu neigen, Konsumverhalten statt Werteorientierung in den Vordergrund zu stellen. Welche erfolgversprechenden Gegenstrategien gibt es zu dieser Entwicklung? Elsing: Wir müssen auf Einrichtungen setzen, die ausstiegsorientiert arbeiten. Dazu kann im gewissen Maße die Substitution, beispielsweise durch Methadon, gehören. Allerdings nicht in dem Umfang, wie es heute betrieben wird. Was meinen Sie genau? Elsing: Die Fachwelt schätzt heute, daß es insgesamt mindestens 120.000 illegale Drogennehmer in Deutschland gibt, wobei ich persönlich sogar denke, daß es 200.000 sind. Davon werden etwa 60.000 substituiert. Das kann nicht die Lösung sein. Ich sehe hier keine Ausstiegsorientierung des Programms. Ich sehe nur, daß viele Abhängige die Substitutions-Substanzen ohne jede sonstige psychosoziale und therapeutische Betreuung bekommen und sehe dadurch kaum Ausstiegsmöglichkeiten für den betreffenden Drogen-Konsumenten. Wie stehen Sie zum zum „Modellprojekt heroingestützte Behandlung“? Elsing: Ich befürchte dieselbe Entwicklung wie beim Methadon-Programm. Ich lehne grundsätzlich Heroin-Programme ab. Wofür brauchen wir das? Eine solche Maßnahme wird dazu führen, daß in zehn bis fünfzehn Jahren wahrscheinlich viele Menschen ihr Heroin vom Staat bekommen. Dies ist nichts anderes, als eine Kapitulation vor der Sucht. Was kann die Selbsthilfe zur Drogenbekämpfung leisten? Elsing: Weltweit werden in Selbsthilfeeinrichtungen die meisten Menschen nüchtern. Die Anonymen Alkoholiker beispielsweise haben ein weltweites Netz von Selbsthilfegruppen. Es wäre wünschenswert, wenn die Drogenpolitik des Staates solche Tatsachen wahrnehmen und die Ansätze der Selbsthilfe mehr in ihre Arbeit einbeziehen würde. Was gehört alles zum Selbsthilfegedanken? Elsing: Um es auf den Punkt zu bringen: Nur jemand, der selbst betroffen ist, kann diese Selbsthilfe leisten. Andere Ansätze, die populär auch „Selbsthilfe“ genannt werden, sind oftmals professionell gesteuert. Die reine Selbsthilfe ist allerdings die, in der jemand, der selbst süchtig war, nüchtern wurde und mit seiner ganzen Kraft, seinem Wissen und seiner Energie, die er aus diesem Prozeß gewonnen hat, anderen Süchtigen hilft. Wie wird sich das Problemfeld der illegalen und legalen Drogen weiterentwickeln? Elsing: Das Problem wird sich weiter zuspitzen. Es ist immer noch nicht deutlich genug von allen erkannt worden. Es verdienen zu viele Menschen den legalen und illegalen Drogen Geld. Solange diese Fakten nicht erkannt werden, ist eine Lösung des Problems nicht in Sicht. Peter Elsing , Jahrgang 1952, ist seit 1984 Mitglied von Synanon. Seit 1999 ist er Vostandsvorsitzender der Stiftung Synanon. Synanon wurde 1971 als Selbsthilfeorganisation für Drogenabhängige von Betroffenen für Betroffene gegründet. Stiftung Synanon, Bernburger Straße 10, 10963 Berlin. Internet: www.synanon.de weitere Interview-Partner der JF

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