„Wir hoffen auf eine europäische Lösung“

Herr von Gottberg, die russische Regierung hat die Stadtverwaltung von Kaliningrad aufgefordert, die im Jahr 2005 geplante 750-Jahr-Feier von Königsberg abzusagen. Statt dessen solle ein Jahr später der 60. Jahrestag der Gründung der russischen Ostsee-Enklave begangen werden. Wie beurteilen Sie diesen Sinneswandel? Gottberg: Zwei mögliche Gründe für die Anordnung aus Moskau sehe ich. Die erste Möglichkeit wäre, daß Hardliner aus der früheren KPdSU und in den Veteranenverbänden – die eine wesentliche Stütze von Wladimir Putin sind – den Präsidenten zu dieser Weisung gedrängt haben. Dieser Personenkreis fürchtet eine Europäisierung der Königsberger Region, die mit einem Wiederaufbau des Gebietes verbunden wäre. Eine zweite Möglichkeit will ich nicht völlig ausschließen. Wir wissen, daß es in der Bundesrepublik einflußreiche Kräfte gibt, die an einer engen Beziehung zwischen Deutschland und Rußland wenig Gefallen finden. Diese Kreise versuchen auch immer wieder, die grenzüberschreitende Aufbauarbeit der Landsmannschaft Ostpreußen zu torpedieren. Möglicherweise ist also aus Deutschland ein Hinweis an Moskau gegangen, die 750-Jahr-Feier Königsbergs zu verhindern, mit der frei erfundenen Begründung, Rechtsextreme aus der Bundesrepublik würden die Angelegenheit maßgeblich beeinflussen. Dies ist nicht aus der Luft gegriffen, so etwas hat es schon einmal 1993 in der Amtszeit des Außenministers Kinkel gegeben. Dennoch bin ich recht zuversichtlich, daß die rigide Moskauer Weisung im Jahre 2005 so nicht umgesetzt wird. Welche Kreise meinen Sie? Gottberg: Es gibt Personen innerhalb der politischen Klasse, über alle Parteien hinweg, auch gewisse Kreise in der Ministerialbürokratie, die eine enge Kooperation zwischen Deutschland und Rußland ablehnen. Putin hat bei seinen Deutschlandbesuchen immer wieder intensiv um Deutschland geworben, vor allem auf dem wirtschaftlichen Sektor. Er hat um Kooperation und deutsches „Know-how“ gebeten. Aber es hat sich nicht viel getan. Ein Exempel könnte man in Königsberg schaffen. Es gibt aber Kreise in Deutschland, die – auch angesichts des Irak-Konfliktes – intensiv bemüht sind, die Bundesrepublik eng an Amerika zu halten. Vor allem sowjetische Veteranen des Zweiten Weltkriegs haben gegen die 750-Jahr-Feier von Königsberg protestiert. Haben sie Verständnis für diese Haltung? Gottberg: Nein, ich habe dafür kein Verständnis. Allerdings ist es für mich psychologisch nachvollziehbar, daß diese Kriegsveteranen gegen ein großes grenzüberschreitendes Fest sind, das den deutschen Charakter Königsbergs über viele Jahrhunderte dokumentiert. Die Veteranen haben einen blutigen Krieg überstanden, Millionen russische Soldaten haben ihr Leben im Zweiten Weltkrieg gelassen. Königsberg ist heute noch ein Symbol dafür, daß die Sowjetunion 1945 zu den Siegern gehörte. Die überlebenden Veteranen trauern der Sowjetunion nach, denn dort war ihr Status besser als heute. Sie wollen natürlich nicht, daß das letzte Siegessymbol nach und nach einen europäischen oder möglicherweise sogar einen deutschen Charakter zurückgewinnt. Einerseits haben sich seit der Wiedervereinigung die Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland positiv entwickelt. Angesichts des Irak-Krieges wurde sogar von einer neuen „Achse Paris-Berlin-Moskau“ spekuliert. Andererseits lasteten die mörderischen Konflikte des 20. Jahrhunderts weiter auf dem deutsch-russischen Verhältnis. Wie sehen Sie die Zukunft? Gottberg: Von einer französisch-deutsch-russischen Achse haben die beteiligten Politiker nie gesprochen. Aber ich glaube, die Russen werden weiter für eine enge Kooperation mit Deutschland werben – insbesondere auf dem wirtschaftlichen Sektor. Und wir werden uns dem auf Dauer nicht verschließen können, weil wir in Rußland einen Absatzmarkt für die Zukunft haben. Im übrigen sollte man sich auch der Geschichte erinnern: Es war für Europa und speziell für Deutschland und Rußland nie nachteilig, wenn beide Staaten eng kooperiert haben. Ich bin ganz zuversichtlich, daß sich die guten Seiten im deutsch-russischen Verhältnis im 21. Jahrhundert wieder entwickeln werden – so wie das im 18. und 19. Jahrhundert schon einmal der Fall war. Ihrer Landsmannschaft wird vorgeworfen, die Zugehörigkeit des nördlichen Ostpreußens zur Russischen Föderation in Frage zu stellen. Wie stehen Sie dazu? Gottberg: Die Bundesregierung hat 1990 ohne Not die nach 1945 von den Siegermächten gewaltsam geschaffenen Grenzen anerkannt. Das Völkerrecht und das Selbstbestimmungsrecht blieben dabei auf der Strecke. Wir haben selbst diese Grenzabkommen nicht mittragen können, weil sie über die Köpfe der Betroffenen hinweg geschaffen wurden. Inzwischen ist unsere Haltung zur Frage der territorialen Zugehörigkeit Ostpreußens nicht mehr relevant. Es gibt, wie Sie wissen, in Europa keine einflußreiche Gruppierung, die einer Korrektur der Grenzen das Wort redet. Wir hoffen auf eine europäische Lösung, die die territoriale Neuordnung im Osten des früheren deutschen Reiches so überwindet, daß die Menschen die derzeitigen Grenzen nicht mehr als Ergebnis von Krieg und Unrecht empfinden. Ab 2004 wird Königsberg vollständig von EU-Territorium eingeschlossen sein. Es wird über kurz oder lang zu einer Übereinkunft kommen, die das Gebiet am Pregel auf eine spezielle Weise mit dem EU-Territorium gleichsetzt. Der Vorschlag von Präsident Putin, die Visapflicht zwischen Königsberg und der EU aufzuheben, ist zukunftsorientiert und wird von uns unterstützt. Niederlassungsfreiheit und die Entwicklung einer europäischen Rechtsstruktur für Königsberg sind für uns wichtige Bausteine für die Durchlässigkeit von Grenzen. Die Zahl der Deutschen, die in Königsberg geboren wurden, nimmt ab. Inzwischen sind schon drei Generationen von zumeist Russen in Ostpreußen heimisch. Welche Zukunft hat Ihre Organisation? Gottberg: Die Landsmannschaft Ostpreußen ist einen Schrumpfungsprozeß unterworfen, aber das gilt schon seit dreißig oder vierzig Jahren. Gleichwohl finden auch immer wieder jüngere Menschen zu uns – wir nennen sie die Bekenntnis-Generation. Die Landsmannschaft Ostpreußen wird noch mindestens über zwei Jahrzehnte ihren Stellenwert haben. Und man weiß nie, wohin sich in Zukunft eine Organisation wie die unsrige entwickelt. In der Bundesrepublik gibt es eine große Fangemeinde für Südtirol – die ist kaum organisiert, aber sie ist da. Auch die Landsmannschaft Ostpreußen wird Zukunft haben, sie wird sich sukzessive wandeln: von einer Landsmannschaft, die im Grunde ein Geschädigtenverband ist, die eine Menschenrechtsorganisation ist, hin zu einem Verein der Freunde und Förderer Ostpreußens. Ich bin sehr optimistisch, daß unsere Vereinigung auch im Jahre 2020 noch einen Stellenwert besitzen wird. Wilhelm von Gottberg wurde 1940 in Ostpreußen geboren. Er ist seit 1992 Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen. weitere Interview-Partner der JF

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