Eine Stadt im Dilemma

Es ist nicht lange her, daß sich die Bewohner des Oblast Kaliningrad – dem heute zu Rußland gehörenden nördlichen Teil Ostpreußens – auf ein ganz besonderes Ereignis freuen konnten: Die Feierlichkeiten anläßlich des 750jährigen Gründungsjubiläums von Königsberg im Jahre 2005 sollten laut Aussage des russischen Premierministers Michail Kasjanow bei seinem Besuch in der russischen Ostsee-Enklave im Oktober letzten Jahres in einem großen Rahmen stattfinden. Daraufhin erklärte der Kaliningrader Bürgermeister Jurij Sawenko, dieses Ereignis sei eine hervorragende Chance, die Stadt endlich gründlich zu sanieren. Sawenko und viele andere seiner Mitbürger konnten zu Recht darauf hoffen, daß der festliche Anlaß unter anderem die Aufmerksamkeit der Investoren aus Deutschland auf sich ziehen würde: Viel zu viele finanzielle Mittel werden zur Wiederherstellung und Erhaltung der sich in bedauernswertem Zustand befindenden Architekturdenkmäler aus der Zeit vor 1946 benötigt. Alleine für die Renovierung und Instandsetzung von Kaliningrads Brücken und Straßen brauche man, so Sawenko, umgerechnet 143 Millionen US-Dollar. Deshalb betrachten die Bewohner dieser vom Mutterland abgeschnittenen russischen Exklave finanzielle Hilfen als das beste Geschenk, das man ihrer Stadt machen könnte. Die Vorbereitungsarbeiten zur Stadtfeier hatten sehr früh begonnen: Im vorigen Jahr wurde das Komitee zur Organisation der Feierlichkeiten gegründet. Viele prominente, in der Ostseestadt geborene Persönlichkeiten der Russischen Föderation, Schriftsteller, Sänger, Kosmonauten, Politiker und Politikerfrauen, darunter auch als Ehrenmitglied die Ehefrau des russischen Präsidenten, Ludmilla Putina, die ebenfalls aus Königsberg/Kaliningrad stammt, wurden Mitglieder dieser Einrichtung. Die Vorfreude auf die Feierlichkeiten war, wie sich letzte Woche herausstellen sollte, etwas verfrüht. Laut einem Bericht der russischen Tageszeitung Iswestija wurde ihren Reportern ein Dokument der Leiterin der Zentralen Staatsrechtlichen Verwaltung des russischen Präsidenten, Larissa Brytschewa, zur Verfügung gestellt. In diesem Dokument ist die Rede davon, daß „für die Feierlichkeiten anläßlich des Stadtjubiläums jedwede notwendigen historischen und politischen Hintergründe“ fehlten. Die Stadtverwaltung sei darüber rechtzeitig in Kenntnis gesetzt worden. Statt das 750jährige Jubiläum zu feiern, biete die Administration des Präsidenten Wladimir Putin an, das 60jährige Bestehen des Kaliningrader Gebietes zu begehen, das offiziell am 7. April 1946 gegründet wurde. Im Zusammenhang mit einer solchen Entscheidung spricht man in Rußland davon, daß der Grund für die Aufhebung des Stadtjubiläums offensichtlich politisch bedingt sei: viele Kriegsveteranenvereine haben sich vehement gegen eine solche Feier ausgesprochen. Laut Aussage des Vorsitzenden des Kaliningrader Veteranenrates, Jurij Samjatin, gäbe es „für die ‚Rußländer‘ keine erniedrigendere Feier als diese“, denn jedes Stück dieses Landes sei mit dem Blut russischer Soldaten getränkt. Deshalb sei es mehr als angebracht, das 60jährige Bestehen des Kaliningrader Gebiets zu begehen, anstatt solche „unethischen Feierlichkeiten“ zu veranstalten. Anhaltende Diskussion um den Namen Königsberg Diese Auffassung der damaligen Königsberg-Eroberer können viele, insbesondere ältere Russen, wenn nicht teilen, dann doch sehr gut nachvollziehen. Intensiver als je zuvor beschäftigt man sich in Königsberg/Kaliningrad mit der Geschichte dieser Region, die – ob es man will oder nicht – aufs engste mit Deutschland verbunden ist und erst nach der Potsdamer Konferenz an Rußland abgetreten wurde. Hat etwa Kaliningrad ein Recht darauf, seinen sowjetischen Namen beizubehalten? In der Presse der Stadt werden immer häufiger Debatten darüber geführt, man solle Kaliningrad seinen historischen Namen Königsberg zurückgeben. Schon in den neunziger Jahren plädierten studentische Kreise dafür, als „Kompromiß“ der Geburtsstadt Immanuel Kants den Namen Kantstadt zu geben. Für die Veteranen des „Großen Vaterländischen Krieges“ in der russischen Ostsee-Enklave gibt es noch ein Thema, das schmerzvoller ist als die Diskussionen um den Namen ihrer Stadt: die im Jahre 1992 getroffenen Vereinbarungen zwischen der deutschen und der russischen Regierungen über die gegenseitige Pflege von Militärfriedhöfen. Insgesamt sollen demnächst in Kaliningrad neun Soldatenfriedhöfe entstehen, auf denen 14.500 gefallene Wehrmachtsoldaten bestattet werden sollen. Eines der kontroversesten Themen für die russischen Veteranenvereine ist die Einrichtung des Ehrenfriedhofs, für den laut Beschluß aus dem Jahre 1997 durch die Kaliningrader Stadtverwaltung ein neun Hektar großes Grundstück im Stadtgebiet (an der Straße A. Newskogo) zur Verfügung gestellt werden sollte. Auf diesem Friedhof, der durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge betreut werden soll, plant man, die Überreste deutscher Soldaten und Offiziere beizusetzen, die bei der Eroberung Ostpreußens und Königsbergs durch die sowjetische Armee ums Leben gekommen sind. Heikel ist dabei folgendes: Das Denkmal für deutsche Wehrmachtssoldaten soll auf einem Friedhof aufgestellt werden, der die sterblichen Überreste von Deutschen ermordeter sowjetischer Kriegsgefangener birgt, die Menschenversuchen während des Zweiten Weltkrieges zum Opfer gefallen waren. Die Errichtung des Monuments, das die Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzungszeit in der Sowjetunion (1941/45) der Ehrung der Täter unterordnet, stößt – wie schon mehrere Versuche zuvor, deutsche Wehrmachtsangehörige zu ehren – auf Widerstand. Kriegsveteranen gegen deutschen Soldatenfriedhof Eine Zeitlang gab es an der Stelle des geplanten Friedhofes ein provisorisches Kreuz, das durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge errichtet wurde. Wie ein Beamter des russischen Außenministeriums, Arkadij Kuznetsow, damals anmerkte, reiche dieses Kreuz vollkommen aus, und ein größeres Denkmal wäre stark ideologisch gefärbt und würde für noch mehr Unmut der Menschen sorgen. Der Widerstand der Bevölkerung hat inzwischen dafür gesorgt, daß das Kreuz wieder entfernt wurde. Dieser Unmut trug auch dazu bei, daß infolge von Protesten der gesetzgebenden Versammlung Kaliningrads der Bürgermeister der Stadt und der Gouverneur des Gebiets veranlaßt haben, die Fortsetzung jeder Arbeit am deutschen Soldatenfriedhof vorübergehend einzustellen. Daraufhin wurde der für den Volkstrauertag 2002 geplante Besuch einer Delegation des Landes Brandenburg mit dem Landtagspräsidenten Herbert Knoblich (SPD) an der Spitze abgesagt. Die zehnjährige Zusammenarbeit mit der Kaliningrader Stadtverwaltung auf dem Gebiet der Friedhofpflege scheint gefährdet. Während die Einstellung der Arbeiten am deutschen Friedhof von einem großen Teil der Kaliningrader begrüßt wird, stößt die Absage der Jubiläumsfeier der 750 Jahre alten Stadt auf vollkommenes Unverständnis ihrer Bürger. Der Abgeordnete der Kaliningrader Gebietsduma Solomon Ginzburg schätzt die Situation wie folgt ein: „Wie kann man sieben Jahrhunderte seiner Geschichte einfach wegstreichen? Einerseits sagen wir, Kaliningrad sei Rußlands Fenster nach Europa, andererseits halten wir dieses Fenster fest verschlossen. Dabei könnte Kaliningrad zum europäischen Symbol für die Befriedung und Verständigung zwischen den Völkern werden, so etwa wie dies Straßburg in den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich geworden ist“. Es wird kein Zufall gewesen sein, daß die Aussetzung des Projektes Stadtfeier mit dem Protest der Veteranen gegen die Einrichtung des deutschen Friedhofs zusammenfiel. Einige politische Kommentatoren Rußlands sehen darin eine Art Kampagne des russischen Präsidenten vor den Wahlen zur Russischen Staatsduma, die im Dezember diesen Jahres stattfinden sollen. Eine solche Maßnahme würde der – in Umfragen schwächelnden – Partei des Präsidenten Putin helfen, neue Stimmen zu gewinnen, die sie den revanchistisch gestimmten – und laut Prognosen gestärkten – Kommunisten von Gennadij Sjuganow entziehen würde. Einer der hochrangigen Funktionäre aus dem Apparat des Kaliningrader Gouverneurs verriet der Iswestija die Hoffnung, die er mit vielen seiner Mitbürger teilt: Die Absage der Feier sei ein bloßer Trick, welcher Natur auch immer. Einer Stadt könne man nicht verbieten, ihre Geburtstage zu feiern. Ein endgültiges Verbot würde von der westlichen Welt als Zweifel der russischen Behörden an der Rechtmäßigkeit der Beibehaltung ihres Ostseegebietes interpretiert werden. Man will schließlich nicht provozieren, daß die Stadtfeier in eine andere Stadt Deutschlands verlegt wird, wie dies im Jahre 1955 bereits geschah: damals wurde die 700-Jahr-Feier in Königsbergs Patenstadt Duisburg begangen. Foto: Blick vom Hafen auf den Königsberger Dom: Jubiläum sollte Anlaß für umfassende Stadtrenovierung sein

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