Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Päpstliche Ostdiplomatie Carl Gustaf Ströhm

Während die katholische Kirche auch nach Ende der „großen Feindseligkeiten“ im Irak sehr besorgt über das künftige Schicksal der dort lebenden Christen ist, wendet Papst Johannes Paul II. seinen Blick bereits weiter nach Osten. Seit Beginn seines Pontifikates will er Moskau besuchen und die Aussöhnung mit der russischen Orthodoxie vollziehen. Michael Gorbatschow, damals noch Partei- und Staatschef der Sowjetunion, hat den polnischen Papst (auch die Nationalität ist für die russische Orthodoxie nicht ohne negative Bedeutung) bereits 1989 nach Moskau eingeladen. Aber während der reiselustige Papst fast überall hinkam, blieb ihm Rußland verschlossen – Patriarch Alexius II. legte sich quer. Nun meint Johannes Paul II. einen Weg gefunden zu haben, doch noch russischen Boden zu betreten. Im August hat der Papst eine Reise in die Mongolei im Programm. Aus diesem Anlaß müsse die päpstliche Sondermaschine einen „technischen Zwischenhalt“ in Kasan an der Wolga, der Hauptstadt von Tatarstan, einlegen. Bei dieser Gelegenheit wolle der Papst eine der bedeutendsten Ikonen dem Moskauer Patriarchen zurückgeben: die Ikone der Heiligen Mutter Gottes von Kasan. Sie hat für die russische Orthodoxie eine fast mythische Bedeutung. Zu ihr beteten die Russen in Augenblicken höchster Not – wenn Tataren, Polen, Schweden und Franzosen „Mütterchen Rußland“ bedrohten. Nun befindet sich die wundertätige Ikone in der Obhut des Vatikans und der Papst hat dem Bürgermeister von Kasan, Kamil Isajew, sowie dem Präsidenten der zur Russischen Föderation gehörenden Autonomen Republik Tatarstan, Mintimer Schajmijew, zugesagt, die Ikone bei nächste Gelegenheit restituieren zu wollen. Es ist eine Ironie der Geschichte, daß zwei muslimische Tataren, deren damals kriegerische Vorfahren Rußland unter das „tatarische Joch“ zwangen, nun die Fürsprecher der Rückgabe eines christlichen Heiligenbildes sind. Dahinter wird die Problematik der ethnisch-nationalen Beziehungen zwischen muslimischen Tataren und orthodoxen Russen sichtbar, die beide das Territorium der erdölreichen Republik an der Wolga bewohnen. Als Erster berichtete der polnische Radiosender RMF-FM von den Plänen des Papstes. In Kasan, 800 Kilometer östlich von Moskau, werde er bei einem Zwischenhalt die Ikone der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats übergeben. Dies sollte als Geste der Versöhnung zwischen West- und Ostkirche verstanden werden. Der Sprecher des Vatikans, Joaquín Navarro-Valls, hat die polnische Radiomeldung inzwischen bestätigt. Vom entscheidenden Adressaten der vatikanischen Bemühungen kamen unfreundliche Reaktionen. Alexius II. ließ erklären, auch 15 Jahre nach der durch Gorbatschow ausgesprochenen Einladung sei die Zeit für eine Begegnung mit dem Papst nicht reif. Ein Sprecher des Moskauer Patriarchen sagte inzwischen, eine Begegnung zwischen Alexius und Johannes Paul II. sei nur möglich, wenn vorher die „Demütigung“ der Orthodoxie durch den Katholizismus „auf dem Territorium der Ukraine“ beendet werde – sprich: die Unterstützung der ukrainischen Unierten, die Moskau als Abtrünnige betrachten. Man verstehe im Patriarchat auch nicht, warum die „Rückgabe eines von vielen heiligen Gegenständen, die ‚illegal‘ aus Moskau entwendet wurden“, plötzlich in den Mittelpunkt rücken solle. Die Konfrontation reicht viel tiefer. Moskau sieht sich eben noch immer als das „Dritte Rom“.

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