Nato-Hauptquartier nach Budapest? Carl Gustaf Ströhm

Auf einem Feldflugplatz der ungarischen Armee ereignete sich neulich ein „Zwischenfall“: Ohne vorherige Anmeldung oder Kenntnis der Budapester Militärbehörden landeten dort mehrere US-Kampfhubschrauber. Die Ungarn verwiesen die ungebetenen amerikanischen Gäste auf den einst sowjetischen Luftwaffenstützpunkt Taszár bei Kaposvár, der vom Nato-Neumitglied den USA überlassen wurde und wo bereits seit Monaten mehrere tausend irakische Oppositionelle für den Einsatz in der Heimat ausgebildet werden. Die ungarische Bevölkerung betrachtet das „Camp“ Taszár mit gemischten Gefühlen: man fürchtet sich, in terroristische Aktivitäten hineingezogen zu werden. Nun geschah aber etwas, das die unterschiedliche Befindlichkeit von Amerikanern und Magyaren blitzartig beleuchtet. Auf die Frage der ungarischen Offiziere, warum die US-Gäste denn nicht auf dem reservierten Flugplatz Taszár gelandet seien, schüttelten die zuständigen Amerikaner nur ungläubig die Köpfe. Mein Gott, irgendwo müsse man doch landen – und es gehe doch in erster Linie darum, den „Job“ möglichst wirksam zu erfüllen. In diesem kleinen Ungarn, das Länge mal Breite gerade einige hundert Kilometer ausmache, sei es doch egal, ob man nun in Taszár oder ein paar Kilometer davon entfernt lande. Die Amerikaner denken eben in anderen Dimensionen und haben auch ganz andere Vorstellungen von nationaler Souveränität. Auf drastische Weise hat das der US-Star-Kolumnist William Safire dieser Tage in der International Herald Tribune dargelegt. Präsident Bush sollte aufhören, die europäischen Kritiker des Irak-Krieges der Undankbarkeit zu zeihen. Vielmehr sollte er jene Staaten belohnen, welche Amerika im „Kampf gegen den Terror“ unterstützen. Man sollte schleunigst die 70.000 US-Soldaten aus ihren Quartieren im „pazifistischen Deutschland“ mitsamt ihren Familien nach Bulgarien und Polen versetzen. Was die Nato betreffe, so sollte man das Hauptquartier aus dem „unstabilen Brüssel“ nach Budapest verlegen. Die USA sollten aufhören, so zu tun, als sei der „Sumpf des Weltsicherheitsrates“ ein Vehikel kollektiver Sicherheit oder eine moralische Autorität. Zudem sollten die USA die Türkei nicht länger bei ihrem Bemühen unterstützen, EU-Mitglied zu werden. Dafür sollte Washington die Kurden im Nordirak unterstützen und die törichte US-Politik aufgeben, türkische „Paranoia“ über die Kurden zu fördern. Safire macht es nichts aus, höchst komplizierte Tatbestände über einen Kamm zu scheren. Bush solle nur den Krieg gewinnen – dann werde die Opposition schon von alleine aufhören. „Die europäischen Nichtverbündeten und die arabischen Potentaten werden schon einen Weg finden, Amerika zu vergeben. Amerikas neue Bündnisse (mit den Osteuropäern) werden durch Sicherheit belohnt.“ Nächstes Jahr würden sich die amerikanischen Wähler daran erinnern, wer ihnen Furcht und wer ihnen Hoffnung angeboten hat. So einfach kann die Welt sein! In Wirklichkeit ist nichts einfach – denn gleichzeitig fordert der Westen die Ungarn auf, das Problem der Zigeuner („Cigány“) zu lösen, die einen immer größeren Bevölkerungsanteil stellen. Der Budapester Historiker Ignác Romsics sieht voraus, daß in wenigen Jahrzehnten eine explosive Minderheitenfrage auf den ungarischen Staat zukommen könnte. Obwohl etwa 80 Prozent der ungarischen „Cigány“ Ungarisch als Muttersprache angeben, gebe es keine Garantie, daß dies so bleibt. Was aber weiß der selbstzufriedene Westen von solchen Problemen?

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