Imperiale Gewohnheiten vergehen nicht

Der Interviewpartner, den die in Tallinn/Reval erscheinende russische Tageszeitung Molodjosch Estoni ihren Lesern vorstellte, schien auf den ersten Blick keine Sensationen zu versprechen: Ein freundlicher älterer Herr, Leiter des Patentamts der Republik Estland, ein Fachmann auf dem Gebiet des internationalen Patentrechts. Was sollte der schon zu sagen haben? Und doch verbirgt sich hinter diesem Mann das große Drama der jüngsten Geschichte Estlands. Der Experte für Patentfragen ist nämlich Matti Päts, jetzt 70 Jahre alt, Enkel von Konstantin Päts, des letzten Präsidenten des unabhängigen Estland von 1940. So kommt es, daß im Amtszimmer des Enkels über dem Schreibtisch zwei Präsidentenbilder hängen: Einmal das heutige Staatsoberhaupt Estlands, Arnold Rüütel – und daneben ein Bild des Großvaters. Als die Rote Armee im Sommer 1940 in Estland einmarschierte, wurde Päts – ein „Mann von Charakter“ – aus seinem Amtssitz von Kommandos des sowjetischen NKWD verhaftet und in die Sowjetunion deportiert. Mit dem Präsidenten wurden damals auch seine Familienmitglieder verschleppt: sein Sohn, seine Schwiegertochter (Mattis Mutter) und der siebenjährige Knabe mit seinem jüngeren Bruder sowie dem Kindermädchen, das sich freiwillig bereit erklärte, das Schicksal der Familie zu teilen. Man brachte den Präsidenten schließlich nach Ufa, der Hauptstadt Baschkiriens, unweit des Urals. Russische „Großmacht-Ideen“ noch weit verbreitet Dort lebte die estnische Gruppe ironischerweise in der „Stalin-Straße“. Matti konnte die russische Schule besuchen und lernte Russisch – eine ihm bis dahin fremde Sprache. Als der deutsch-sowjetische Krieg am 22. Juni 1941 ausbrach, wurden die Familie verhaftet. Die Internierung verwandelte sich in Gefangenschaft – der Großvater und Mattis Vater kamen ins Gefängnis, die Mutter in ein Lager bei Swerdlowsk. Matti und sein Bruder kamen in ein Kinderheim, wo ihn manche seiner russischen Altersgenossen als „Enkel des Zaren von Estland“ anpöbelten. Matti Päts hungerte während des Krieges, kam beinahe zu Tode und wurde von einem russischen Arzt gerettet. Sein jüngerer Bruder starb. 1946, nach sechs Jahren, durfte Matti mit seiner Mutter nach Estland zurückkehren. Sein Großvater und Vater blieben in Haft. Der alte Präsident war bis zu seinem Tode in den fünfziger Jahren in sowjetischem Gewahrsam. Als Konstantin Päts damals einen Brief an den Uno-Generalsekretär schickte und um Hilfe für das estnische Volk bat, erhielt er von der Weltorganisation keine Antwort. Dem Enkel wurde in der „Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik“ zunächst ein Hochschulstudium verweigert, er mußte als einfacher Arbeiter sein Brot verdienen. Erst nach Stalins Tod konnte er studieren und später das Ingenieursexamen ablegen. Als Matti Päts jetzt gefragt wurde, wie er die russisch-estnischen Beziehungen einschätzt, sagt er: „Rußland fällt es unsagbar schwer, zu verstehen, daß wir Esten gegangen und daß wir jetzt ein anderer Staat sind, der trotz unserer bescheidenen Größe gleichberechtigt ist. Manchmal verstehe ich sogar, daß es einigen der russischen Politiker schwerfällt, das zu akzeptieren. Imperiale Gewohnheiten vergehen nicht so schnell.“ „Großmacht-Ideen“ seien bei den Russen immer noch weit verbreitet. Als Beispiel führt er das Schicksal der Amtskette (412 Gramm Gold!) seines Großvaters an. Sie wurde von den Sowjets geraubt – und das heutige Rußland weigert sich bis heute, diese Insignie estnischer Staatlichkeit zurückzugeben. Päts erinnert daran, daß bereits in der Zwischenkriegszeit, unter der Präsidentschaft seines Großvaters, die im Lande lebenden Russen ihre eigenen Vereine, Zeitungen, Theater, Schulen und ein Gymnasium besaßen und sich faktisch kultureller Autonomie erfreuten. Niemand habe sie damals assimilieren wollen oder von ihnen verlangt, ihre Nationalität aufzugeben. Allerdings – das waren damals „andere“ Russen: alteingesessene Familien oder einfache Bauern. Sie fühlten sich nicht als „Herrenvolk“, sondern waren froh, in Estland eine Freiheit zu genießen, von der man in der Sowjetunion nicht einmal zu träumen wagte. Die heutigen Russen dagegen sind meist nach 1945 zugezogen und geprägt vom Sowjet-System. Manche von ihnen können es nicht verwinden, daß das Ein-Millionen-Volk der Esten und nicht mehr sie das Staatsvolk sind. Den im heutigen Estland lebenden Russen gibt Matti Päts folgenden Ratschlag: „Respektiert unser zahlenmäßig kleines Volk! Beachtet die Regeln des ‚Klosters‘ (gemeint ist die Republik Estland), in dem ihr lebt. „Es gibt doch bei den Russen ein gutes Sprichwort: Du sollst nicht mit eigenen Regeln in ein fremdes Kloster gehen“, meinte der Enkel. Schlimm wäre es nur, wenn die Russen Estland doch für ihr eigenes Kloster halten sollten.

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