Anmut, Geist und Macht

Vor allem die Jahre der Teilung haben dazu beigetragen, daß die etwa 160 Sammlungen Berlins zum großen Teil nicht zugänglich sind. Es fehlt an adäquater Ausstellungsfläche, so daß viele Schätze in den Depots der Berliner Museen bleiben müssen. Daran wird auch die Fertigstellung der Museumsinsel wenig ändern können. Weitere dringend benötigte Quadratmeter sollen durch das Humboldt-Forum in dem wiedererrichteten Berliner Stadtschloß hinzukommen, aber auch darauf wird man noch jahrelang warten müssen. Trotzdem versucht die Stadt, ihre kulturellen Besitztümer der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So präsentieren die Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz (SMPK) unter dem Titel „Berlin in Gips 1790-1850“ einige ihrer selten gezeigten Werke auf unbestimmte Zeit in der Säulenhalle des Roten Rathauses. Geführt durch ein Zitat von Madame de Staël, in dem Berlin als geistiges Zentrum gelobt wird, betritt der Besucher die Ausstellungshalle und gelangt in die aufgeklärte Welt eines Berliner Salons, in dem Anmut, Geist und Macht im „demokratischen Material des Gipses“ (Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Peter-Klaus Schuster) zum Ausdruck kommen. Gips ist seit jeher ein preisgünstiger und gut transportabler Rohstoff, der ursprünglich lediglich als Material für dreidimensionale Skizzen und Abdrücke zur Konservierung von Formen eingesetzt wurde und als künstlerisch nachrangig galt. Viele der gesammelten Abgüsse – etwa in der Antikensammlung des Berliner Schlosses – waren ehemals als Gipsform nach Deutschland gelangt. Unter anderem durch die sich im 19. Jahrhundert häufenden Akademieausstellungen bekam das Gipsporträt im Klassizismus Ausstellungswert. Stücke, die nicht mehr für einen vorbestimmten Ort gefertigt wurden und mehrfach bewegt werden mußten, wurden vorzugsweise in Gips erstellt, zumal dessen stumpfe Oberfläche die Konzentration des Blicks auf die künstlerische Form begünstigt. Das Zentrum des geselligen Kreises, der sich im Berliner Rathaus in Büstenform zusammengefunden hat, bildet Henriette Herz, die hier stellvertretend für andere gebildete jüdische Frauen ihrer Zeit steht, wie etwa auch Rahel Levin oder die Tochter von Moses Mendelssohn, Dorothea Veit. In Preußen entstanden nach dem Vorbild französischer Égalité intellektuelle Gesellschaften, in denen Vertreter des Adels und des Bürgertums gleichermaßen verkehrten. Berühmte Beispiel waren die „Mittwochsgesellschaft“ und der „Montagsclub“, in denen reformerische – nicht umstürzlerische! – Ideen erörtert wurden. Die Gäste der geschlossenen Gesellschaften waren gleichwohl erlesen; alle geistigen Größen, die im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Berlin gewirkt haben, sind in der Ausstellung versammelt. Neben Malern und Bildhauern wie Caspar David Friedrich und Friedrich Tieck sind Goethe, Lessing und Wieland, der Verleger Friedrich Nicolai und der Philosoph Friedrich Schelling geladen. Doch auch Friedrich Wilhelm II. und dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. sowie dessen Gattin Elisabeth Ludovica von Bayern und Königin Luise geben sich die Ehre. Die Ausstellung im Roten Rathaus vermittelt die Dynamik gesellschaftlicher Umbrüche in Preußen des 18. und 19. Jahrhunderts, als die Hofbildhauer neben ihren königlichen Auftraggebern auch bürgerliche Intellektuelle zu porträtieren begannen. Neben Arbeiten von Johann Gottfried Schadow, Friedrich Tieck, Ludwig Wichmann, Friedrich Drake unter anderem werden besonders viele Werke von Christian Daniel Rauch (1777-1857) gezeigt, denn gerade dieser Bildhauer hat entscheidend zur Emanzipation der Gipsskulptur beigetragen. Die Popularität dieses Künstlers war im 18. Jahrhundert ohnegleichen, was auch ein Ausspruch seines Lehrers Schadow dokumentiert, wenn er mit geistreichem Wortspiel sagt: „Mein Ruhm ist in Rauch aufgegangen.“ Berlin in Gips 1790-1850. Eine Ausstellung im Berliner Rathauses. Rathausstraße, 10178 Berlin, Mo.-Fr. 9 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Tel: 030 / 20 90 55 66 Gipsbüsten im Säulensaal des Roten Rathauses in Berlin: Im Vordergrund eine Büste des Bildhauers Christian Daniel Rauch; sie zeigt Kronprinzessin Elisabeth, 1829

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