Ein konservativer Protestant

Wenn es jemanden gab, auf den die in ihrer inoffiziellen Landeshymne besungene Selbsteinschätzung der Niedersachsen – „sturmfest und erdverwachsen“ – zutraf, dann war es Wilfried Hasselmann. In der Nacht zum 9. Januar erlag der Ehrenvorsitzende der niedersächsischen CDU im Alter von 78 Jahren seinem Krebsleiden. Streitbar nach außen zum politischen Gegner hin und integrierend nach innen zu sein, das war ein Merkmal dieses Politikers, der über drei Jahrzehnte an den Geschicken seines Heimatlandes als Abgeordneter, Minister, Fraktionsvorsitzender und Parteichef mitwirkte. Nach Kriegsdienst und Berufsausbildung übernahm Hasselmann die Leitung des väterlichen Bauernhofs in der Nähe von Celle, den er auch während seiner politischen Amtsgeschäfte nie aufgab. Er leitete die Landjugend und wurde politisch geprägt von der Niedersächsischen Landespartei (später Deutschen Partei), die aus der Deutsch-Hannoverschen Bewegung entstanden war. Die dort gepflegte Anhänglichkeit an das Welfenhaus teilte Hasselmann stets. Für die CDU zog er 1963 erstmals in den Landtag, zwei Jahre später saß er bereits als Landwirtschaftsminister am Kabinettstisch des Sozialdemokraten Georg Diederichs. 1970 führte Hasselmann seine Partei als Spitzenkandidat in die Wahl. Nur mit einem Sitz Mehrheit konnte die SPD in einem Landtag obsiegen, in dem erstmals ein Zweiparteiensystem herrschte. 1974 wurde die CDU unter Hasselmann zwar stärkste Fraktion, doch sicherte die FDP den Sozialdemokraten die Macht Zwei Jahre später verzichtete Hasselmann darauf, den Posten des Ministerpräsidenten anzustreben, und überredete statt dessen den EG-Spitzenbeamten Ernst Albrecht, sich für dieses Amt zur Verfügung zu stellen. In seinem Kabinett war Hasselmann zunächst Minister für Bundesangelegenheiten, bevor er 1986 an die Spitze des Innenressorts wechselte. Nach der sogenannten Spielbankenaffäre mußte er 1988 auf Druck der Opposition unter Gerhard Schröder zurücktreten – womit das Ende der erfolgreichen Ära Albrecht zwei Jahre später eingeleitet wurde. Nach der Wahlniederlage von 1990 trat Hasselmann auch als CDU-Vorsitzender zurück, wirkte jedoch an vielen Stellen, besonders in Wahlkämpfen weiter mit. Auf Schützenfesten („Die Biertrinker stützen den Getreidepreis!“) vermochte der launige Rhetoriker genauso sein Auditorium zu begeistern, wie bei Auftritten vor der Jungen Union, die er stets zu selbstbewußter Profilierung ermunterte. Der überzeugte Reserveoffizier im Range eines Oberst („Ich bin Soldat und seit Jahrzehnten verheiratet: ich habe gelernt zu gehorchen!“) verkörperte einen populären, auch (als Synodaler seiner Landeskirche) bewußt protestantischen Konservativismus. Um dadurch ein Gegengewicht zur amtierenden Parteispitze aus liberalen Großstädtern (Friedbert Pflüger) und katholischem Sozialflügel (Christian Wulff) darzustellen, fehlten ihm zusehends die Gleichgesinnten. Dieses Manko seiner Partei behagte Hasselmann nicht, und es wird nach seinem Tod umso deutlicher zutage treten.

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