AFD Sachsen Wir Frauen brauchen keine Quote!

 

Dinge, die die Seele ansprechen

Beginnende Elternschaft macht einen eigenen Studiengang erforderlich, so scheint es, blättert man die Zeitschriften und das Werbematerial durch, das der werdenden Mutter gelegentlich vom betreuenden Frauenarzt oder der Hebamme gereicht wird. Die bunte Palette der Möglichkeiten beginnt beim Abwägen der besten Ernährung – Brust oder Industriemilch, später Alete, Hipp oder doch der selbstgekochte Brei -, betrifft die Bekleidung – Pampers versus Stoffwindeln, Markenstrampler versus Second-Hand – und schleppt sich durch die Schulzeit, wo Fragen relevant werden, ob ein eigener Rechner bereits mit acht Jahren sinnvoll oder erst mit zehn nötig ist. Vor über zwanzig Jahren hatte die heutige Zeit-Autorin Barbara Sichtermann in ihrem heute noch empfehlenswerten Buch „Leben mit einem Neugeborenen“ mit scharfen und doch amüsanten Worten die gängigen Ausstattungsrichtlinien für werdende Eltern über Bord geworden. Das war damals progressiv und reaktionär zugleich. Bereits in den frühen Siebzigern hatte die Industrie das Kind als gleichsam verlängerten Arm des Konsumenten, als lohnende Marktsequenz entdeckt. Die vielleicht nachhaltigste Konsequenz daraus war der Trend zum Flaschenkind. An dieser Brust wird Ihnen das Kind doch verhungern, war damals ein Standardspruch westdeutscher Klinikärzte gewesen – in der DDR gab es demgegenüber Stillprämien -, gepriesen wurden die Vorzüge der Pulvermilch: alles drin, vor allem meßbar, und so schön sauber! Außerdem demokratischer: Dann darf auch der Vati mal füttern. Argumente, die sich bis heute halten. Die elterliche Wahlpflicht endet nicht bei der geldwerten Entscheidung, sie fordert eine Entscheidung für die förderlichste Erziehungsmethode: Antiautoritär? Kinder brauchen Grenzen (Der Autor jenes Buches ist daran reich geworden)? Oder „Triple P – die positive Erziehung“? Waldkindergarten, Waldorf oder städtischer Kindergarten? Eben: Die auf der Höhe der Zeit bleiben wollen, denen erscheint Elternschaft als hochkompliziertes Lehrgebiet. Und doch wünscht man sich beim Blick auf die notorischen Schreihälse, geschminkten Grundschulmädchen, TV-gestreßten Zappelphilipps oft genug einen verpflichtenden Elternkurs und fragt sich: Was um alles in der Welt ermächtigt diese Leute, Kinder zu erziehen? Es gibt Leute, die sich selbst ermächtigen, und die fahren bisweilen hervorragend damit. Kindergeburtstag bei Familie Ban-dur/Thumm: Jeder hilft mit, der sechsjährigen Franziska eine schöne Feier zu bereiten. Die Mutter hat das Zimmer schön geschmückt und mit Vollkornmehl, wenig Zucker und Mohrrüben Kuchen gebacken, die große Schwester hat Spiele und kleine Wettbewerbe vorbereitet, der Vater spannt das riesige Pferd vor den Wagen und wird später die kleine Gesellschaft durch die schöne Landschaft an der Unstrut kutschieren. Der große Bruder versorgt das Kleinste, während die Mutter neuen Tee aufsetzt und gleichzeitig den hyperaktiven Geburtstagsgast aus der Nachbarschaft zu besänftigen sucht. Sieben Kinder hat Barbara Thumm während der beiden letzten Jahrzehnte geboren, doch ist die großfamiliäre Konstellation recht jung. Erst seit sieben Jahren leben Barbara und Clemens Bandur zusammen. Beide sind in Frankfurt am Main aufgewachsen, haben dort, zeitlich versetzt zwar, am selben Fluß gespielt. Später sind sie sich gelegentlich sporadisch begegnet, entferntere Freundeskreise ergaben hier und dort eine Schnittmenge. Da hatte Clemens mit anderen Wandergesellen in einer Schloßmühle gelebt, während Barbara bereits verheiratet war und Mutter dreier Kinder. Sie sei immer eine „Chaosfrau“ gewesen, beschreibt Barbara Thumm ihre Jugend. Das, obwohl ihre Herkunft nicht anders als gutbürgerlich zu bezeichnen ist. Einer Pfarrersfamilie entstammend, war ihr Vater zweifach promovierter Philosoph und Naturwissenschaftler, die Mutter – eine von sieben Töchtern – selbständige Krankenschwester. Die schwere Herzkrankheit der älteren Schwester beherrschte Barbara Thumms Kindheit, oft lebte sie bei ihren Tanten, liebevoll umsorgt. Dennoch packte sie als Vierzehnjährige ihr Bündel, erkundete trampend das Land, zog mit einem wesentlich älteren Lehrer zusammen. Trotzdem wurden Abitur sowie ein Studium der Sozialarbeit samt Anerkennungsjahr absolviert, schließlich geheiratet. Das war dann der Wunsch, nun alles geordnet ablaufen zu lassen, Halt zu finden, aufzubauen. Der bürgerliche Versuch scheiterte jedoch. Als „Gerüst ohne Fundament“ beschreibt die Mutter diese vergangene Lebensphase rückblickend. Barbara Thumm ist eine große Frau mit halblangen dunklen Locken, durch die sich vereinzelt erstes Grau zieht. Das fällt deshalb auf, weil in Zeiten der Haarchemie und bei einer an neunundneunzig Prozent gehenden bundesdeutschen Frauenhaardurchfärbung dieses natürliche Bild so selten geworden ist. Junggeblieben, dieses vielfach mißbrauchte Attribut, mag aber auf Barbara Thumm so richtig zutreffen. Das Mütterliche, also faktisch die Stellung als Familienoberhaupt, überblendet nicht die außergewöhnlich freundschaftliche Art im Umgang mit ihren Kindern. „Da war meine Seele wie angerührt“ Während Barbara damals aus der Ehe aus- und aufbrach, sich selbst zu finden, mal im Zirkus-Bauwagen, dann in wechselnden Wohngemeinschaften, war Junggeselle Clemens in den frühen Neunzigern gen Osten aufgebrochen. Eigentlich hatte er Archäologe werden wollen, hatte an Ausgrabungen teilgenommen, Museumsarbeit geleistet. Abgeschreckt von der trockenen, toten Wissenschaftlichkeit des Studiums begann er dann eine Lehre als Maurer, die er „eisern“, wie er sagt, durchhielt. Von einer Großfamilie träumte der überzeugte Katholik damals nicht, Mönch oder Künstler, das seien damals Optionen gewesen, die ihm passend erschienen. Als initiatorisch für seinen schließlich eingeschlagenen Lebensweg beschreibt der gebürtige Großstädter einen Besuch bei der Großmutter auf dem Lande, wo er zum ersten Mal ein Pferdefuhrwerk erlebte, das wohl einen Pumpenwagen zog, der Abortgruben entleerte. Schemenhaft habe er ihn in der Morgendämmerung am großelterlichen Haus vorbeiziehen sehen, Hufeisen klapperten auf dem Straßenpflaster. „Da war meine Seele wie angerührt“, erzählt der hagere Blonde mit der Nickelbrille, „und seit diesem Tag zog sich eine Sehnsucht durch mein Leben, die mich nie wieder losließ.“ Bald begeisterten ihn die kunstvollen Erzeugnisse alten Handwerks, nicht aus nostalgischem Ästhetizismus, sondern gerade dann, wenn sie nach Generationen immer noch treu ihren Dienst taten oder doch wieder nutzbar gemacht werden konnten. Bald nach der Wende kehrte er dem „überzuckerten Westen“, wie er die alte Heimat beschreibt, den Rücken, um dort 1994 ein altes Gehöft zu kaufen. 1.900 Quadratmeter Eigentum im sachsen-anhaltinischen Burgenland, zu denen bis heute noch Ackerflächen, Wald sowie eine kleine Trauminsel inmitten der Unstrut erworben wurden. 1996 fanden Barbara und Clemens zueinander und haben seither vier Kinder gezeugt: Franziska, Daniel, Richard und zuletzt die kleine Helena, die gerade ihre ersten Gehversuche beginnt. Ist denn eine Heirat in Sicht? Bandur, der die Kirche als seine Heimat sieht, seine Faszination von Bräuchen, liturgischen Gesängen und letztlich dem menschgewordenen Jesus Christus schildert, wiegt den Kopf. Der Kirche, sagt er, ist die Ehe als Ideal der lebenslangen Treue zu einem einzigen Menschen heilig, sagt er. „Wir sind dem leider nicht gerecht geworden. Aber träumt nicht auch das Christentum von der einen, heiligen Kirche – und trotzdem ist sie schlimm gespalten. Die Heiligen gibt es trotzdem.“ Und auch das Heile – möchte man ergänzen, weil man so viel davon hier gelebt sieht. Daß die Familie Luxus vermeide, wäre eine Untertreibung – bezogen auf den materiellen Standard leben sie ein Leben, wie es schlichter kaum sein könnte. Das alte Haus wird mittels Einzelöfen beheizt, in der kalten Jahreszeit bollert der Ofen in der großen Wohnküche mit den alten, breiten Dielen, den liebe- und kunstvoll restaurierten Türen so warm, daß die Nachbarn gern auf eine Tasse Tee hereinschauen und sich aufwärmen. Die Zimmer im Obergeschoß, wo auch die Kinder schlafen, bleiben kalt, richtig frostig ist es dort im Winter. Dann geht die Familie warm bekleidet und mit Wärmflaschen zu Bett – Erkältungskrankheiten sind eine Rarität bei Bandur/Thumms. Bis zum „Zwangsanschluß“ im letzten Jahr gab es auch keine Toilette, das Plumpsklo auf den Hof tat ebensogut seine Dienste. Wasserklosett und „Badelandschaften“ zum Wohlfühlen – daran war nie Bedarf. Es ist eine Lebensweise und eine Haltung, die nichts weniger sein will als missionarisch. Andere leben anders, und sie werden ihre Gründe dafür haben. Das ist alles andere als ein ignoranter, egozentrischer Standpunkt, es ist eine Anschauung, die aus Respekt nicht anmaßend sein will. Die völlige Selbstversorgung freilich muß Illusion bleiben, und dennoch: der Garten sorgt sommers für Gemüse und bis in den Winter für Kartoffeln, die eigenen Bienen erwirtschaften Honig über den Selbstbedarf hinaus, und durch die alte Kelter, die Clemens Bandur in Betrieb gesetzt hat, könnte ein ganzes Dorf mit Apfelsaft versorgt werden. Ihre Schafe hat die Familie vor kurzem wieder abgeschafft, zur Milchgewinnung ist man auf Kühe umgestiegen, drei sind es bereits, fünf sollen es 2004 werden. Geblieben ist dennoch ausreichend Wolle, die Barbara Thumm am Webstuhl für Pullover und Socken spinnen kann. Dieses Leben aus der Unmittelbarkeit, umgeben von schönen alten Dingen, „die die Seele ansprechen“, wie Barbara Thumm es empfindet, ist den Eltern eine Art Pflaster auf eigene Lebensnarben und zugleich eine Form der Erziehung, der Erziehung zu freien Menschen. Kräftiger Bogen, starker Pfeil, dahin sollen die Kinder erzogen werden, sagt sie: „Unsere Kinder haben heute doch nur eine Chance verantwortlich und selbstbestimmt aufzuwachsen, wenn sie so wenig Hilfe wie möglich, und soviel wie eben nötig erhalten.“ „Konsumterror“ und Indoktrination Jedoch: eine Familie kann Halt und Beispiel sein, aber keine Insel. Wie schwierig Erziehung gerade heutzutage ist, empfindet das Paar vor allem in bezug auf die Schule. Wie gern würde man die Schule in die Randposition drängen, die ihr nach den Wünschen der Eltern zustünde! Ihre Grundaufgaben nehme die Schule gerade nicht wahr: den Kindern die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, daneben Achtung vor dem Leben und den Menschen sowie selbständiges Handeln. Gerade was die beiden Kinder im „kritischen“, pubertierenden Alter angeht, empfinden die Eltern die pädagogische Macht der Schule als Einmischung und Zumutung – dort werde die natürliche Ablösung der Kinder vom Elternhaus ausgenutzt, um sie einzufangen und einem völligen Kulturwechsel zu unterziehen. Zu Hause Naturkost, selbstgefertigte Kleider oder solche aus zweiter Hand, oft Kerzenlicht, kein Fernsehen und Radio, in der Schule Indoktrination und „Konsumterror“, klagt die Mutter. Raul und Josefa haben diesem Druck nicht standhalten können, sagen die Eltern und empfinden diese „Überanpassung“, das Parfum des Sohnes und den Wunsch der Tochter nach Markenkleidern, als schmerzhaft und schlimm. Die beiden Großen werden sicher wieder in die Stadt drängen, bald, vermutet der Stiefvater. Vielleicht zurück in den Westen, wo Barbaras volljähriger Sohn Jan gerade eine Lehre macht. Der Außenstehende freilich hat einen anderen Blick auf die beiden Gymnasiasten. Er sieht zwei kräftig gesunde Kinder, eine hübsche, aufgeblühte Fünfzehnjährige mit hellem Lachen, die wie selbstverständlich das Spieleprogramm zum Kindergeburtstag organisiert hat und durchführt, und einen Jungen mit hellwachen Augen, der so ganz einem Hermann-Hesse-Roman entsprungen zu sein scheint. So blickt ein Suchender, kein Konsument. Franziska, die im Sommer eingeschult wird, wurde jetzt in einer Freien Schule angemeldet. Den weiteren Fahrtweg nehmen die Eltern gern in Kauf, erhoffen sie sich doch von dem an Montessori angelehnten Konzept dieser christlichen Schule idealere Rahmenbedingungen. „Ein kleiner Knopf, den wir alle lieben“ Barbara Thumm hat ihre Kinder zu Hause zur Welt gebracht. Auch Richard, der jetzt drei wäre, war eine Hausgeburt, obwohl das Paar durch eine Ultraschalluntersuchung wußte, daß der Kleine nicht lebensfähig sein würde. Wichtige Organe waren nur hälftig angelegt, so daß der Junge selbst bei medizinischer Intensivstbetreuung keine Überlebenschance hätte – sagten die Mediziner. Die Zeit der Schwangerschaft war nun mit schweren Gedanken belastet. Zum Glück habe es viele wichtige Menschen gegeben, die zu der Familie hielten, blickt Clemens Bandur zurück. Das half dort, wo den Eltern vehemente Ablehnung entgegenschlug. Auch ein rechtliches Problem schälte sich heraus: eine Spätabtreibung des kleinen Jungen wäre legal gewesen und wurde von verschiedenen Seiten dringend angeraten. Nach der Geburt aber wäre es unterlassene Hilfeleistung – „so in etwa Mord also“, sagt Bandur -, wenn nicht alles in Anspruch genommen würde, was die moderne Medizin zu bieten hat. „Würde unserem Richard, falls er wirklich nicht lebensfähig wäre, ein würdiges Sterben erlaubt sein, oder würde er, an Schläuche und Apparate gefesselt, zum medizinischen Versuchskaninchen?“ Richard kam zur Welt, ein liebenswertes, süßes Kind, ein „kleiner Knopf, den alle liebten“, wie Clemens Bandur erzählt. Auf die Hausgeburt folgte ein zweiwöchiger Klinikaufenthalt, danach durfte Richard tatsächlich wieder nach Hause. Nach sechs Wochen verließ er die Familie wieder. Ruhig und schmerzlos schlief er in den Armen des Vaters und im Beisein der ganzen Familie ein. „Noch im Tod“, spricht Clemens Bandur leise, „sah er so schön aus, daß auch seine kleinen Geschwister ihn streicheln und von ihm Abschied nehmen wollten.“ Im Moment des Todes sei ihnen deutlich geworden, daß ihre Ängste unnötig gewesen waren, Richard hatte das Leben der Familie reich gemacht. Neben Richards Körbchen und dem uralten, schmalen „Ehebett“ seiner Eltern, stand eine Pflanze, die seit Jahren niemals geblüht hatte. Am Tag, als das Kind starb, blühte sie auf mit riesigen leuchtenden Blüten. „Seit seiner Beerdigung“, sagt Clemens Bandur, „ist Richard unser kleiner Schutzengel geworden.“ Seit einigen Monaten treffen sich Thumm/Bandurs mit befreundeten Familien zum gemeinsamen Musizieren. Die Idee sei ganz spontan entstanden, erzählt Barbara Thumm, irgendwann sei zur Sprache gekommen, daß jeder in der Jugend mal ein Instrument gelernt hatte und diese Fertigkeit seither eigentlich brachliege. Barbara hat ihre Geige ausgegraben, Clemens zum geerbten Harmonium noch ein altes Horn erworben, und so kommen in unregelmäßigen Abständen Treffen zustande, bei denen die Großen in der Minderzahl sind und es vor Kindern nur so wimmelt. Bei Thumm/Bandur spielt jeder ein Instrument, der alt genug ist dazu, Josefa geigt, der dreizehnjährige Raul, hochmusikalisch, bringt seit einem Jahr Franziska das Flöten bei, mit hörbarem Erfolg. Die Nacht bricht früh herein an solch spätem Herbstnachmittag. Franziska und Daniel, gerade fünf geworden, rücken fröstelnd unter einer Wolldecke zusammen. Kindermund wird mitgehört: „Guck mal, da oben, die vielen Sterne! Da wohnt der liebe Gott!“ – „Den haben aber nur ganz ganz wenige Menschen gesehen.“ – „Ich kenne keinen, die den schon gesehen hat… “ also, wir kennen ja keinen.“ – „Doch, die Mama kennt einen, der war in Afrika, und der hat wirklich schon den lieben Gott gesehen.“ – „Ja, aber wir kennen keinen. So Menschen sind ganz selten.“ Die Familie Bandur/Thumm: das waren schon ohne Wasserklosett ganz reiche Leute.

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