Des Westens Kern

Die vom „Förderverein Krisis – Verein für kritische Gesellschaftswissenschaft“ herausgegebene Zeitschrift mit dem Untertitel „Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft“ befaßt sich in ihrer jüngsten Ausgabe mit dem inneren Kern der angeblichen westlichen Aufgeklärtheit. Dabei stellt man fest, daß die aus dem Fundus des Aufklärungsdenkens stammenden Basisannahmen unhaltbar geworden sind: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit reimen sich keineswegs auf Frieden und Versöhnung. Näher berochen, entströmt diesen Prinzipien vielmehr seit jeher ein unangenehmes Fluidum von Tod und Mord, das heute verstärkt freigesetzt wird.“ In die gleiche Kerbe haut Franz Schandl, wenn er „Auschwitz als authentisches Produkt der westlichen Zivilisation“ und nicht als „Zivilisationsbruch“ definiert. Die Konzentrationslager etwa seien als eine Erfindung aus den Burenkriegen „letztlich eine direkte Ausgeburt des Kolonialismus“, schreibt er und zitiert den trotzkistischen Historiker und Politologen Enzio Traverso: „Sowohl die Atombombe wie die Vernichtungslager der Nazis gehören zum ‚Prozeß der Zivilisation‘, indem sie keine Gegentendenz oder Verwirrung darstellen (…), sondern Ausdruck einer ihrer Möglichkeiten, eines ihrer Gesichter, ein in ihr mögliches Abgleiten sind.“ Daher sei ein „Antifaschismus“, der wie zum Beispiel Daniel Goldhagen eine „Apologie des Westens“ betreibe und den Nazismus auf „ein deutsches Phänomen“ reduziere, „in einer reflektierten kritischen Debatte reines Gift“. Einige Kritiken aus dem nicht-deutschen Sprachraum zum Krisis-Text „Manifest gegen die Arbeit“, beschließen das Heft. Zwar sei eine „Demontage der reformistischen Konzepte“ richtig, meinen die Kritiker, jedoch suche man in diesem Manifest vergeblich „die leisesten Anspielungen auf die großen revolutionären Brüche des 20. Jahrhunderts oder einen einzigen Bezug auf die revolutionären Strömungen des Marxismus und Anarchismus“. Zudem habe die Kritik des modernen Kapitalismus nicht erst begonnen, „als Krisis anfing nachzudenken“. „Enttäuschend und anmaßend“ sei dieses „alte Schema von der Rolle der Intellektuellen bei der Bewußtseinsbildung“. Man argumentiere unzweifelhaft „im Stil der Frankfurter Schule“ und verwische auf diese Weise „einen Großteil der Geschichte der Arbeiterbewegung“. Indem man jedoch „die Brücken zur Tradition und zur Gesellschaft, so wie sie ist“, abbreche, müsse die Gruppe Krisis zu einer politischen Option Zuflucht nehmen, „die marktschreierisch ein radikal subjektivistisches Szenario mit einer völlig objektivistischen Analyse vermischt“. In der Tat scheint Krisis in diesem Zusammenhang die Thesen des amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin kritiklos übernommen zu haben. Die wichtigste Frage, ob es in einer Welt, in der die Mythen von Wachstum und Fortschritt reihenweise zusammenbrechen, reicht, die Theorie einer deterministischen Perspektive zu entwickeln, beantworten jedoch weder Rifkin noch das „Manifest“. Anschrift: Horlemann Verlag. Postfach 1307, 53583 Bad Honnef. Einzelpreis 10 Euro. www.krisis.org

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