Auf der Flucht erschossen? Carl Gustaf Ströhm

Als kürzlich zwei berüchtigte Belgrader Gangster – die als Hintermänner des Mordes an Ministerpräsident Zoran Djindjic galten – bei ihrer Verhaftung von serbischen Polizisten erschossen wurden, fiel kaum einem der westlichen Kommentatoren etwas auf. Aber gab es nicht schon zu Zeiten des Dritten Reiches die Formel „Auf der Flucht erschossen“? Auf diese Weise entledigte man sich unbequemer Zeitgenossen. Das seit dem Tode Djindjic‘ von Reform- und Säuberungseifer erfaßte Serbien stellte nicht einmal die Frage, wieso gleich zwei der Gangster, die beide zur „Zemun“-Mafia gehören, auf der Stelle tot waren. Es wird gemunkelt, einflußreiche Kreise hätten kein Interesse, daß die beiden in einem Gerichtsverfahren aussagen. Doch voller Selbstzufriedenheit hört man im Westen plötzlich das Lob der Serben: Jetzt, nach dem Tode ihres westlich-demokratischen Premiers, sei man endlich darauf gekommen, daß Verwaltung, Exekutive und Justiz voller Milosevic-Anhänger steckten, die man nun mit eisernem Besen säubern muß. Daß alle Versuche, der Korruption und dem organisierten Verbrechen mit Polizeimethoden beizukommen, letztendlich fragwürdig sind, wird beiseite gelassen. Interessant ist auch: Solange Djindjic lebte, hatte die serbische Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen kaum Erfolge zu verzeichnen. Drei Jahre lang suchte man in Belgrad nach dem damals verschwundenen Ex-KP-Spitzenpolitiker und möglichen Milosevic-Gegenkandidaten Ivan Stambolic. Kaum war Djindjic unter der Erde, fand man Stambolic‘ Leiche unweit von Belgrad – ermordet als Konkurrent seines einstigen Schülers Milosevic. Milosevic muß nun als Sündenbock für alles herhalten, aber er war nicht der „Erfinder“ des serbischen Systems, in dem sich Politik und Verbrechen miteinander vermengten. Seit dem Königsmord an der Dynastie Obrenovic 1903, seit dem Mord von Sarajevo 1914 – hinter beiden stand die Geheimorganisation „Schwarze Hand“ – zieht sich die blutige Spur durch die serbisch-jugoslawische Geschichte: Ermordung des kroatischen Bauernführers Stjepan Radic während einer Parlamentssitzung in Belgrad 1928, Ermordung des Zagreber Professors Milan von Sufflay 1931 – einem Albanerfreund usw. Leider gibt es viele Hinweise, daß Djindjic‘ Nachfolger den von ihnen verkündeten Ausnahmezustand dazu benutzen, um unliebsame politische Konkurrenten auszuschalten, Zeitungen zu verbieten. Demokratie kann nur funktionieren, wo es demokratische Voraussetzungen gibt. Und die fehlen in der Struktur Serbiens fast völlig. Doch während sich alles um den Irak dreht, ist der Balkan in Vergessenheit geraten. Dabei haben die kroatischen Sicherheitsbehörden neulich ein umfangreiches Spionagenetz der bosnischen „Republika Srpska“ aufgedeckt. Das Netz sollte die Möglichkeit eines Revanchekrieges der Serben gegen Kroatien auskundschaften. Der kroatischen Links-Regierung ist das peinlich, weil es nicht in die westliche „Friede, Freude, Eierkuchen“-Philosophie paßt. Und im einst schwer umkämpften Vukovar klagte der kroatische Bürgermeister, die zurückgekehrten Serben würden die kroatischen Kinder in der Schule als „Ustascha“ und „Faschisten“ beschimpften. Die Schulwände seien mit entsprechenden „Graffiti“ vollgeschmiert. Die Atmosphäre sei derartig, daß man meinen könnte, ein neues 1991 (Beginn des serbisch-kroatischen Krieges) stehe bevor. Einmal mehr zeigt sich, daß Probleme nicht gelöst, sondern bagatellisiert oder ignoriert werden.

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles