Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

„Absurd und beleidigend“

Am vorigen Freitag hat der Gerichtspräsident von L’Aquila das umstrittene italienische Kruzifixurteil seines Richterkollegen Mario Montanaro aufgehoben. Das Bildungsministerium in Rom hatte Einspruch gegen die Anordnung erhoben, das Kreuz aus den Schulklassen im Abruzzendorf Ofena entfernen zu lassen. Nun hat das Ministerium einstweilen obsiegt. Sicherlich ist damit aber nicht das letzte Kapitel im italienischen Kruzifixstreit aufgeschlagen worden, malen die Mühlen der italienischen Justiz doch gewöhnlich lang. Und der Kläger, Adel Smith, ein schottisch-ägyptischer Muslim, gilt zudem als jemand, der sich von Rückschlägen nicht beeindrucken läßt. Schon seit geraumer Zeit zieht Smith durch italienische Fernsehsendungen und verlangt die Verbannung der Kruzifixe aus dem öffentlichen Leben. Der Chef einer kleinen, aber radikalen islamischen Vereinigung lebt in Ofena in den Abruzzen. Es ist ein frommer Landstrich, weitab von den Touristenattraktionen des Landes, der jedoch manchen Pilgern durch das eucharistische Wunder von Lanciano bekannt ist, fünf blutigen Klumpen in einer Monstranz, die sich im Mittelalter aus einer Hostie gebildet haben sollen. Mitten unter gottesfürchtigen Christen gehen nun die Kinder von Smith zur Grundschule und lernen unter dem „kleinen Kadaver“, wie der Muslim den Corpus am Kreuz nennt. Ihr Vater erreichte nun schon zweimal vorübergehend, daß dies christlichste aller Symbole von der Klassenraumwand verschwand: Zunächst knickte der Rektor ein und ließ das Kreuz nach Smith‘ Protesten entfernen. Die Eltern der Mitschüler wehrten sich, und das Kruzifix kehrte an seinen gewohnten Platz zurück. Nun brachte der Muslimaktivist eine Koransure daneben an, die daraufhin entfernt wurde. Erst dann wandte er sich an die Justiz und fand einen 33jährigen Richter, der die italienische Republik wohl für laizistischer hielt, als sie seine Kollegen sehen. Das Anbringen des Kruzifixes in einer staatlichen Schule sei weder mit der Trennung von Kirche und Staat noch mit dem Grundrecht auf Religionsfreiheit vereinbar, argumentierte der inzwischen international berühmte Richter Montanaro in seiner Urteilsbegründung. In der Tat ist der Katholizismus in Italien nicht mehr Staatsreligion. Jedoch muß einem Dekret aus den zwanziger Jahren zufolge in jedem Klassenzimmer ein Kreuz und das Bild des Staatsoberhauptes hängen. Dies ist eine von vielen Vorschriften, mit denen auf italienische Weise verfahren wird: die einen halten sich dran, die anderen nicht – so lange, bis sich jemand rührt. Der rührige Adel Smith nun setzt nicht nur auf die Justiz, um seiner Meinung Geltung zu verschaffen, sondern greift auch schon einmal zu ganz ungesetzlichen Argumenten. So griff er einmal einen italienischen Fernsehjournalisten tätlich an, der ihn als Terrorismus-Sympathisanten bezeichnet hatte. Gewalt erzeugt nun mal Gegengewalt, und so setzte es dann kurze Zeit später noch einmal Hiebe: Eine Gruppe von Neofaschisten verprügelte Smith und seinen Sekretär Massimo Zucchi, der dabei erhebliche Verletzungen erlitt. Unter Italiens Muslimen ist Smith denn auch höchst umstritten, er gilt als „Provokateur“, der „Gott instrumentalisiert“ und damit letztlich die Integration gefährde. Der Generalsekretär des Verbandes muslimischer Gemeinschaften Italiens, Hamza Roberto Piccardo, sagte, daß „Smith jede Gelegenheit ausnutzt, die christliche Religion und ihre Symbole zu beschimpfen und zu bekämpfen“. Fest steht jedenfalls, daß Smith den kleinen Koalitionspartner Lega Nord in seiner Haltung bestätigt, sich gegen das kommunale Wahlrecht von Ausländern zu wehren. Die norditalienische bürgerlich-populistische Partei stellt zudem den Justizminister. Minister Roberto Castelli kündigte denn auch nach dem Urteil in der Lega-Zeitung Padania an, eine Untersuchung gegen den Amtsrichter zu eröffnen, ob dieser nicht gesetzliche Anordnungen mißachtet habe. In Sachen „Kruzifixurteil“ hat die Lega Nord dann auch starken Rückenwind von der katholischen Kirche: Die Vatikanzeitung L’Osservatore Romano bezeichnete die gerichtliche Anordnung zur Entfernung der Schulkreuze als „absurd und beleidigend“. Der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Camillo Ruini, zeigt sich schockiert. Es gehe um die Seele des Landes, sagte der Kardinal. Der Erzbischof von Ravenna, Kardinal Ersilio Tonini, fragte nach dem Urteil, ob als nächstes in Italien die Kirchen abgebaut würden.

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